118 Der City⸗Verkehr Londons.
zum Theil um 1000 bis 1500 Procent vermehrt, alſo auch die Gegenſtände, welche dieſes Wachsthum bedingen.
Der Präſident des Civil⸗Ingenieur⸗Inſtituts, Mr. MClean, hielt neulich in der großen Jahres⸗Verſamm⸗ lung einen Vortrag über dieſen Gegenſtand, aus dem einige Angaben von Intereſſe ſein werden. Im Jahre 1815 betrug das Jahres⸗Einkommen aus Bergwerken, Kohlen⸗ und Eiſenminen noch nicht 1 ½ Millionen Pfund, 1856, alſo 40 Jahre ſpäter, über 18 Millio⸗ nen, welche nach dem Maße der bisherigen Steigerung 1866 über 25 Millionen ausmachen werden. Dieſes ungeheure Wachsthum iſt, wie er nachwies, ein Segen der Eiſenbahnen, welche nach den ungeheuerſten Schwin⸗ deleien und Verluſten nun doch ein darin ſteckendes Ka⸗ pital von ungefähr 400,000.000 Pfund Sterling meiſt gut, in einzelnen Fällen mit mehr als zehn Procent verzinſen. Die Eiſenbahnen nehmen 200.000 Acres Land ein, der bebaute Boden umfaßt 40,000.000 Acres. Und dabei bezahlen dieſe 200.000 Aeres Eiſenbahnen beinahe denſelben Betrag an Steuern, wie ſämmtliche Beſitzer der 40,000.000 Ackerbauboden.
Ungefähr 300.000 Menſchen ſchaffen jährlich 2,000,000.000— zweitauſend Millionen Centner— Kohlen aus dem engliſchen Boden, und es wurde im Hauptorte dieſer Kohlen⸗Induſtrie, Neweaſtle, die Be⸗ ſorgniß laut, daß bei dieſem ungeheuren, noch immer ſteigenden Bedarf der noch ſo reiche Vorrath doch end⸗ lich erſchöpft werde und man einſt Kohlen nach New⸗ caſtle, wie früher Eulen nach Athen, tragen würde, aber nicht mehr als einen Ueberfluß, ſondern als ein theures Bedürfniß. M Clean zerſtörte dieſe Furcht mit Hilfe der Geologen, durch welche man ermittelt hat, daß in einer tieferen Schicht über halb England auf ſtarken Kohlen⸗ lagern ruhe, welche trotz der größeren Schwierigkeiten und Hitze in dieſen tieferen Schichten(durch maſſenhafte Ventilation) mit dem größten Vortheil benutzt werden könnten, ohne daß an eine Erſchöpfung im Laufe von Hunderttauſenden von Jahren zu denken ſei. Jetzt erſetzen die engliſchen Kohlen in England allein die Kraft von 12 Millionen Pferden à 1 Penny Tagesko⸗ ſten für jede Pferdekraft(d. h. im Bergwerke ſelbſt, ohne Transportkoſten).
Mit den Kohlen wird auch viel Eiſen gewonnen. Die 1862 aus der Erde geholten 160,000.000 Ctr. Erze wurden in 80,000.000 Centner Roheiſen u. ſ. w. verwandelt. Für Kohlen⸗ und Eiſen⸗Export wurden 25,000.000 Pfund Sterling eingenommen, 1863 noch mehr, in welchem Jahre der Geſammtwerth aller engli⸗ ſchen Produkte und Fabrikate auf 146,489.763 Pfund Sterling ſtieg, d. h. um beinahe 20,000.000 höher, als im Jahre vorher.
Da ſich die Engländer, wie jedes geſcheite Volk, nicht todtes Geld für dieſe Exporte zahlen laſſen, ſon⸗ dern Waaren und Produkte, die mehr werth ſind, als das baare Geld, alle im⸗ und exportirten Waaren aber in London wenigſtens verrechnet und ausgeglichen wer⸗ den, nicht in London, ſondern im hundertſten Theile desſelben, der City, ſo kann man ſich denken, oder viel⸗
mehr nicht denken, was darin gebucht, verrechnet, durch Wechſel und Baarzahlungen ausgeglichen wird. Alſo Reſpekt vor dieſen Pferden und Menſchen der Cityl Sie ſind die Majeſtät Englands, welche ſich meiſt nur mit ihren Anfangsbuchſtaben ſchreibt, die ſo ausſehen: L. s. d.(Pfund, Schilling, Penny.) Man nennt die Engländer deshalb auch gern ein gemeines Krämer⸗ Volk, beſtehend aus backenbärtigen Sklaven des Geld⸗ machens(whiskered slaves of money-making), aber da andere Menſchen und Majeſtäten auch gewaltigen Reſpekt vor Geld haben und es ſich oft um jeden Preis zu erwerben ſuchen, werden dieſe gemeinen Engländer mit dem meiſten Gelde und dem großartigſten Verkehre verehrt, beneidet werden, ſo lange der Mammonismus eine verbreitetere Religion bildet, als der Monotheismus.
Uebrigens iſt's nicht blos das Geld, das ſie groß macht und ſo erhält. Man darf England nicht nach ſeinen Diplomaten, auch nicht nach ſeiner politiſchen Preſſe beurtheilen. Dieſe repräſentiren blos die ge⸗ meinſte, merkurialſte und merkantilſte Seite Englands und ſchimpfen und intriguiren gegen Alles, was außer⸗ halb nur Miene macht, im Handel zu konkurriren oder den Handel zu ſtören. Die Preßwuth gegen Preußen ſtammt aus keiner andern Quelle, als aus dem Gefühl, daß es durch Krieg die Handelsintereſſen ſtöre und ſich durch Ausdehnung bis zur Eider an der Nord⸗ und Oſtſee ſeemächtig und handelstüchtig gegen England machen könne. Und inſofern die engliſchen Staats männer annehmen, daß ſich der Krieg doch noch hätte vermeiden und Alles diplomatiſch löſen laſſen können — in welcher Richtung ſie ſehr thätig waren, kann man ihnen und der Preſſe dieſe Erbitterung gar nicht ſo ſehr übel nehmen. Sympathien für Dänemark lie⸗ gen nicht zu Grunde. Sie würden, wenn es ihren In⸗ tereſſen nothwendig erſchiene, Kopenhagen ebenſo ohne Umſtände bombardiren, wie 1807. Daß der Haß ge⸗ gen die ſiegreichen Waffen Preußens die Form von dä⸗ niſchen Sympathien und einer hämiſchen Oppoſition gegen die zeitlebens bisher verehrte und gebildete Kö⸗ nigin angenommen hat, iſt Folge einer eigenthümlichen Entwickelung des mündig, Ehemann und Vater gewor⸗ denen Prinzen von Wales. Mir hat dieſer Jüngling nie recht gefallen wollen, ſo oft ich ihn als Knabe grö⸗ ßer und größer ſah. In ſeinem Geſicht lag ſtets etwas von dem Charakter eines„sneak“, der hinter den Ohren hat, wo gewiſſe untergeordnete Geiſtesanlagen und Leidenſchaften ihre phrenologiſchen Höcker anſetzen. Er ſcheint einer der Georgs zu werden, der fünfte. Die vier Vorgänger ſind ſehr gut gekannt durch Thackeray's weltberühmt gewordene Vorträge. Der engliſche Thron⸗ folger fängt als fünfter gut an mit Trotz und Hohn gegen ſeine Mutter, mit Wein und Liebe und ſonſtigen Tugenden eines„fast young man“, wofür wir auf deutſch Lebemann oder noch deutſcher roué ſagen wür⸗ den. Es courſiren allerlei böſe Sagen über ihn, ſeine unglückliche kranke, ſchöne Frau und die noch unglückli⸗ chere Mutter. Manches hat auch in deutſchen Zeitun⸗ gen geſtanden, aber noch lange nicht Alles. Obgleich dergleichen gern und gierig geleſen wird, will ich doch


