Friedrich Dub: Hiſtoriſche Entwickelung der Ouverture bis auf unſere Zeit.
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die Chronique scandaleuse über dieſen hoffnungs⸗ vollen König von England, der Garibaldi in einem ſehr weinſeligen Zuſtande beſuchte, und in deſſen In⸗ tereſſe am Windſorſchloſſe der Königin mehrmals ange⸗ ſchlagen ſtand:„Dieſe Zimmer ſind zu vermiethen!“ nicht noch vermehren. Die pöbelhafte Times, die's immer mit werdenden und gemachten Größen hält und dem Sinkenden oder Todten mit Falſtaffs⸗Courage noch gern ein Bein abhaut, wie dem gefallenen Perch, die Times und die meiſten übrigen Zeitungen ſchwär⸗ men mit dem fünften Georg für Dänemark, um Deutſch⸗ land und die deutſchgeſinnte Königin zu kränken. Das iſt allerdings unerhört gemein und pöbelhaft einer ſol⸗ chen Königin gegenüber, welcher ſogar die Trauer um den Tod des deutſchen Gemals, den der junge Georg auch beſchleunigt haben ſoll, zum Vorwurf gemacht wird, ſo daß ſie neulich es für nöthig fand, öffentlich er⸗ klären zu laſſen, daß ſie alle Pflichten einer Königin auch ferner noch erfüllen werde, die Beförderung des Abſatzes von Schnittwaaren und Putzſachen aber durch Veranſtaltung von Hoffeſtlichkeiten nicht mehr ſelbſt unternehmen könne.
Ich habe ſchon oft angedeutet und mehr oder we⸗ niger deutlich geſagt, daß man England nicht nach ſei⸗ nem Throne, ſeiner Ariſtokratie, ſeinen Diplomaten, ſei⸗ nem Parlamente, ſeiner Politik und Tagespreſſe beur⸗ theilen dürfe. Dieſe herrſchen in England nur nach den Vorſtellungen außerhalb und auf Grund der tägli⸗ chen Auszüge der Schleſinger'ſchen lithographiſchen Kor⸗ reſpondenz. In der Wirklichkeit aber herrſchen die pro⸗ duktiven und Handels Intereſſen, denen ſich, wenn's ſo zu ſagen zum Klappen kommt, alle die officiellen Staatsgewalten fügen müſſen. Und da Deutſchland und der Friede mehr werth ſind, als das vom Kopen⸗ hagener Pöbel beherrſchte Dänemark, wird's auch der fünfte Georg, wenn er König geworden ſein wird, nicht zu einem Kriege für Dänemark gegen Preußen bringen können, ſelbſt wenn ihm dies in weinſeliger Laune als eine nothwendige und unumgängliche Heldenthat er⸗ ſcheinen ſollte. kühnen Plänen und Maßregeln, durch welche der künf⸗ tige König die von ſeiner Mutter und ſeinem Vater ſtets zu weit getriebene Nachgiebigkeit gegen Parla⸗ ments⸗ und Volksſtimme abſchaffen wollte, um das von ſeinen Eltern verſcherzte Anſehen der Krone wieder zu reſtauriren, aber die Zeiten der vier Georgs ſind vor⸗ bei. Auch dürfte die von dem Prinzen adoptirte Le⸗ bensweiſe nicht geeignet ſein, ihm viel Energie zu re⸗
ſtaurirenden oder kriegeriſchen Heldenthaten übrig zu
laſſen. Auch darf man nicht vergeſſen, daß die verhaßte Palmerſton⸗Politik, ſo lange und ſo oft der Schrecken und das Verderben anderer Völker, ſehr altersſchwach und eben in der deutſch⸗däniſchen Sache nicht nur allge⸗ mein lächerlich, ſondern auch verächtlich geworden iſt und jedenfalls über ein Kleines mit moraliſchem und phyſiſchem Tode abtreten wird. Inzwiſchen hat ſich eine volks⸗ und ſtaatswirthſchaftliche Einſicht begründet und verbreitet, die eben ſo richtig rechnet, als auf Grund dieſer richtigen Exempelſummen human iſt, die ſoge⸗
Zwar munkelt man bereits von allerlei
nannte Mancheſter⸗Schule der Friedens⸗Tauben, die in ihren Repräſentanten Cobden, Bright u. ſ. w., trotz aller Verſuche, ſie lächerlich zu machen, doch immer ſchon lange dermaßen reſpektirt wird, daß Cobden und Bright nir⸗ gends eine Rede halten können, die nicht mit vielen Ko⸗ ſten in den Zeitungen ſofort nach ſtenographiſcher Nach⸗ ſchrift wörtlich und ausführlich mitgetheilt und durch Leitartikel ausgezeichnet würde. Das paſſirt den Herren Miniſtern nur ausnahmsweiſe. Man begnügt ſich, den in der Regel ſtrohernen Inhalt ihres Makulaturs anzu⸗ geben und die Sache dann zu vergeſſen und zu ver⸗ geben.
Die große produktive und bis weit hinab gebil⸗ dete Maſſe der Nation läßt ſich die Palmerſton⸗ reſp. Derbhy⸗Größen eben noch gefallen, weil ſie in ihrem Sinne doch nichts Geſcheites mehr ausrichten und ſtets klug genug waren, ſtarkem Gedränge des Nationalbe⸗ dürfniſſes nachzugeben, auch weil die Nation in dem Bewußtſein dieſer Macht durch die etwas ſchwach ge⸗ wordenen Schwindel⸗Diplomaten im Weſentlichen nicht inkommodirt wird und es für beſſer hält, deren Ende abzuwarten, ſtatt durch gewaltſame Demonſtrationen deren Ab⸗ und Untergang zu beſchleunigen. In Folge des Benehmens gegen Garibaldi kam es allerdings zu be⸗ deutenden Aeußerungen des Unwillens und Vorſchlä⸗ gen, dem Palmerſtonianismus einen ſanften Schub zum Abgange angedeihen zu laſſen, aber die Vorſtellung, daß jede Kriſe nachtheilig auf Wagen⸗ und Menſchen⸗ Verkehr in der City wirkt und ein ſo verfrühtes Gericht Geld koſtet, ſiegte wie immer über die zornerglühenden Geſichter, ſo daß man nun die alten Herren wieder ruhig konferenzen ließ, womit ſie ihr unſeliges Ende hoffentlich ſelbſt etwas beſchleunigt haben.
(M. f. d. L. d. A.)
Hiſtoriſche Entwickelung der Ouverture bis auf unſere Zeit. Von Friedrich Dub.
ie Ouverture iſt ein muſikaliſcher Prolog, der auf
ein größeres Inſtrumentalwerk vorbereiten und
— e den Zuhörer in die, für das Anhören der Oper ac., nöthige Stimmung verſetzen ſoll.— Dieſes
iſt die Grundregel der Ouverture, und wird von
dieſer Regel abgewichen, dann wird das betref⸗
fende Tonſtück nicht mehr Ouverture genannt werden können; dieſer letztere Punkt wird uns beſonders bei der Schilderung der Ouverture in der Neuzeit beſchäf⸗ tigen.— Betrachten wir zunächſt die Ouverture in den 20er und 30er Jahren des 18. Jahrhurderts, ſo müſſen wir uns vor allem den Standpunkt der dama⸗ ligen Oper klar zu machen ſuchen.— Italien war da⸗ mals das tonangebende Land; die Oper aber hatte durchaus keinen feſt ausgeprägten Charakter; kein höheres Streben zeigt ſich in ihr; der Italiener wollte ſich blos unterhalten, die Langeweile tödten, nicht aber ſich einen


