Ein Geheimniß. 107
„Hierhin nach dem Glasgow⸗Dampfer, hierhin,
mein Herr!“ rief mir ein Laſtträger zu.„Ich will Ihren Koffer tragen.“
„Ohne meine Antwort abzuwarten, nahm er den Koffer auf die Schulter, ging eine Treppe hinunter und führte mich über die Verdecke mehrerer Dampfſchiffe bis zur Laufplanke des Glasgow⸗Dampfers, auf der ein Mann mit dunklen buſchigen Augenbrauen in einem erbſenfarbenen Ueberrocke mit einer Laterne ſtand.
„Iſt dies der Dampfer, der jetzt nach Glasgow abgeht?“
„Ja wohl,“ war die Antwort;„beeilen Sie ſich, es wird gleich zur Abfahrt geläutet werden.“
„Darf ich um ein kleines Trinkgeld bitten?“ ſagte mein Kofferträger. Ich gab ihm einen Siypence und ſtieg an Bord. Bald darauf wurde geläutet und es entſtand eine große Bewegung auf dem Verdeck. Dieſes kam mir außerordentlich klein und mit Gütern überſüllt vor; ich begab mich daher an's Hintertheil, um in dem Gedränge nicht geſtoßen zu werden. Schlag zehn Uhr verließ der Dampfer den Dock und wir fuhren den Merſey hinab.
„Wie lange werden wir bis Glasgow fahren, lie⸗ ber Freund?“ frug ich den Steuermann. Er ſah mich an, als ob er mich nicht verſtanden hätte und murmelt etwas halblaut vor ſich hin. Ich wiederholte meine Frage.
„Er ſpricht nicht engliſch“ ſagte jetzt eine Stimme dicht neben mir;„überhaupt ſind Sie, Herr Müller, und ich, die beiden Einzigen auf dem ganzen Schiffe, welche dieſe Sprache kennen.“
„Ich wendete mich um und erkannte zu meinem unbeſchreiblichen Entſetzen den jungen Mann mit dem ſchwarzen Ebenholzſtöckchen und dem dünnen Schnurrbarte.
„Ich bin gefangen!“ rief ich aus;„gebt mir ein Bot!... Wo iſt der Kapitän?“
„Hier iſt er,“ antwortete der junge Geck, indem er auf einen Mann mit gewaltigem Barte zeigte, der eben die Kajütentreppe heraufkfam.„Kapitän Mi⸗ lowitſch von dem kaſſerlich ruſſiſchen Dampfſchiffe „Pyroſcaph', welches nach St. Petersburg beſtimmt iſt. Da Kapitän Milowitſch nicht engliſch ſpricht, ſo werden Sie mir erlauben, daß ich den Dolmetſcher mache.“
„Obgleich ich ſchon allein wegen der Anweſenheit des jungen Mannes fürchtete, daß mir keine Hoffnung übrig blieb, verſuchte ich es dennoch, dem Kapitän aus⸗ einanderzuſetzen, daß ein Mißverſtändniß obwalte, indem ich nach Glasgow reiſen wolle, und daß ich demgemäß augenblicklich an's Land zurückzukehren wünſche.
„Kapitän Milowitſch, ſagte der junge Mann, nachdem er meine Worte überſetzt und die Antwort des Kapitäns erhalten hatte,„läßt Ihnen bedeuten, daß keineswegs ein Irrthum obwalte, daß Sie nicht nach Glasgow, ſondern nach Petersburg reiſen müßten, und daß er Sie unter keiner Bedingung an’s Land ſetzen dürfe, da er die beſtimmteſten Inſtruktionen habe, Sie nach Kronſtadt zu bringen. Er hält es ferner für ſeine
Pflicht, Ihnen zu bemerken, daß, wenn Sie es verſu⸗ chen ſollten, die Schiffsmannſchaft oder die Paſſagiere durch Worte oder Handlungen zu beläſtigen, er gezwun⸗ gen ſein würde, Sie in den Kielraum zu ſperren und in Eiſen zu legen.“
„Der Kapitän gab während dieſer Rede mehrere Male durch Kopfnicken ſeine Zuſtimmung zu erkennen, als ob er die engliſche Sprache vollkommen verſtünde und ſich nur nicht in derſelben ausdrücken könnte.
„Wäre ich nicht ein wahnſinniger Thor geweſen, ſo würde ich mich in mein Schickſal ergeben haben. Aber das Unglück machte mich ſo raſend, daß ich auf den jungen Mann eindrang, in der Hoffnung, ihn zu tödten oder von ihm getödtet und in's Meer geworfen zu werden. Allein ich wurde geſtäupt, dann in Ketten gelegt und in den Kielraum geworfen. Hier lag ich mehrere Tage lang, von der heftigſten Seekrankheit ge⸗ peinigt und fortwährend den erſtickenden Geruch des getheerten Tauwerks und der Talgfäſſer einathmend, ohne andere Rahrung als verfaultes Waſſer und von Würmern zerfreſſenen Schiffszwieback. Endlich langten wir in Kronſtadt an.
„Alles, was ich von Rußland weiß und Ihnen ſagen kann, iſt, daß es in dieſem Lande irgendwo einen Fluß gibt, an welchem eine Feſtung liegt, daß dieſe Fe⸗ ſtung eine Zelle und dieſe Zelle eine Knute enthält. Sieben Jahre meines Lebens brachte ich in dieſer Zelle unter den Hieben der Knute zu, und beſtändig klang mir die fürchterliche Frage in den Ohren:„Wo iſt das Kind?“
„Es iſt überflüſſig, daß ich Ihnen noch erzähle, wie ich aus der Feſtung entſprang, um noch gräßlicheren Leiden entgegen zu gehen. Ich habe als Sträfling die Straßen von Palermo gefegt, ich habe in den Kerkern der römiſchen Inquiſition geſchmachtet; ich habe im Irren⸗ hauſe zu Konſtantinopel geſeſſen, wo der Pöbel mich durch die Gitterſtäbe mit Koth und Steinen warf; ich bin in den Bagnos von Toulon und Rochefort auf den Schultern gebrandmarkt worden, und überall bot man mir die Freiheit und Haufen Goldes, wenn ich die Frage beantwortete:„Wo iſt das Kind?“ Endlich wurde ich, eines Verbrechens angeklagt, das ich nicht begangen, zum Tode verurtheilt. Noch auf dem Schaffot wurde die verhängnißvolle Frage an mich gerichtet, und da ich ſie natürlich nicht beantworten konnte, ward ich—“
In dieſem Augenblicke klopſte meine Haushälterin Margarethe, die in ihrem Leben nicht lernen wird, mich gegen unzeitige Beſucher zu verläugnen, an die Thür und ſagte mir, daß Jemand mich zu ſprechen wünſche. Ich ging hinunter in mein Empfangszim⸗ mer und fand daſelbſt Madame Walkingſhaw, die Gattin des Herrn Johnny Walkingſham, welche mir ſagte, daß ihr Herr und Gemal plötzlich krank ge⸗ worden ſei und in„Fieberhitze“ liege. Johnny Walkingſhaw iſt Mitglied des Clubs der„Wald⸗ brüder“, und da ich der Arzt dieſes Clubs bin, hat er das Recht, für die Summe von vier Schilling jährlich meinen ärztlichen Beiſtand zu verlangen. Jedesmal nun, wenn er etwas zu viel Cider getrunken hat, be⸗
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