Jahrgang 
1864
Seite
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Amely Bölte: Oer Liebeskaſten.

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del sixto, doch hat es keine ſolche Bühne, doch fehlt ihm eine ſolche Landſchaft mit Felſen und Thälern.

Unter den Heimziehenden des Jahres war auch eine Frau Eiſenſtück mit ihrer ſchönen, blonden Toch⸗ ter, einem Mädchen von achtzehn Jahren, das zum er⸗ ſten Male ihrem Dorfe entführt, die neue, bunte Welt mit immer geſteigertem Antheile auf ſich einwirken ließ. Befangen, faſt beängſtigt beim erſten Hinaustreten, hatte ſie ſich im Laufe dieſer Wochen ſchon gewöhnt, durch die prüfenden Blicke der Vorübergehenden nicht mehr eingeſchüchtert zu werden, und mit Damenaugen ſelbſt wieder zu muſtern, wo ſie gemuſtert ward. Froh und fröhlich zog ſie jetzt in Sachſens Hauptſtadt ein, und drängte die Mutter, noch am Abend ihrer Ankunft die ſo viel gerühmte, viel beſprochene und beſchriebene Terraſſe zu beſuchen. Die Sonne ſenkte ſich ſchon, als ſie die breiten Stiegen gewannen, die der katholiſchen Kirche gegenüber hinauf führen. Oben angekommen, hielten ſie ihre Schritte an und überblickten die Scene, die ihnen ein Bild von dem regen, bewegten Leben einer Hauptſtadt gab. Die Brücke, dieſe berühmte alte Brücke Dresdens, wimmelte auf beiden Seiten von Kommenden und Gehenden, die wahrſcheinlich noch irgend ein Vergnügen ſo eilig in die Nacht hinaus lockte. In weiterer Ferne war die ſchön gebogene neue Brücke ihrem Auge ſichtbar. Drüber hinaus ſah man die Berge, getaucht in das Purpurroth der ſich neigenden Sonne. Zu ihren Füßen ſandte ein Dampf⸗ bot eine Rauchſäule aus ſeine Eſſe empor, während ein zweites, von Pilnitz kommend, luſtig die Wogen durchſchnitt.

Sie ſtanden gegen die Baluſtrade gelehnt und muſterten alle Einzelnheiten dieſes ſchönen Ganzen. Eine zahlreiche Menge theilte dies Vergnügen mit ihnen. Wie oft ſich das Schauſpiel auch wiederhole, immer zieht es dieſelbe Menge von neugierig Gaffenden an. Die Dämmerung begann indeſſen ihr graues Tuch über die Scene zu werfen, ein kühler Luftzug ſtrich durch die Atmoſphäre, die Damen zogen ihr leichtes Seidenmän⸗ telchen dichter um ſich und lenkten unwillkürlich ihre Schritte weiter. Unter der kleinen Baumallee führte der Weg fort am Brühlſchen Palais vorbei, bis zu dem Punkte, wo die Reſtauration von Torniamenti zur Ein⸗ kehr einladet. Hinter den Glasſcheiben geborgen, die dies Häuschen ringsum einfaſſen, um keiner Ausſicht zu wehren, ſaßen in Gruppen verſchiedene Fremde, und

plauderten, während der Gargon das von ihnen be⸗

gehrte Eisſchälchen vor ſie hinſtellte. Frau Eiſen⸗ ſtück und ihre Tochter nahmen gleichfalls Platz. Die anweſenden Herren gönnten ihnen einen muſternden Seitenblick, beſonders weilte ihr Auge prüfend auf dem hübſchen Mädchen, dann waren ſie ſcheinbar wieder mit dem Gegenſtande ihrer Unterhaltung beſchäftigt und widmeten ihnen keine poſitive⸗Aufmerkſamkeit. Nur in einem Badeorte iſt ein Verkehr des Menſchen mit dem Menſchen noch möglich, ſonſt überall hat der Sa⸗ lonton die Brücke abgeriſſen, die eine edle Humanität erbaute.

