110 Die Flotten im Alterthum und jetzt.
denen vier Bogenſchützen waren. Thukydides rechnet auf 30 Schiffe 300 Krieger, alſo auf das Schiff blos zehn. Matroſen brauchte man die doppelte Zahl. In den attiſchen Tafeln wird die ganze Bemannung zu 200 angegeben, doch iſt dies eine runde Zahl, denn 174 Ruderknechte, 10 Seeſoldaten und 20 Matroſen geben 204 Köpfe. Nicht gerechnet ſind dabei die Officiere und Halbofficiere des Schiffes, welche ungefähr dieſelben waren wie heutzutage: Kapitän, Steuermann, Hoch⸗ botsmann ꝛc. Ihre Zahl ſchwankte auf Triremen zwi⸗ ſchen ſechszehn und achtzehn, einſchließlich der Befehls⸗ haber der Ruderknechte und Seeſoldaten.
Berechnet man die Ruderkraft der alten Schiffe nach dem heutigen Werthmeſſer der Pferdekraft, ſo iſt eine Pferdekraft ſieben bis acht Rudern gleich zu ſetzen. Für die Trireme ergibt ſich daraus eine Pferdekraft von etwa 24, für den Vierruderer von 32, für den Fünfruderer von 42. In dieſer Beziehung laſſen unſere Schiffe die alten weit hinter ſich zurück. Gewöhnliche Schraubenkanonenbote haben 60 bis 80 Pferdekraft, das preußiſche Aviſoſchiff Grille 160, die öſterreichiſchen leichten Fregatten Donau, Adria, Radetzky je 300, die preußiſchen gedeckten Korvetten Arkona, Gazelle, Hertha, Vineta 400, das öſterreichiſche Linienſchiff Kaiſer 800, der franzöſiſche Maſſena 900, der engliſche Bulwark 1000, die gepanzerten Fregatten Royal Alfred 800, Gloire und Couronne 900, Prince Conſort, Caledonia, Ocean, Royal Oak 1000, Warrior, Black Prince, Achilles, Minotaur, Northumberland, Agincourt 1250 Pferdekraft. Der unglückliche Great Eaſtern hat die größte Pferdekraft von allen— 11.5001
Wollte man die Schnelligkeit der modernen und der alten Schiffe nach dieſer Verſchiedenheit ihrer Pferde⸗ kraft berechnen ſo würde man ein falſches Reſultat be⸗ kommen. Wie wir geſehen haben, waren die alten Schiffe ſchmal und gingen nicht tief im Waſſer. Der Widerſtand der Wellen, den ſie zu überwinden hatten, war mithin ungleich geringer als bei unſeren Schiffen, die um ein Bedeutendes breiter ſind und von ihren Dampfmaſchienen, Geſchützen, Kohlen und ſonſtigen Vorräthen tief in's Waſſer gedrückt werden. Der Warrior hat einen Tiefganggvon 26, die Gloire von 27 Fuß, und ſchwere Linienſchiffe ſinken bis zu 28 und 30 Fuß ein. Die mittlere Geſchwindigkeit der Triremen läßt ſich aus einer Stelle in enophons Feldzug der Zehntauſend erkennen. Tenophon ſpricht von einem Schiff, das vom bithyniſchen Heraklea nach Byzanz fuhr und einen Tag (von Aufgang bis Untergang der Sonne) dazu brauchte. Die Entfernung der beiden Orte von einander beträgt 36 bis 40 deutſche Meilen oder 144 bis 160 See⸗ meilen, die Länge des Tages zur Zeit der Fahrt war ſechszehn Stunden. Daraus folgt, daß jenes Schiff in der Stunde 9 bis 10 Knoten(Seemeilen) zurücklegte. Dies iſt dieſelbe Geſchwindigkeit, mit der gegenwärtig die öſterreichiſchen Lloyddampfer im Mittelmeer fahren.
Der Tonnengehalt der alten Schiffe erhellt aus vielen Angaben römiſcher und griechiſcher Schriftſteller. Die Griechen maßen den Rauminhalt nach Talenten (51 ½ Pfund) die Römer nach Amphoren(80 Pfd.).
