106 Ein Geheimniß.
oder Großherzogthums erreichte. Der Irrenhausaufſeher hatte mich mit einem Reiſepaſſe verſehen, der in gehöri⸗ ger Ordnung befunden wurde, und ich paſſirte daher un⸗ aufgehalten die Grenze. Vom Zollamte begab ich mich geradenwegs nach der Poſthalterei der Stadt, nahm einen Platz auf dem Eilwagen, welcher nach einer Stadt ging, deren Namen mir entfallen iſt, und nach einer viertägigen, beſchwerlichen Reiſe kam ich in Brüſſel an.
„In Folge meiner Haft und der erlittenen Ent⸗ behrungen war ich ſehr abgemagert; meine Geſundheit und Kraft kehrten aber bald zurück. Ich muß geſtehen, daß ich mich für meine bisherige gezwungene Enthalt⸗ ſamkeit reichlich entſchädigte und ſowohl in Brüſſel als in Paris, wohin ich mich zunächſt wendete, ſehr gut lebte.„Eines Abends trat ich in eine der eleganten Re⸗ ſtaurationen des Palais Royal, um zu ſpeiſen. Als ich meine Mahlzeit nach der Karte beſtellt hatte, wurde meine Aufmerkſamkeit durch ein kleines Zettelchen er⸗ regt, das zwiſchen den Blättern der Speiſekarte heraus⸗ fiel. Es ſtand Folgendes darauf:
„Stellen Sie ſich, als ob Sie äßen, aber genie⸗ ßen Sie keinen Fiſch. Bleiben Sie die gewohnte Zeit bei Tiſche, damit Sie keinen Verdacht erwecken, aber reiſen Sie unmittelbar darauf nach England, und ver⸗ geſſen Sie nicht, in London Herrn Hildeburger zu be⸗ ſuchen.“—
„Ich hatte mir einen gebratenen Fiſch beſtellt; anſtatt denſelben aber zu verzehren, warf ich ihn ſtück⸗ weiſe unter den Tiſch. Sobald ich meine Scheinmahl⸗ zeit beendigt hatte, rief ich den Kellner und fragte ihn, was ich ſchuldig ſei.
„Haben Sie die Güte, an den Oberkellner zu zah⸗ entgegnete er mir.
„Der Oberkellner erſchien. Wäre dieſer Menſch ein Centaur oder ein Sphynx geweſen, ich hätte ihn nicht mit größerem Erſtaunen und Entſetzen betrachten können, denn ich erkannte in ihm— meinen ehemaligen Hamburger Graurock.
„Müller,“ ſagte er mit kalter Ruhe zu mir, indem er ſich zu mir herabneigte,„Ihr Fiſch war vergiftet. Sagen Sie mir, wo das Kind iſt, und ich gebe Ihnen ein Gegengift und viermalhunderttauſend Franken.“
„Statt aller Antwort ergriff ich die vor mir ſte⸗ hende ſchwere Waſſerflaſche und warf ſie dem alten Schurken mit aller Kraft mitten in's Geſicht. Er ſtürzte mit einem Fluche zu Boden, die anweſenden Damen er⸗ hoben ein entſetzliches Geſchrei, und die Männer riefen nach der Wache. Während der entſtehenden Verwir⸗ rung ſchlüpfte ich zur Thür hinans und entkam glück⸗ lich durch eine der zahlreichen Paſſagen des Palais Royal. Ob der verkleidete Oberkellner an der erhal⸗ tenen Verletzung ſtarb und ob ich verfolgt wurde, habe ich nie erfahren. Ich erreichte unangefochten meine Wohnung, packte meinen Koffer und reiſte ſchon am folgenden Morgen nach Boulogne ab.
„Zur gehörigen Zeit erreichte ich London, Herrn ‚Hildeburger’ aber beſuchte ich nicht, da ich ihn na⸗ türlich nicht kannte und eben ſo wenig ſeine Wohnung wußte. Noch am Abend meiner Ankunft in London
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len,
reiſte ich weiter nach Liverpool, da ich mir vorgenom⸗ men hatte, mich nach Amerika zu begeben, denn ich fürch⸗ tete den Aufenthalt in England, nicht allein wegen meiner Verfolger, ſondern auch weil ich überall das Geſpenſt des echten Müllerzu ſehen glaubte.
„Ich bezahlte meine Ueberfahrt nach New⸗VYork auf einem Dampfer, der in den nächſten acht Tagen unter Segel gehen ſollte. Der zur Abfahrt beſtimmte Tag war ein Montag, und ich ging am vorhergehenden Freitag in der Nähe der Börſe ſpazieren, hoch erfreut, daß nun bald der atlantiſche Ocean mich von meinen Verfolgern trennen werde. Da hörte ich plötzlich hinter mir mit lauter Stimme den Namen Müller rufen. Ich ſah mich um und erblickte einen langen ſchmächtigen jungen Mann mit einem im Entſtehen begriffenen Schnurrbarte, nach der neueſten Mode gekleidet und ein elegantes Spazierſtöckchen von Ebenholz in der Hand.
Herr Müller?"¹ redete er mich mit einer leich⸗ ten Verbeugung an.
„Ich heiße nicht Müller,“ antwortete ich dreiſt.
„Sie ſind noch nicht bei Hildeburger gewe⸗ ſen!“ verſetzte er, bedeutungsvoll die Augenbrauen emporziehend.
„Ein kalter Schauer durchrieſelte meinen ganzen Körper und ich ſtammelte ein kaum hörbares„Nein“ hervor.
„Es hat uns viel Mühe gekoſtet, Sie ausfindig zu machen,“ fuhr er mit großer Zuverſicht fort.„Die Dame war ſehr ſtarrſinnig. Die Schraube und das Waſſer wurden umſonſt verſucht, bis wir endlich durch die richtige Anwendung von Seilen und Flaſchenzügen reüſſirten.“
„Ich ſchauderte abermals zuſammen.
„Wollen Sie jetzt mit Hildeburgerſprechen?“ frug der junge Mann mit nachdrückticher Betonung. „Er iſt hier... ganz in der Nähe.“
„Jetzt nicht, jetzt nicht“, ſtammelte ich,„ein an⸗ dermal...“
„Morgen vielleicht?“
„Ja, ja, morgen,“ erwiederte ich, wie auf Kohlen ſtehend.
„Nun gut, alſo morgen, Samſtag. Um vier Uhr Nachmittags treffen Sie mich hier. Aber vergeſſen Sie es nicht. Au revoir, Herr Müller.“
„Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo machte er Kehrt und verlor ſich unter der Menge.
„Ich zweifelte nicht, daß er von meiner auf kom⸗ menden Montag feſtgeſetzten Abreiſe Wind hatte, da er den Samſtag zu unſerem rendez-vous beſtimmte. Ob⸗ gleich ich daher meine Ueberfahrt nach New⸗York be⸗ reits bezahlt hatte, beſchloß ich, das Geld im Stich zu laſſen und eine andere Route einzuſchlagen, um meinen Verfolgern zu entrinnen. Ich trat in ein Schiffsbu⸗ reau und erfuhr hier, daß noch denſelben Abend um zehn Uhr ein Dampfer aus dem George's Dock nach Glasgow auslaufen werde. Ich beſchloß ſogleich, dieſe Gelegenheit zu benützen.
„Ein Viertel vor zehn Uhr war ich mit meinem Gepäck am Dock. Es regnete heftig.


