Jahrgang 
1864
Seite
105
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Ein Geheimniß. 105

begnügen würde;ich will bekennen, ich will Alles ſagen.

So ſprechen Sie, verſetzte der ſchwarzgekleidete Herr in ſtrengem Tone.Wo iſt das Kind?

In Amſterdam, antwortete ich auf's Gerathewohl.

Unſinn! rief hier der Mann mit dem grünen Augenſchirme;was hat Amſterdam mit demblauen Tiger' zu ſchaffen?

Ich habe wohl nicht erſt nöthig, Sie daran zu erinnern, ſetzte der Andere hinzu,daß der Name einer Stadt oder eines Landes keine Antwort auf meine Frage iſt. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß der Schlüſſel zu dem Schickſale des Kindes dort liegt.

Mit dieſen Worten deutete er auf meine Brief⸗ taſche.

Ja, dort, bekräftigte der Mann mit dem Augen⸗ ſchirme, indem er auf die Brieftaſche ſchlug.

Aber, meine Herren... wollte ich einwenden.

Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen, Herr Müller, war die kurze und entſchiedene Antwort.

Ich wurde wieder in mein Gefängniß zurückge⸗ führt und in dem erleuchteten Gange wurde mir von Seiten der ſchwarz gekleideten Dame zum zweiten Male der leidige Troſt zugeflüſtert,daß der Himmel mich für meine aufopfernde Hingebung belohnen werde. In meinem Zimmer fand ich wieder ein Stück Brod und einen Krug Waſſer und abermals wurde ich hier einen Tag und eine Nacht ohne weitere Nahrung allein ge⸗ laſſen, um am folgenden Tage zum dritten Male ver⸗ hört, gepeinigt und auf' neue eingeſperrt zu werden.

Bei meinem fünften Verhöre äußerte der ſchwarz gekleidete Herr die Bemerkung:Herr Müller verlangt vielleicht Gold. Sehen Sie hier. So ſprechend, öff⸗ nete er einen mit Haufen Goldes gefüllten Schubkaſten und ſagte, ich möge mir ſoviel davon nehmen als ich wolle.

Umſonſt betheuerte ich, daß alle Schätze der Welt nicht im Stande ſeien, mir ein Geheimniß zu entlocken, das ich nicht beſitze; umſonſt verſicherte ich, daß ich gar nicht Müller heiße; umſonſt erzählte ich ausführlich den von mir verübten Betrug. Der ſchwarz gekleidete Herr ſchüttelte mit dem Kopfe, lächelte ungläubig, gra⸗ tulirte mir zu meiner erfinderiſchen Einbildungskraft und ſagte ſchließlich, meine fabelhafte Geſchichte beſtärke ihn nur noch mehr in der Ueberzeugung, daß ich wiſſe, wo das Kind ſei.

Als ich nach dem nächſten Verhör wieder in meine traurige Haft bei Waſſer und Brod zurückgeführt wurde, zeigte ſich mir die ſchwarz gekleidete Dame zum dritten Male und flüſterte mir zu:

Laſſen Sie den Muth nicht ſinken, Sie werden bald erlöſt ſein. Sie ſollen dieſe Nacht in ein Irrenhaus gebracht werden.

Wie die Verſetzung in ein Irrenhaus meine Er⸗ löſung herbeiführen, oder nur meine Ausſichten in die Zukunft verbeſſern konnte, war mir nicht recht klar. Sei dem wie ihm wolle, ich wurde in der kommenden Nacht geknebelt, in eine Zwangsjacke geſteckt und dann in einen Wagen gehoben, der unmittelbar darauf im raſchen

Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

Trabe abfuhr. Wir reiſten die ganze Nacht durch und kamen am andern Morgen bei guter Zeit in einem großen ſteinernen Gebäude an. Dort wurde ich ausgekleidet, genau unterſucht, dann gebadet und mit einem groben Anzuge von grauem Tuche verſehen. Auf die Frage, wo ich mich befinde, erhielt ich zur Antwort:Im Groß⸗ herzoglichen Irrenhauſe.

Könnte ich nicht mit dem Direktor ſprechen? frug ich weiter.

Der Herr Oberdirektor war ein kleiner Mann mit kahlem Kopfe und ſehr ſchönen weißen Zähnen. Er empfing mich bei meinem Eintritt in ſein Kabinet ſehr artig und frug mich, womit er mir dienen könne. Ich nannte ihm meinen wahren Namen, erzählte ihm meine traurige Geſchichte, ſagte ihm, daß ich ein britiſcher Un⸗ terthan ſei, und verlangte Freiheit. Er lächelte nur und frug:Wo iſt Kraus?

Hier, Herr Direktor, antwortete dieſer, der Ober⸗ aufſeher des Irrenhauſes.

Welche Nummer bekommt dieſer Herr?

Nummer 92.

Zweiundneunzig, wiederholte der Direktor lang⸗ ſam ſchreibend.Zugpflaſter auf die Fußſohlen, eine ſpaniſche Fliege hinter jedes Ohr, Senfteig auf den Unterleib und Eis auf den Kopf,

Dieſe abſcheulichen Verordnungen wurden ſämmt⸗ lich genau ausgeführt. Der ſchändliche Kraus quälte mich auf jede Weiſe und wiederholte mir dabei beſtän⸗ dig:Sagen Sie mir, wo das Kind iſt, Müller, und Sie ſollen in einer halben Stunde Ihre Freiheit haben.

Ich brachte ein volles halbes Jahr in dem Ir⸗ renhauſe zu. Wenn ich mich über Krauſens üble Behandlung und ſeine Verſuchungen bei dem Direktor beſchwerte, verordnete er mir jedesmal ſogleich wieder Zugpflaſter und Eis. Die Brauſchen, die ich ihm zeigte, ſollte ich mir ſelbſt in meinen Anfällen von Raſerei ge⸗ ſchlagen haben! Die Irren, mit denen ich eingeſperrt war, erklärten, wie alle dieſe Unglücklichen, daß ich im höchſten Grade wahnſinnig ſei.

Als ich eines Abends ſeufzend auf meinem Bett lag, trat Kraus in meine Zelle.

Stehen Sie auf, ſagte er zu mir,Sie ſind frei. Es ſind mir, von wem, können Sie ſich denken, zehn⸗ tauſend Thaler verſprochen worden, wenn es mir ge⸗ länge, Ihnen Ihr Geheimniß zu entlocken; aber von anderer Seite hat man mir zwanzigtauſeng Gulden Konventionsmünze für Ihre Befreiung geboten, und das iſt eine Summe, welche eher die Mühe lohnt. Ich verliere allerdings meinen Poſten und muß flüchten; aber ich errichte in Frankfurt ein neues Hötel und da kann ich mein Glück machen. Kommen Sie.

Er führte mich die Treppe hinunter, ließ mich durch eine Hinterthür in den Garten, und nachdem er mir ein Bündel Kleidungsſtücke unter den Arm gegeben und eine gefüllte Börſe in die Hand gedrückt, wünſchte er mir gute Nacht.

Ich kleidete mich um, warf meine Narrenhaus⸗ livrée weg und wanderte die ganze Nacht durch bis zum Morgen, wo ich die Grenze eines andern Herzogthums

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