Livius erzählt irgendwo, kein Senator habe ein See⸗ ſchiff beſitzen dürfen, deſſen Laſtfähigkeit über 300 Amphoren hinausgegangen ſei. Das gibt einen Ge⸗ halt von blos 12 Tonnen(zu zwanzig Centnern). In Cicero's Briefen werden Laſtſchiffe erwähnt, von denen keines weniger als 2000 Amphoren oder 80 Tonnen gefaßt habe. Dieſe Schiffe können nur zu der kleinern Gattung gehört haben, denn aus Herodot wiſſen wir, daß die gewöhnlichen Nilſchiffe 128 Tonnengehalt hatten, und aus Thukydides, daß die Kauffahrer, die gegenwärtig als Vollſchiffe bezeichnet zu werden pflegen, von 257 bis zu 400 Tonnen Laſtfähigkeit zu beſitzen pflegten. Die attiſche Trireme faßte 232 Tonnen, der Vierruderer 365 Tonnen, der Fünfruderer 534 Tonnen. Heute hat ein preußiſches Schraubenkanonenbot zweiter Klaſſe 210 Tonnen, eines erſter Klaſſe 300. Ein gewöhn⸗ licher Klipper hat von 800 bis 1500 Tonnen und der norddeutſche Lloyd verwendet zu ſeinen transatlantiſchen Fahrten Schiffe von 2500 Tonnen. Die ſchwerſten eng⸗ liſchen Fregatten überſteigen in ihrer Tragfähigkeit 3000 Tonnen, die Linienſchiffe mit drei Decken und die gepan⸗ zerten Fregatten Don Juan d Auſtria, Defence, Reſiſtance, Zealous kommen nahe an 4000 Tonnen heran, andere Panzerſchiffe wie Prince Conſort, Royal Alfred, Valliant, Hector, Caledonia, Ocean und Royal Oak gehen über dieſes Maß hinaus, während Warrior, Black Prince, Achilles, Agincourt, Northumberland, Minotaur und Magenta mehr als 6000 Tonnen haben. Die Alten prahlten, wie Athenäus bezeugt, mit einem Schiffsun⸗ geheuer, Alexandreia genannt, welches 4200 Tonnen⸗ gehalt hatte. Unſer modernes Ungeheuer Great Eaſtern ſchlägt mit ſeinen 22.500 Tonnen die gute Alexandreia weit aus dem Felde.
Schiff gegen Schiff geſtellt iſt der heutige Tonnen⸗ gehalt ohne Vergleich größer. Flotte gegen Flotte halten ſich die Alten und die Modernen die Wage. Wir wollen hier unſerm Gewährsmann etwas in's Einzelne folgen. Die attiſchen Tafeln geben die Größe der atheniſchen Flotte für das dritte Jahr der 112. Olympiade an zu 411 Schiffen, nämlich 392 Triremen und 19 Quadri⸗ remen. Der Tonnengehalt war mithin 98.085 Tonnen. Mehr haben unſere großen Flotten heute auch nicht und oft haben ſie weniger. Die ruſſiſche Flotte, die in den Hafen von Sebaſtopol verſenkt wurde, zählte an Schiffen:
5 Dreidecker von je 2800.— 3000 Tonnen.
13 Zweidecker„„ 2300— 2500„ 7 ſchwere Fregatten„„ 1500— 1750 5 3 leichte Fregatten„„ 1250 5
27 Briggs„ 30o„
Die geſammte Tonnenzahl dieſer Flotte belief ſich auf 71.600, und blieb hinter der der atheniſchen Flotte um den vierten Theil zurück. Die franzöſiſche und die eng⸗ liſche Flotte, die bei Abukir mit einander kämpften, waren zuſammengeſetzt aus vierzehn engliſchen und dreizehn franzöſiſchen Linienſchiffen und aus vier eng⸗ liſchen und ebenſo vielen franzöſiſchen Fregatten. An Tonnen hatten beide zuſammen 64.000 oder den dritten Theil weniger als die atheniſche. Sind die jetzt im Bau


