Der City⸗Verkehr Londons.
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23 großen und 40 kleinern Wagen abgeſchickt habe. Die Zufuhr von Waaren habe 1863 über 40.000 große Ballen und Kiſten betragen. Mr. Trowers, Haupt des Zucker⸗, Kaffee⸗, Reis⸗ und Italiener⸗Waarenge⸗ ſchäfts, ſagt aus, daß ſeine Firma 17 große maſſive Häuſer in Cannonſtreet vereinigt habe, um Raum für das wachſende Geſchäft zu bekommen und man im letz⸗ ten Jahre anderthalb Millionen Centner Zucker, Kaffee, Reis u. ſ. w. empfangen und wieder verkauft habe. Copeſtake und Moore, Hauptfirma in Mancheſterwaa⸗ ren, gab dem Parlaments⸗Komité zu Protokoll, daß ſie 25 Häuſer zwiſchen drei Straßen der City in Ein Ge⸗ ſchäftshaus vereinigt, ſo daß es nun in allen drei Stra⸗ ßen Ein⸗ und Ausgänge habe, daß ſie ſiebzehn Neben⸗ geſchäfte beſitze und 25 Reiſende beſchäftige. Vom Ko⸗ mité gefragt, wie viel Menſchen in dem Londoner Hauſe beſchäftigt ſeien, antwortete Mr. Moore: Wir ſind täglich unſer 600 bei Tiſche.
Das ſind einige Firmen unter den Hunderten von „größten“ Engros⸗Geſchäften. Man denke, daß ſie alle ihre Güter importiren und epportiren, und dieſer alle auf dieſem Raume einer Fünftel⸗Quadratmeile ſo ſchnell als möglich ab⸗ und zugeſchafft werden müſſen.
Dieſen Lokal⸗Verkehr auf Rädern zwiſchen den Eiſenbahnſtationen Londons für die Großhandels⸗ Ballen und Kiſten beſorgen beſonders zwei Spediteurs: die Firma Pickford und„Chaplin und Horne“. Letz⸗ tere hat wöchentlich 140.000 Centner Waaren in Lon⸗ don hin⸗ und herzufahren Pickford noch mehr, doch ſind von Letzterem keine amtlichen Angaben gemacht worden. Erſtere Firma beſchäftigt 450 Wagen, 350 ganz große und 100 kleinere, um dieſe etwa 15 Millionen Cent⸗ ner jährlich zu befördern. Dabei iſt es intereſſant zu erfahren, welche Mühe man ſich gegeben, um Wagen und Waaren auf den kleinſten Raum zu beſchränken und beide mit einander in Uebereinſtimmung zu brin⸗ gen. Beide große Spediteurs haben ihre koſtbaren, feſten, auf Federn ruhenden eiſernen Wagen ſo ver⸗ vollkommnet und verkleinert, daß juſt immer zwei Waaren⸗Ballen, die zu dieſem Zweck auch immer eine beſtimmte Größe und Weite angenommen haben, daß je zwei Mancheſterwaaren⸗Ballen, je zwei Ballen von Derby⸗Strumpfwaaren oder Nottingham⸗Spitzen ge⸗ rade neben einander Platz haben. Die Wagen ſind dadurch einen Fuß ſchmäler(7 ½ ſtatt wie früher 8 ½ Fuß breit) geworden und werden juſt mit 100 Cent⸗ nern für je zwei ihrer rieſig ſtarken Pferde voll bela⸗ den. Die früheren Wagen wurden von vier Pferden gezogen und erſchwerten dadurch ſich und andern das Fortkommen außerordentlich. Mit den jetzigen Zwei⸗ ſpännern geht'’s raſch und mit bedeutend verringerten Hinderniſſen.
