Jahrgang 
1864
Seite
114
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114 Amelhy Bölte: Der Liebeskaſten.

zuſammen zu finden. Endlich war ſie bereit und folgte nun den Schritten der etwas ungeduldigen Mutter, die ſolche lange Säumniß auf Reiſen, wo jede Minute be⸗ nutzt werden ſollte, eine Todſünde zu nennen beliebte. Aber ſolche Ermahnungen fruchteten wenig. Unſere Kinder werden zu ſchlaff erzogen, um jene Energie des Willens zu entwickeln die nach der Uhr zu leben befähigt.

Sie begaben ſich geraden Weges nach der katholi⸗ ſchen Kirche, um die herrliche Kirchenmuſik zu hören. Gefüllt, wie hier der Raum ſtets iſt, durften ſie nicht daran denken, einen Platz zu erhalten, und konnten ſich glücklich achten, einen der Pfeiler als Rückenlehne zu gewinnen, während ſie den Tönen lauſchten, die von oben herab wie Zauberklänge verhallten. Um ſie her⸗ um wogte es von bunten Gewändern. Alle Schneider⸗ mamſells der Stadt ſchienen ſich hierein Rendez⸗vous zu geben, als Ausſtellung ihrer bunten, ſo mühſam er⸗ worbenen Fahnen.

Ihnen gerade gegenüber war die königliche Loge. Beide Majeſtäten knieten dort andachtsvoll und folgten in eifriger Devotion dem Gottesdienſte. Von den jün⸗ geren Prinzeſſinnen des Hauſes war heute keine zuge⸗ gen. Ein Kirchendiener, in einer Art graugrünlicher Uniform, mit einem mächtigen Stabe in der Hand, ging hin und her und hielt Ordnung, mahnend, ſchel⸗ tend, beruhigend, wie es kam, vor Allem aber die Herren abhaltend, auf die Seite zu übertreten, wohin die Damen verwieſen ſind; eine ſtrenge Scheidung der Geſchlechter, hier ſcheinbar unumſtößlich.

Fräulein Klara Eiſenſtück ſah dem bunten Treiben mit aufmerkſamen Blicken zu, und horchte viel⸗ leicht weniger auf die Muſik als ſie eingeſtehen mochte. Sie ſuchte mit dem Auge umher nach irgend einem be⸗ kannten Geſichte; ein Bemühen, dem junge Leute ſich in der Fremde unermüdlich unterziehen, ſo reich iſt ihr Alter an unberechtigten Hoffnungen! Dieſe und jene Aehnlichkeit trog ſie auf Momente, die eine angenehme Täuſchung ſchwand, um in der nächſten Minute einer neuen Platz zu machen. So ſpielt ſie fort, die Gegen⸗ wart verſpielend, nicht ahnend wie unwiederbringlich verloren ihr wieder und wieder die Minute ſei, die ſie nicht mit Bewußtſein durchlebt. Mancher Männer⸗ blick weilte auf ihrem hübſchen roſigen Geſichte; ſie duldete ihn ſcheinbar unbefangen, aber er entging ihr nicht und ſteigerte das befriedigte Selbſtgefühl, das ſie ohnehin bei jedem Blick in den Spiegel mit wohlwol⸗ lenden Empfindungen gegen ſich ſelbſt erfüllte.

Auch ihren Nachbar im Hötel hatte ſie wieder bemerkt. Wie treu und beharrlich er ihren Schritten folgte, ohne ein Wort der Anrede zu wagen! Sie fand das unbegreiflich. Seinen Namen wußte ſie lange. Gleich nach ſeinem erſten ausdrucksvollen Blicke auf ſie hatte ſie den in den Badeliſten erſpäht. Heinrich von Hochwächterl Das klang recht ſchön, recht ritterlich. Wenn er Abſichten hatte, ſo wurde ſie eine gnädige Frau. Freilich hatte man ihr geſagt, daß im ſüdlichen Deutſchland alle Welt ſchongnädig benannt werde; indeſſen in ihrem Heimatlande war dies drollige Prä⸗ dikat noch durchaus nicht ſo gangbar, und immer

