Jahrgang 
1864
Seite
104
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104 Ein Geheimniß.

von ihm entfernt ſtand ein mit Büchern und Papieren bedeckter Tiſch, an welchem in einem großen Lehnſtuhl ein alter Mann von koloſſalem Körperumfange, be⸗ kleidet mit einem koſtbaren Pelzſchlafrocke und einem ſchwarzen Sammtkäppchen auf dem Kopfe, über das ein abſcheulicher grüner Augenſchirm geſtülpt war. Die beiden Livréebedienten führten mich bis an den Tiſch, wo ſie, mich noch immer feſthaltend, ſtehen blieben.

Nun, Herr Müller, redete mich der ſchwarz⸗ gekleidete Herr ſehr artig und im reinſten Engliſch an, wie befinden Sie ſich?

Ich antwortete ihm mit unverhohlener Ent⸗ rüſtung, daß mein Geſundheitszuſtand hier ganz gleich⸗ giltig ſei und verlangte zu wiſſen, warum ich gewaltſam fortgeſchleppt und faſt drei Tage lang ohne Nahrung in einem unterirdiſchen Kerker gelaſſen worden ſei.

Sie müſſen die anſcheinende Rückſichtsloſigkeit, mit der Sie behandelt worden ſind, entſchuldigen, Herr Müller, entgegnete der ſchwarzgekleidete Herr mit unerſchütterlicher Artigkeit.Dieſes Haus iſt in der That nichts weniger als ein Gefängniß, ſondern im Gegen⸗ theil ein Palaſt, und da wir eben keine ordentlichen Kerker hier haben, waren wir gezwungen, uns im Drange des Augenblicks eines Raumes zu bedienen, der, wenn ich nicht irre, früher als Weinkeller benützt worden iſt. Ich hoffe, Sie werden es dort nicht feucht und dumpfig gefunden haben.

Der Mann mit dem grünen Augenſchirme zog einigemale ſeine fetten Schultern empor, als ob er heimlich lachte.

Wir erwarteten anfangs, mein Herr, fuhr der Andere fort, indem er mir höflich winkte zu ſchweigen, da ich den Mund öffnen wollte,daß der Beſitz der in Ihrer Brieftaſche befindlichen Papiere(dabei zeigte er auf mein unglückliches Portefeuille) zur Erreichung unſerer Abſicht genügen würde; da wir aber gefunden haben, daß die Briefe zum Theil in einer Zifferſprache geſchrieben ſind, zu der Sie allein den Schlüſſel haben, ſo hielten wir es für unerläßlich, uns das Vergnügen Ihres Beſuches zu verſchaffen.

Ich weiß von der Zifferſprache und dem Schlüſſel dazu eben ſo wenig als Sie, erwiederte ich,und ich ſchwöre zu Gott, daß mir überhaupt kein Sie betreffen⸗ des Geheimniß irgend einer Art bekannt iſt.

Sie werden Hunger haben, Herr Müller, fuhr de warzgekleidete Herr fort, als ob ich kein Wort geſagt hätte.Bringe etwas zu eſſen, Karl.

Mein ehemaliger Graurock, der jetzt mit dem Namen Karl angeredet wurde, entfernte ſich mit einer Verbeugung und brachte nach wenigen Minuten einen mit köſtlich duftenden Speiſen und zwei Flaſchen Wein beſetzten kleinen Tiſch herein. Die Bedienten zogen die Korke zur Hälfte heraus, das Herz hüpfte mir in der Bruſt, und ich wollte ohne weiteres über das leckere Mahl herfallen, als der Herr im ſchwarzen Frack ſeine Hand erhob und ſagte:

Einen Augenblick Geduld, Herr Müller. Ehe Sie Ihre geſunkenen Kräfte ſtärken, haben Sie die Güte

mir eine Frage zu beantworten. Wo iſt das Kind?

Ja, wo iſt das Kind? wiederholte der Mann mit dem grünen Augenſchirme.

Ich weiß es nicht, antwortete ich mit überzeu⸗ gender Feſtigkeit;auf meine Ehre, ich weiß es nicht. Und wenn Sie mich hundert Jahre lang fragten, ich würde es nicht ſagen können.

Karl, rief der ſchwarzgekleidete Herr mit der größten Ruhe,trage den Tiſch wieder hinaus, Herr Müller hat keinen Appetit. Sie müßten denn ſo freundlich ſein, wendete er ſich nochmals an mich, meine kleine Frage zu beantworten.

Ich kann es nicht, denn ich weiß nichts.

Gut, ſo nimm den Tiſch mit hinaus, verſetzte mein Peiniger, indem er eine Zeitung zur Hand nahm und mir den Rücken zukehrte.Herr Müller, ich wünſche Ihnen einen guten Morgen.

Trotz meines Geſchreies und meines Widerſtre⸗ bens wurde ich wieder fortgeführt. Wir ſchritten durch die Gemäldegalerie, anſtatt aber die Treppe hinunter⸗ zugehen, traten wir in eine andere Reihe von Gemä⸗ chern. Während wir durch einen von Lampen erleuch⸗ teten langen Korridor gingen und der eine von meinen Wächtern ſtehen geblieben war, um eine Thür zu öffnen, der andere aber mehrere Schritte hinter mir langſam folgte, that ſich plötzlich ein Feld des Wandgetäfels auf und eine ſehr ſchöne ſchwarz gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren lehnte ſich aus der Oeffnung.

Ich habe Alles mit angehört, flüſterte ſie mir haſtig zu; Sie haben edel gehandelt. Bleiben Sie ſtandhaft gegen ihre Verſuchungen, und der Himmel wird Sie für Ihre aufopfernde Hingebung belohnen.

Ich hatte nicht Zeit, etwas zu erwiedern, da die Oeffnung ſogleich wieder verſchloſſen wurde. Man führte mich nun durch eine Menge Zimmer bis in ein kleines, ſehr einfach ausgeſtattetes, aber ſauber gehal⸗ tenes Schlafkabinet. Hier blieb ich allein, und die Thür ward von außen feſt verſchloſſen und verriegelt. Auf dem Tiſche fand ich ein Stück Schwarzbrod und einen Krug Waſſer, womit ich meinen raſenden Hunger und Durſt einigermaßen ſtillte.

Im Laufe der nächſten vierundzwanzig Stunden erhielt ich keine Nahrung wieder. Aus meinem ſtark vergitterten Fenſter konnte ich ſehen, daß das Zimmer auf den Hof ging, wo ſich die Küche befand; ſo daß ich beſtändig die Küche vor Augen und den Geruch der feinſten Speiſen vor der Naſe hatte.

Am zweiten Tage wurde ich abermals vor den ſchwarzgekleideten Herrn und den korpulenten Mann mit dem grünen Augenſchirme geführt, und die hölliſche Scene meines erſten Verhörs wiederholte ſich. Man verſuchte es abermals, mich durch den Anblick eines ſplendiden Mahles zu einem Geſtändniſſe zu bringen, und der Tiſch wurde wieder entfernt, da ich aufs neue hoch und theuer verſicherte, daß es mir unmöglich ſei, die mir vorgelegte Frage zu beantworten.

Halt! rief ich endlich in einem Anfalle von Ver⸗ zweiflung, als Karl mit dem reich beſetzten Speiſe⸗ tiſche eben das Zimmer verließ, in dem Wahne, daß man ſich mit dem erſten beſten Orte, der mir einfiel,