108 Das Galilei⸗Feſt in Piſa.
kommt er ‚Fieberhitze“ und ſchickt nach mir. Es war mir höchſt unangenehm, um zwei Uhr in der Nacht nach Herrn Walkingſhaw's Landhauſe zu fahren, beſonders da mein Geſellſchafter gerade bei dem Punkte ſeiner Geſchichte angekommen war, wo er mir das wiſ⸗ ſenſchaftliche Problem ſeiner Wiederauferſtehung löſen ſollte. Als ich zurückkam, war er nicht mehr da, und ich habe ihn ſeitdem nicht wiedergeſehen. Ob er gei⸗ ſteskrank geweſen, und ſich ſelbſt erhängt hatte, oder ob er, an Geiſt und Körper geſund, den Geſetzen ge⸗ mäß aufgeknüpft worden war darüber habe ich nie in’'s Klare kommen können.
Das Galilei⸗Feſt in Piſa.
m 18. Februar feierte Piſa zum dritten Male den 100. Geburtstag eines derjenigen großen Männer, durch deren Entdeckungen auf dem wiſſenſchaftlichen Gebiete ꝛc. Aſtronomie und ☛ Phyſik ſchon im Mittelalter auf einen Stand⸗ punkt gebracht wurden, welche den Männern der Wiſſenſchaft noch heutigen Tages als Grundlage dient: den Geburtstag Galileo Galilei's, der hier am 18. Februar 1564 geboren wurde. Am Jubiläums⸗ tage wurde das von der dankbaren Stadt ihrem großen Sohne auf dem Hofe des Univerſitätsgebäudes geſetzte Denkmal unter Beiſein des Miniſters des öffentlichen Unterrichts, des Rektors, der Profeſſoren und ſämmt⸗ licher akademiſcher Bürger feierlich enthüllt. Ganz Piſa hatte an dieſem Tage das Feſtgewand angelegt; nicht allein von den öffentlichen Gebäuden, ſondern auch von den meiſten größeren Privathäuſern wehte neben der italieniſchen Trikolore noch die Flagge der alten Repu⸗ blik. Auf dem Piſa durchſtrömenden Arno wurde eine Regatta abgehalten und Abends die öffentlichen Ge⸗ bäude beleuchtet. Eine der größten Merkwürdigkeiten Piſa's iſt bekanntlich der ſogenannte„Schiefe Thurm“. Derſelbe wurde im 12. Jahrhundert von einem Deut⸗ ſchen, Namens Wilhelm, erbaut, und ſein höchſter Punkt ergibt, wenn man ein Bleiloth herabläßt, an der Grund⸗ mauer eine Abweichung von zwölf Fuß. Er iſt rund, ganz aus Marmor, beſteht bei einer Höhe von 168 Fuß aus ſieben Stockwerken, und iſt oben platt und mit einer Galerie umgeben. Nach der Meinung Einiger iſt der Thurm abſichtlich ſchief gebaut; nach neueren For⸗ ſchungen ſcheint er jedoch, wie andere Gebäude in Piſa, nach der Meeresſeite zu ſich geſenkt zu haben. Daß er deſſenungeachtet keine Riſſe bekommen, rührt von der außerordentlichen guten Verbindung ſeiner Materialien her. Der Thurm prangte am 18. Februar Abends bei der allgemeinen Illumination in einer feenhaften Be⸗ leuchtung und gewährte in dieſem Strahlenſchmucke einen unbeſchreiblich großartigen Anblick.
Die Flotten im Alterthum und jetzt*).
S eit ein paar Jahren wird der Schauluſt der Pa⸗ (hrifer auf der Seine bei Asnieres in der Nähe von Clichy ein Schiff dargeboten, das ſich für das Nachbild einer echten römiſchen Trireme ausgibt. Der Kaiſer der Franzoſen hat es zugleich im eige⸗ nen Intereſſe bauen laſſen, um ſich ſeine Stu⸗ dien der Kriege Julius Cäſars durch ein Schiffsmodell zu erleichtern. Den Bauplan hat ein berühmter Alter⸗ thumsforſcher entworfen, Jal, der Verfaſſer einer Schiffs⸗ kunde der Alten und eines Werkes über Cäſars Flotte. Die Ausführung des Baues haben der Maler Morel Fatio und Dupuis de Lome, Frankreichs erſter Schiffs⸗ bauer, geleitet. Das Zuſammenwirken dieſer drei Größen hat etwas Schönes, aber total Unrichtiges zu Wege ge⸗ bracht Das Schiff von Asnieres iſt keine römiſche Trireme, ſondern eine mittelalterliche Galeere der Art, welche die Venetianer alla zenzile nannten. Weder die Größenverhältniſſe, noch die Ruder, noch die Segel ſind die der alten Trireme. Wie Jal geſteht, iſt die wirkliche Schönheit des Baues nicht ihm zuzumeſſen. Er hat etwas Plumpes und Häßliches machen wollen, und unter ſeinen lebhaften Proteſten haben der Maler und der Schiffsbauer, die wir nannten, das ſchmucke Ding ge⸗ ſchaffen, das ſich kokett auf der Seine wiegt. Die wirkliche Geſtalt der antiken Trireme hätte Jal durch die berühmten attiſchen Tafeln kennen lernen können. Nichts iſt gewiſſer, als daß die Römer ſich ſtreng an die Schiffsmuſter hielten, die ihnen von den Griechen überkommen waren. Nach dieſen attiſchen Tafeln und nach allen Angaben der alten Schriftſteller waren die Triremen in vielen Dingen unſern Kriegsſchiffen ähnlich. Die größten hatten drei Maſten. Der mittlere große Maſt führte dieſelben drei Raaſegel, die jetzt an ihm befeſtigt ſind, die beiden andern waren mit dreieckigen lateiniſchen Segeln ausgeſtattet. Die Beſtandtheile un⸗ ſeres laufenden Tauwerks waren ebenfalls alle vorhan⸗ den, Raabanden, Wanten, Geitaue, Wefelinen, Putting⸗ taue Stage, Pardunen ꝛc. Das Verdeck hatte ſein Back
*) De veterum re navali, scripsit Bern. Graser, Be- rolini, apud S. Calvary et s. Dieſes Buch erklärt die Schiffsbaukunſt der Alten bis in die kleinſte Ein⸗ zelnheit. Das Syſtem des Verfaſſers von den Ver⸗ hältniſſen des Ruderwerks auszugehen, ebnet alle die Schwierigkeiten, die für frühere Schriftſteller ent⸗ ſtanden, denen eine vertraute Bekanntſchaft mit der Mathematik abging. Sehr paſſend, weil das Ver⸗ ſtändniß erleichternd, ſind Graſers Vergleiche der alten Schiffe mit den mittelalterlichen und modernen. Eben dieſer Vergleiche wegen hätte er ſich dreimal hüten ſollen, lateiniſch zu ſchreiben. Es macht einen komiſchen Eindruck, wenn man mitten unter dem lateiniſchen Text, in dem reichliche griechiſche Brocken ſchwimmen, alle Augenblicke ehrliche deutſche Wörter auftauchen fieht, wie Seemeile, Knoten, Botsmann, Hilfsſegel, Halſen, Schooten, und engliſche oder franzöſiſche Ausdrücke, wie aviron, giron, menille, beaupré, rough tree rails, rower dieſen deutſchen zu Hilfe eilen ſieht.
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