Man darf dieſe freiwillige Vereinigung unzähli⸗ ger freier Privat⸗Induſtrien zu dem gemeinſamen Zweck der Verkehrs⸗ und Transport⸗Erleichterung nicht gering anſchlagen. In weniger kultivirten Städten und Staa⸗ ten wäre ein ſolches Zuſammenwirken wohl nur durch polizeilichen Zwang und ſchwere Strafen für Kontra⸗ ventionsfälle zu Stande gekommen. Hier in London
haben ſich die beiden großen Konkurrenz⸗Spediteurs, die Kunden, die Fabrikanten in den Provinzen um des praktiſchen Zweckes willen alle vereinigt, um Wagen und Waaren in genaue Uebereinſtimmung zu bringen. Den Spediteurs hat dieſe Reform, die ſie ſelbſt veranlaßten, Laſtwagen voll Geld gekoſtet, aber ſie hatten Kapaci⸗ tät genug, den Vortheil dieſer Opfer einzuſehen und raſch und rüſtig danach zu handeln. Das iſt etwas werth, zumal wenn man den Jammer und die Verle⸗ genheit des unendlich kleineren Verkehrs in den weiten Straßen Berlins geſehen hat und damit vergleicht.
Von den Angaben der Herren Chaplin und Horne erwähnen wir nur noch, daß ſie allein nach dem einen großen Eiſenbahnhofe von Great Northern 1300 Wa⸗ genladungen wöchentlich abliefern. Pickfords Geſchäft iſt noch größer, und dann gibt'’s noch 9 andere große Eiſenbahnhöfe voll ſtets kommender und gehender Waaren. Und dann die ungeheuren Tonnenlaſten für Schiffe und aus Schiffen! Sie und alle andern Laſten von Waaren, Produkten und Fabrikaten von der gan⸗ zen Erde und für die ganze Erde werden von dem kleinen City⸗Mittelpunkte Londons aus bewegt und brauchen dazu mehr Raum, als in, auf und unter die⸗ ſem koſtbaren Stück Boden beſchafft werden kann. Ich will nicht auf das für den Laien unentwirrbare Ge⸗ winde von über⸗ und unterirdiſchen reſp. unter⸗Thems⸗ lichen Eiſenbahnprojekten eingehen, mit welchen man dieſen ſich ſtets ab⸗ und zudrängenden Waarenmaſſen leichtere Wege und Durchgänge verſchaffen will. Einige davon ſind ſchon fertig. Nach Vollendung aller wird die City oben, parterre und unter der Erde ein dichtes Geäder von Eiſenbahnen ſein, mit einem dichten Netze von Telegraphen⸗Drähten ganz oben darüber, ſo daß es ausſehen wird, als läge dieſes mit Centnerlaſten ſtets pulſirende Herz wie unter einer ungeheuren Glocke von Draht⸗Gaze.
Auch die umfangreichen Geſetze und Maßregeln für beſtändige Flüſſighaltung des City⸗Verkehrs auf Wagen ſind intereſſant, freilich aber auch für auswär⸗ tige Leſer zu lokal. Deshalb nur im Allgemeinen, daß Omnibus gewiſſe Straßen vermeiden, daß gewiſſe große Fuhrwerke zwiſchen 9 Uhr Morgens und 6 Uhr Abends gar nicht durch die City fahren dürfen, daß alle Fuhrwerke eine gewiſſe Höhe und Breite einhalten müſſen. In gewiſſen Straßen dürfen zwiſchen 9— 5 Uhr des Tages keine Kohlen, kein Bier u. ſ. w. abge⸗ laden und abgeliefert werden. Weder Wagen, noch Menſchen, noch Waaren dürfen ſich zu gewiſſer Zeit und in gewiſſen Straßen durch Stehen oder Liegenblei⸗ ben an der ſouveränen Macht des Verkehrs verſündi⸗ gen. Eine Hökerkarre am unrechten Orte wird wie eine Majeſtätsbeleidigung gegen den engliſchen Dikta⸗ tor„Verkehr“ beſtraft, eine Majeſtätsbeleidigung gegen die Königin aber nicht, da eine ſolche ſelten vorkommt und dann blos mit Verachtung beſtraft wird.
Ja, England iſt klein und noch viel kleiner die allergrößte Stadt der Welt im Verhältniß zu der Un⸗ geheuerlichkeit des Verkehrs. Einkommen und Ausga⸗ ben haben ſich während des letzten halben Jahrhunderts


