Jahrgang 
1864
Seite
115
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Amely Bölte: Der Liebeskaſten. 115

Als ſie den Berg hinan ſtiegen, ſchallte ihnen Muſik entgegen. Dieſe ewige Muſik, die den Dresdner auf Schritten und Tritten verfolgt, und ſein Denkver⸗ mögen einlullt, wie das wache Kind durch das Schau⸗ keln und Singen in ſeiner Wiege betäubt wird und endlich das Auge ſchließt. Heute ſpielte einmal Hüh⸗ nerfürſt hier, dieſer Strauß der Sachſen, der wie ein Orpheus ſeinen dirigirenden Stab vor dem Publikum ſchwingt. Oben war es voll, daß kein Platz zu be⸗ kommen möglich und die ermüdeten Wanderer ver⸗ zweifelnde Blicke umherſandten, auf welche Art hier ein Sitz aufzutreiben ſei.

Der ſtumme Cicisbeo bemerkte von ferne dieſe Noth und vermochte den Kellner durch Geld und gute Worte, die Kiſſen eines Sopha's herauszubringen und auf den Stufen einer Treppe auszubreiten. Frau Ei⸗ ſenſtück meinte dieſen Ritterdienſt durch ein Wort des Dankes lohnen zu müſſen, und damit war das Eis gebrochen und eine Unterhaltung angeſponnen. Dieſer blieb jedoch einſtweilen noch ziemlich einſylbig unter den jungen Leuten. Beide waren zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt und zu befangen, um viel Worte zum Aus⸗ tauſche zu ſinden, und nur die Muttrr ſprach. Als man wieder hinabſtieg, bot er dieſer den Arm, und Klara folgte. Dieſe hätte es gerne umgekehrt ge⸗ habt; indeſſen das Schicklichere war auch zu berückſich⸗ tigen, und ſie mußte dem Takt ihres Verehrers alles Lob zollen.

Der Tag war indeſſen vorgerückt, die Sonne ſenkte ſich im Weſteu, und des Mondes fahle Strahlen erleuchteten matt die Scene, als ſie den ſtaubigen Weg entlang dem Felde zuſchritten, wo eine Anzahl von faſt orientaliſch ausſehenden Zelten den Ort bezeichneten, der der heutigen Volksbeluſtigung gewidmet war. Aller⸗ hand Verkäufer ſaßen längs der Straße, Früchte, Ku⸗ chen, Naſchwaaren wurden ohne Unterlaß feil geboten, ohne ein beſonderes Verlangen nach ihrem Beſitze zu erregen. Andere dachten jedoch nicht ſo. Ueberall er⸗ blickte man Näſcher, die ihre Sparpfennige hergaben, um eine ungeſunde Nahrung zu erſtehen die ihnen Uebelbefinden auf mehrere Tage in Ausſicht ſtellte. Dieſe Kinder des Augenblickes dachten aber daran nicht. Sie genoßen ihr Leben nach dem Grade ihrer Bildung. Um zu verſtehen, in wieferne die Erziehung des Vol⸗ kes dem Staate erſprießlich ſei, ſollten die Behörden, die darüber urtheilen, ſolche Feſte beſuchen.

Frau Eiſenſtück wanderte auf und ab, ſah die Bratwürſte, die Bierzelte, die Affen und Papageien und die mancherlei wunderbar ausgeprieſenen Dinge hier zur Schau geſtellt.

Klara würfelte einige Male, und gewann ver⸗ ſchiedene Kleinigkeiten, die ſie um keinen Preis hätte erſtehen mögen. Als Gaben des Schickſals ſchienen ſie ihr jedoch vom höchſten Werthe. Heinrich von Hochwächter würfelte auch, und reichte, was er ge⸗ wann, Frau Eiſenſtück, um es für ihn einem Kinde zu ſchenken. Ein Blick auf Klara ſagte dieſer, daß er ſie lieber damit bedacht hätte, und dieſer Blick ge⸗ nügte ihr als Entſchädigung. Jetzt kamen ſie an einer

Bude vorbei, die ſo dicht umſtellt war, daß ſie lange nicht ſehen konnten, was darin vorging.Ein Lie⸗ beskaſten! hieß es endlich, und neugierig gemacht war⸗ teten ſie die Zeit ab, bis ſie einen Platz für ſich gewin⸗ nen konnten, und als der Augenblick kam, erblickten ſie eine große hölzerne Maſchine, in die man durch eine Oeffnung ſchaute, um denjenigen zu erblicken, der des Mädchens zukünftiger Geliebter ſein ſollte. Manches Ohl und Ach!l wurde von den Lippen der Spähenden vernommen, welches überraſchte, manches verwunderte Auge zahlte jetzt den Groſchen, den dieſe Schickſals⸗ frage heiſchte, und nahm dafür noch ein gedrucktes Blatt mit hinweg, das alle ferneren Umſtände und Eigenſchaften ihres Zukünftigen beſchrieb.

Ich muß auch hinein blicken, ſagte Klara und näherte ſich raſch der Seite, wo das Fenſterchen befindlich, gegen das ſie ihr Auge drücken ſollte. Der Mann, der den Griffel des Schickſals führte, machte raſch die nöthigen Vorbereitungen und das Mädchen gewahrte, was wie ein Blitz ihr Antlitz erleuchtete. Ach! Mutter! rief ſie nur, dann konnte ſie aber nicht weiter reden; ihr fiel ein, daß ſie noch lange nicht ge⸗ nug geſehen, und ſchnell war ſie wieder mit dem Auge auf ihrem Poſten.

Wie ſieht er denn aus? fragte die Mutter lachend.

Ach! Er trägt einen grünen Rock und eine Flinte. Erinnerſt Du Dich nach jenes Herrn, der uns auf dem Spaziergange nach Königswerth begegnete? So, gerade ſo ſieht er aus!

Sieh Dir doch alles recht genau an! fuhr die Mutter ſcherzend fort.Die Haare, die Farbe der Augen.

Die Haare ſind dunkel! er trägt eine Brille. Nein doch, nur eine Lorgnette! Ich kann die Augen nicht ſehen.

Sie wendete ſich nun lachend zurück, und eine Andere nahm ihren Platz ein. Die Mutter zahlte, Klara nahm ihr Schickſalsblättchen und ſie wander⸗ ten im Mondſchein weiter, der jetzt hell wie Tageslicht über der Flur lag. 1 Ob den Herren kein Blick geſtattet iſt? fragter Frau Eiſenſtück ihren Begleiter;Sie hätten doch wohl auch gerne gewußt, wie Ihre Zukünftige ausſieht?

Das weiß ich ſchon, erwiederte der junge Mann lächelnd.Ich weiß wenigſtens, wie ſie meinem Ge⸗ ſchmacke nach ausſehen ſollte, und trägt ſie einſt ein anderes Geſicht, ſo weiß ich, daß ſie nicht die Rechte iſt.

Das hängt doch am Ende ganz von Ihrer Wahl ab, verſetzte Frau Eiſenſtück.Männer dürfen ſich nicht beklagen; ſie haben ihr Schickſal ja in ihrer Hand.

Oder das Schickſal hat ſie vielmehr in der Hand, gnädige Frau. Gegenliebe läßt ſich nicht gebieten.

(Schluß folgt.)

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