Ein Geheimniß.
„So hatte ich denn für eine Summe von etwa vierhundert Pfund in Gold und Banknoten Alles, Namen und Vermögen, verloren!“
Der Erzähler hielt einen Augenblick inne, und ich benützte dieſe Pauſe, um die Frage an ihn zu richten:
„Vermuthlich wolltet Ihr es nun verſuchen, Eure Identität zu beweiſen, und da Euch dies nicht gelang, wurdet Ihr unter der Anklage des Mordes und der Brandſtiftung zum Galgen verurtheilt, nicht ſo?“
Ich wartete auf ſeine Antwort. Er hatte ſich eine friſche Cigarre angezündet und rauchte ſchweigend, als ob er meine Frage in Gedanken überhört hätte. Da ich ſah, daß er ziemlich ruhig war, wollte ich ſeine ſchmerzlichen Gefühle nicht durch wiederholte Fragen wecken, und ich wartete demnach geduldig, bis er von ſelbſt in ſeiner Erzählung fortfahren würde. Ich brauchte nicht lange zu warten.
„Nein, Sie irren ſich,“ hob er endlich wieder an;„was ich in jener Nacht wurde, bin ich ſeitdem ge⸗ blieben und hin es noch, das heißt Nichts. Noch den⸗ ſelben Tag, an welchem ich den erwähnten Zeitungs⸗ bericht geleſen hatte, verließ ich die Hauptſtadt, denn es war jetzt mein einziger Wunſch, mich ſo weit als mög⸗ lich von London und von England überhaupt zu ent⸗ fernen. Ich kam zur gehörigen Zeit in Hull an, und da ich dort erfuhr, daß Hamburg die nächſte auslän⸗ diſche Hafenſtadt ſei, beſchloß ich, mich dahin zu begeben. Hier lebte ich etwa ein halbes Jahr ſehr eingezogen und frugal in einem Gaſthofe und bemühte mich nach Kräften, deutſch zu lernen, weil ich bei genauer Unter⸗ ſuchung der in der Brieftaſche befindlichen Papiere die Entdeckung gemacht hatte, daß ein Theil derſelben in dieſer Sprache geſchrieben war. Ich war nun zwar ein ziemlich ungelehriger Schüler, hatte aber doch im Laufe der ſechs Monate ſo viel gelernt, um herausſtudiren zu können, daß der Name des Unglücklichen Müller war und daß er theils in Rußland, theils in Frankreich, theils in Nordamerika gelebt hatte. Ich überſetzte mehrere Stellen aus dem Tagebuche, das er in letz⸗ terem Lande geführt; allein es enthielt nur eine Schil⸗ derung ſeiner Reiſeeindrücke. Hier und da war von ſeinem ‚Geheimniſſe' und von ſeinem Auftrage' die Rede; allein ich konnte nicht herausfinden, worin dieſes Geheimniß und dieſer Auftrag beſtand. Auch fand ich zuweilen die Worte ‚Hirtin',„Antilope' und „blauer Tiger' erwähnt, meinem Vermuthen nach fin⸗ girte Namen für Perſonen, mit denen er in Verbin⸗ dung ſtand. Die Hauptmaſſe der Papiere war jedoch in einer Schrift abgefaßt, die ich trotz aller Mühe nicht zu entziffern vermochte. Ich erkundigte mich nach einem gewiſſen Müller, fand aber bald, daß es in Hamburg wenigſtens hundert Leute dieſes Namens gab, und meine Nachforſchungen blieben daher völlig erfolglos.
„Ich pflegte des Abends in ein großes Bierhaus in der Vorſtadt zu gehen, um eine Pfeife zu rauchen. Dort ſaß an meinem Tiſche gewöhnlich ein kleiner kor⸗ pulenter Mann, der einen grauen Rock trug und be⸗ ſtändig rauchte und Bier trank. Obwohl ich gegen jeden
Fremden mißtrauiſch und ſorgfältig auf meiner Hut war, entſpann ſich doch zwiſchen uns Beiden nach und nach eine nähere Bekanntſchaft.
„Eines Abends, als wir ſchon ziemlich viel Bier getrunken und verſchiedene Pfeifen dazu geraucht hatten, frug er mich, ob ich das berühmte bairiſche Bier ſchon einmal gekoſtet habe, das ſeiner Verſicherung nach alle anderen deutſchen Biere in den Schatten ſtelle, und da ich ſeine Frage verneinte, erbot er ſich, eine Flaſche von dieſem Biere zum Beſten zu geben. Ich war ganz in der Stimmung, das freundliche Erbieten anzuneh⸗ men; wir tranken eine Flaſche, dann noch eine und noch eine, bis endlich Alles im Zimmer vor meinen Augen mit einander verſchwamm und ſich im Kreiſe um mich drehte.
„Jetzt,“— ſagte mein Geſellſchafter,—„wollen wir noch ein Gläschen Branntwein genießen, was ich ſtets thue, wenn ich bairiſches Bier getrunken habe. Hier bekommen wir jedoch keinen, und wir müſſen daher nebenan in die ‚Grüne Gans' gehen, eine ſehr anſtän⸗ dige Reſtauration, deren Wirth, der Sohn einer alten Witwe, Max Rombach heißt.“
„Ich befand mich in der Stimmung, in welcher man, obgleich man des Guten ſchon zu viel gethan, immer noch etwas Anderes zu bedürfen glaubt, und ich begleitete daher meinen kleinen Graurock ſehr bereit⸗ willig. Wie viel Gläſer Branntwein ich in der ‚Grünen Gans' zu mir nahm, weiß ich nicht mehr; als ich aber am andern Morgen in meinem Bett erwachte, empfand ich einen brennenden Durſt und unerträglichen Kopf⸗ ſchmerz. Mein Erſtes war jetzt, daß ich aus dem Bette ſprang und meine Rocktaſchen unterſuchte, um zu ſehen, ob mein Portefeuille noch darin war. Es war ver⸗ ſchwunden! Ich frug die Kellner und den Wirth, aber keiner wußte von etwas. Ein korpulenter Herr in grauem Rocke, der ſich für meinen Freund ausgegeben, hatte mich, ſtark berauſcht, in einem Fiaker nach Hauſe ge⸗ bracht, mich die Treppe hinauf in mein Zimmer geführt und mich ausgekleidet. Das Reſultat aller Erkundigun⸗ gen war die Ueberzeugung, daß mein kleiner Graurock der Dieb ſein mußte. Der Gedanke, mich meines Geldes zu berauben, konnte jedoch nicht die Triebfeder ſeiner That geweſen ſein, denn ich fand meine Banknoten, die ich ſtets im Portefeuille bei mir trug, vollzählig und in ein Blatt Papier eingewickelt, in meiner Weſtentaſche.
„Ich ging dieſen Abend wieder in das bewußte Bierhaus, wo ich meinen Freund kennen gelernt, ohne im entfernteſten daran zu denken, daß ich ihn dort an⸗ treffen würde, ſondern lediglich in der Hoffnung, einige Erkundigungen über ihn einzuziehen.
„Zu meinem nicht geringen Erſtaunen ſaß er wie gewöhnlich rauchend und trinkend an unſerem gemein⸗ ſchaftlichen Tiſche und erwiederte meine verlegene Be⸗ grüßung mit dem freundlichen Ausdrucke der Hoffnung, daß mir der in vergangener Nacht genoſſene Brannt⸗ wein wohl bekommen ſein möge. 4
„Ich muß ein paar Worte mit Ihnen ſprechen,“ ſagte ich hierauf.
„Mit Vergnügen,“ entgegnete er, indem er ſogleich


