Der City⸗Verkehr Londons.
Der City⸗Verkehr Londons.
( ährend ſich die Politiker und Diplomaten in D aller Herren Ländern die Köpfe um Schles⸗ wig⸗Holſtein zerbrechen, gibt es hier kaum
eine brennendere Frage, als: Wie kommen wir ſo ſchnell wie möglich in oder durch die oder aus der City? Die City iſt der Mittel⸗ punkt Londons und aller Geſchäfte, das Herz im Herzen der Welt und dabei nicht umfangreicher, als eine eng⸗ liſche Geviertmeile, während London ſelbſt bereits über Einhundert Quadratmeilen bedeckt. Aus dieſem Lon⸗ don und der Umgegend gehen oder reiten oder fahren täglich im Durchſchnitt 1,000.000 Menſchen in der City aus und ein, dazu etwa 130.000 Fahrzeuge auf Rädern, außer den unter, auf und über London fort⸗ während hinſauſenden Eiſenbahnen. Wie ſollen ſie's machen, um neben und gegen einander raſch durchzu⸗ kommen und das koſtbare Geld, genannt„Zeit“, das in zunehmenden Maſſen durch täglich wiederholte Stau⸗ ungen und„stoppages“ verloren geht, möglichſt zu retten? In den vielen Verkehrs⸗Schwingungsknoten je fünf zuſammenlaufender Straßen(dem Verkehr viel günſtiger als die rechtwinkeligen Durchſchnitte je zweier Straßen oder vier gerader Straßen⸗Linien) fahren ſich unzählige Arten von Wagen alle Tage mehrmals feſt, ſo daß die Verkehrs⸗Direktoren der Polizei und die Um⸗ und Einſicht und die kaltblütige Wagenlenkerkunſt der Kutſcher alle ihre Genialität vereinigen müſſen, um im⸗ mer wieder flott zu werden. Und ſo breit und muſter⸗ haft eben und rinnſteinfrei auch die meiſten Straßen⸗ Trottoirs ſind, gerathen doch geſchäftseifrige Fußgänger und bauſchende Krinolinen oft genug in eine Miſchung, die mit gleichen Kräften nach entgegengeſetzten Seiten drängt und deshalb einen ſehr bewegten Stillſtand bildet. Omnibus⸗Pferde ſtecken ihre pfauchenden Nü⸗ ſtern in die Hinterfenſter ihrer Vorgänger oder ſtoßen ſich gegenſeitig die Deichſeln in die Rücken, zwei⸗ und vierrädrige Droſchken verwirren und miſchen ſich mit ihren Rädern und reißen eilende Doktorwagen oder Vergnügungs⸗Equipagen in allgemeine Verräderung, ſo daß Doktoren zu ſchon Geſtorbenen, Eiſenbahnrei⸗ ſende 10 Minuten nach Abgang des Zuges, Waaren und Güter nach dem letzten Termine der Ablieferungs⸗ friſt an Ort und Stelle kommen. Die Goliath's von Güterwagen, die Pickfords, drohen, ihre oberſten Ballen und Tonnen*) durch die Fenſter erſter Etagen zu ſchleu⸗ dern und die Hunde oben auf wechſeln freundſchaftliche Schwanzwedelungen und Küſſe mit den Schoßkötern, die aus 1—2 Treppen hohen Fenſtern gucken. Uebergänge in den fünfſtrahligen Straßenkernen, ob⸗ wohl in der Mitte durch Stein⸗ und Eiſenumſchützte Zufluchtsörter gegen drohende Räderung verſehen, ſind immer voller Angſt und Lebensgefahr, obwohl Men⸗
**) Pickford hat das größte Gütertransport⸗Geſchäft in der Welt mit Hunderten von eiſernen Laſtwagen auf Federn und mehr als 1500 Pferden.