Jetzt trat raſchen Schrittes noch ein Gaſt ein, warf

Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

Hut und Stock auf den einzigen noch leeren Tiſch, und nahm hinter demſelben Platz. Fräulein Eiſenſtück ſtieß ihre Mutter leiſe an.Da iſt er! flüſterte ſie. Jene blickte auf und erkannte nun ebenfalls den jungen Mann, der während ihres Badeaufenthaltes unabläſſig ihren Schritten gefolgt war, ohne jedoch eine Anrede gewagt zu haben. 2*

Er ſpielte jetzt mit ſeinem Theelöffel und ſahr ſcheinbar unbefangen zum Fenſter hinaus, beide Damen wußten aber ſchon, wie es damit gemeint ſei. Sie nah⸗ men das vor ihnen liegende Zeitungsblatt, und verbar⸗ gen hinter deſſen Spalten das Lächeln, welches der An⸗ blick dieſes ſchüchternen Liebhabers in ihnen hervorrief. Es war der Anzeiger, den ſie in die Hand genommen, Vogelwieſe in Kötſchenbrode, las Klara Eiſenſtück laut vor.Ich dächte, wir beſuchten die, Mama. Ein ſächſiſches Volksfeſt kann für uns Fremde nicht ohne Intereſſe ſein. Meinſt Du nicht auch?

Ganz gewiß! Wenn es ſchönes Wetter iſt, ſo wird der Ausflug in die Umgegend reizend ſein. Wir müſſen uns nur noch erkundigen, wie und wann man dahin gelangt. Man wird uns in unſerem Gaſthof ſchon Auskunft darüber geben können.

Sie erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen. Der junge Mann in der Ecke ihnen gegenüber ſah den Da⸗ men nach, bis ſich die Thüre hinter ihnen geſchloſſen, dann ſprang er raſch auf und folgte ihnen leiſen Schrit⸗ tes aus der Ferne bis an die Thüre ihres Gaſthofes nach. Hier kehrte er dann ſelbſt ein, und eine Stunde ſpäter ſaß er auf ſeinem Sopha, nur durch eine Wand von dem Gegenſtand ſeiner innigſten Gefühle getrennt.

Der Sonntagmorgen trägt allüberall ein feierli⸗ ches Geſicht. Die Glocken läuten, die Kinder ſind des Schulzwanges enthoben, ſie ſchlafen etwas länger, zie⸗ hen ihre Sonntagskleider an und laufen mit verklärten, Geſichtern über die Straßen; die Dienſtboten hoffen auf einen Mittagsbraten und einen Nachmittagsſpazier⸗ gang, und die Herren denken daran, ihrem alltäglichen Flaniren noch einen ſonntäglichen Zuſatz zu geſtatten. Auf dem Markte gibt es weder Käufer noch Verkäufer, die Buden ſind weggeräumt, in den Straßen zeigen die ungeheuren geſchloſſenen Ladenfenſter, daß die Be⸗ triebſamkeit dahinter ruht. Nur in einem Gaſthof bleibt es rege, wie zuvor, nur hier iſt ein Nimmerruhen über die Pforte geſchrieben, nur hier iſt Kommen und Ge⸗ hen die ſtets geſegnete Parole.

Frau Eiſenſtück und ihre Tochter hatten ſich im Vittoria⸗Hôtel einquartirt. Sie folgten dem oft aufgeſtellten Satze: der erſte Gaſthof ſei immer noch der billigſte, und fanden ſie denſelben diesmal auch nicht beſtätigt, ſo konnten ſie ihn dafür doch als den beſten rühmen. Sie ſchliefen vortrefflich auf den ſchö⸗ nen, ſchwellenden Springfeder⸗Matratzen, erhoben ſich langſam, ſahen zum Fenſter hinaus und kleideten ſich endlich an, ein Geſchäft, das dem jungen Mädchen viele Zeit raubte, beſonders weil ſie die Gegenſtände zu ihrer heutigen Toilette hier und dort verpackt hatte und erſt in allen Koffern ſuchen mußte, um das Erforderliche

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