mochte ſie ſich damit vor ihren bürgerlichen Gutsnach⸗ barn ſchmücken. Wenn er vermögend war, ſo konnte er eine recht ſchöne Hochzeitsreiſe mit ihr machen. Sie hatte dann eben erſt ſo viele prächtige Anzüge bekom⸗ men, und dachte ſich gerade in all' dieſen Schmuck hinein, als ihre Mutter ſie anſtieß mit einem:Klaral Woran denkſt Du denn? Die Muſik iſt ja vorbei und alle Welt geht!

Das Mädchen erwachte wie aus einem Traume. Sie hatte es wirklich nicht bemerkt, daß alles vorbei war. Noch ſpielte das Lächeln um ihre Lippen, das jene Bilder ihres künftigen Glückes heraufbeſchworen. Mühſam ſammelte ſie ihre Gedanken und folgte ihrer Mutter durch das dichte Gedränge, das langſam die Stufen hinab dem Ausgange zuwogte.

Die Sonne ſchien ſo hell, auf dem Platze vor der Brücke ſah es ſo luſtig aus von den vielen Men⸗ ſchen, die gingen und kamen, die Elbe war wie ein glatter Spiegel, die Berge darüber hinaus winkten duftig und kühl.Schade! ſagte die Mutter,daß wir nicht weilen können; aber der Madonna del sixto gehört dieſe Stunde noch. Die Tochter hätte der Galerie vielleicht gerne entſagt; aber ſie ſchämte ſich es einzugeſtehen. Sie ſchwieg daher und folgte ſtill.

Um ein Uhr aßen ſie im Belvedére auf der Ter⸗ raſſe, ſich der ſchönen Ausſicht erfreuend, dann gingen ſie hinunter an das Dampfbot, mit dem ſie die Fahrt nach Kötſchenbrode machen wollten. Als ſie das Ver⸗ deck beſtiegen, fanden ſie den jungen Hochwächter ſchon am Steuer ſitzend. Er that, als bemerke er ihr Erſcheinen nicht; ſie nahmen dieſelbe Miene an. Klara wünſchte, er hätte jetzt wenigſtens den Hut gezogen. Das fortgeſetzte ſtumme Verſtehen fing ſie gar ſehr zu langweilen an.

Die ſchönen lachenden Ufer glitten ſchnell, wie in einem Panorama an ihnen vorüber. Die Elbe bog ſich bald hier, bald dort, und bot damit immer neue Fernſichten. Zur Rechten grenzten auf den Höhen die Luſthäuschen, dieſer Stolz der Weinbergsbeſitzer, die dieſe geſchmackloſen Bauten eines echt barbariſchen Styles mit großer Befriedigung unterhalten. Eine Dame, die neben Frau Eiſenſtück ſaß und bemerkte, daß ſie ganz fremd hier war, nannte ihr die Namen derſelben und machte ſie endlich auch aufmerkſam auf einen Einſchnitt in den Bergen, durch den man hinauf in das Paradies gelange, einen Gaſthof, der dieſen Namen der ſchönen Ausſicht halber erhalten. Klara wünſchte dahin zu gehen. Man überlegte, ob die Zeit ausreiche, und es ergab ſich, daß man vollkommen im Stande ſei, erſt noch den Weg zurückzulegen, und dann zum Schluſſe die Freuden der Vogelwieſe zu genießen. Viele von den Mitfahrenden ſchlugen dieſelbe Richtung ein. Es war demnach nicht ſchwer die Straße zu fin⸗ den, die dahin führte. Klara freute ſich mit jugend⸗ lichem Sinne auf alles, was ſie heute noch erleben ſollte, und ließ dabei den jungen Mann nicht aus den Augen, der ihnen ſchweigend aus der Ferne folgte. Es war ihr höchſt angenehm, ihn ſo beharrlich an ihre Ferſe gekettet zu ſehen.