„ Die
ſchen und Wagen eine wahrhaft wunderbare Geſchick⸗ lichkeit und Virtuoſität beſitzen, ſich gegenſeitig zu ſcho⸗ nen. Aber es wird immer ärger und unmöglicher, den ſteigenden Verkehrsmaſſen Raum zu verſchaffen. Man hat mehr dafür gethan, als in irgend einer Stadt der Welt und arbeitet noch Tag und Nacht unter, auf und über den Straßen an neuen Auswegen, doch ehe dieſe fertig ſind, ſieht man ſchon, daß ſie nicht ausreichen.
Die City⸗Obrigkeit erhielt in der vorigen Seſſion ein Parlaments⸗Privilegium, den Straßen⸗Verkehr durch beſondere Geſetze und Maßregeln zu ordnen. Zu dieſem Zweck wurden zunächſt ganz in engliſch⸗prakliſch⸗ſtati⸗ ſtiſcher Manier Unterſuchungen über den Umfang und die Maſſe des Verkehrs zu Fuß und zu Wagen ange⸗ ſtellt, um das Ergebniß mit früheren Reſultaten zu ver⸗ gleichen. So ergab ſich aus übereinſtimmenden Be— richten ſcharfäugiger Policemen, daß 1850 an einem beſtimmten Tage von 8 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends 11.000 Wagen vor der Bow⸗Kirche und Cheapſide(geſpr. Tſchiepſcheid), der Hauptverbindungs⸗ ſtraße zwiſchen Oſt und Weſt in der City, vorbeigefah⸗ ren waren, in derſelben Zeit voriges Jahr 12.300. Die Zählung der Wagen auf der London⸗Brücke(der Hauptverbindung zwiſchen Süd und Nord) ergab 1850 an einem Tage 13.000, im vorigen Jahre nicht weni⸗ ger als 20.000. Von andern ähnlichen Zählungen will ich nur die neueſte und umfangreichſte erwähnen. Es galt zu ermitteln, wieviel Menſchen und Wagen überhaupt durch alle 48 Zugänge in die City täglich einpaſſirten. Man nahm zu dieſer Abſchätzung einen beſtimmten Tag, an welchem alle Eingänge mit einer Armee von zählenden, ſich gegenſeitig ablöſenden und kontrolirenden Policemen beſetzt wurden und blieben. Das Ergebniß klingt fabelhaft, iſt aber durch ſtets mehr Zählende vollſtändig beglaubigt. An dieſem Tage alſo bahnten ſich 48.177 Wagen ihren Weg in die City mit ungezählten Waarenmaſſen und 155.060 Perſonen in und auf dieſen Wagen, während 370.107 andere Per⸗ ſonen zu Fuß kamen. Da man eben ſo viel Ausge⸗ hende annehmen muß, ſtellt ſich der tägliche Aus⸗ und Einverkehr in der City auf etwa 100.000 Wagen und über 700.000 Perſonen, die oft genug zu mehr als 1 Million anſchwellen mögen.
Dabei iſt nichts ausgemachter, als daß weder ein Pferde⸗ noch Menſchenfuß zum Vergnügen in die City geht. Lauter dringendes, eiſernes, unaufſchiebbares Geſchäft. Alle großen Geſchäfte Englands und des Welthandels werden auf dieſer Fünftel⸗Quadratmeile (geographiſch genommen) abgemacht. Ja hier gibt's Großgeſchäfte. Die Firma Moriſon Dillon und Co. (Schnitt⸗ und Strumpf⸗Waaren) ſagte vor einem Par⸗ laments⸗Komité officiell aus, daß ihr Geſchäft jährlich 5 Millionen Pfund Sterling Umſatz mache, jeden Mor⸗ gen durchſchnittlich 150 Beſtellungen aus der Provinz erhalte und dieſe binnen 3— 4 Stunden befriedigt, wo die Packete den betreffenden Eiſenbahnen übergeben werden müßten, daß die Beſtellungen aus der Stadt ſelbſt den ganzen Tag einliefen und ausgeführt wür⸗ den, daß ſie binnen 3 Tagen über 2200 Packete in


