Ein Geheimniß. 101
die mir beide noch ſo deutlich in den Ohren klingen, als ob ich ſie erſt geſtern, anſtatt vor zwanzig Jahren, ge⸗ hört hätte. In dem Augenblicke, als ich aus dem Fen⸗ ſter ſehen wollte, bemerkte ich ein Paar blutige Hände, welche das Fenſterbrett krampfhaft erfaßten, und zu gleicher Zeit vernahm ich einen kläglichen Hilferuf. Kaum wiſſend, was ich that, ergriff ich die das Fenſterbrett umklammernden Hände und zog einen Mann in meine Stube, deſſen Geſicht nur noch eine zerfetzte, blutige Fleiſchmaſſe war. Als ich ihm hereingeholfen hatte, blieb er aufrecht vor mir ſtehen und ſah mich mit ſeinen ganz von Blut überſtrömten Augen an. Dann ſtam⸗ melte er einige Worte hervor und taumelte im Zimmer umher, jeden Schritt durch eine Blutſpur bezeichnend. Mit einem unwillkürlichen Schauder folgte ich ihm überall hin, bis er endlich vornüber auf mein Bett fiel.
„Ich zündete nun ein Licht an. Der Mann war völlig todt. Sein Geſicht war dergeſtalt zerſchoſſen, daß es rein unmöglich war, die Züge desſelben zu erkennen. Er mußte die ganze Ladung in's Geſicht bekommen haben, denn es waren ſogar einige von ſeinen ſchwar⸗ zen Haaren verbrannt. In der linken Hand hielt er ein Piſtol, das augenſcheinlich vor ganz kurzer Zeit abge⸗ feuert war.
„Ich ſaß faſt zwanzig Minuten neben dieſem gräßlich zugerichteten Leichname, in Erwartung des Alarms, der meiner Meinung nach nothwendig folgen mußte, und überlegte während deſſen, was ich thun ſollte. Es blieb jedoch Alles ſtill wie das Grab. Im Hauſe ſchien Niemand die beiden Schüſſe gehört zu haben und draußen hatte man wahrſcheinlich nicht weiter darauf geachtet. Ich ſah aus dem Fenſter; aber die Nacht hatte bereits ihren dunklen Schleier über die Dächer und Schornſteine gebreitet, ſo daß ich nichts deutlich unterſcheiden konnte. Als ich das Licht aus dem Fenſter hielt, bemerkte ich nur in der Dachrinne unter mir eine Blutlache, in der ſich die Flamme ſpiegelte.
„Jetzt ſtieg der Gedanke in mir auf, daß ich der Ermordung dieſes unbekannten Mannes angeklagt wer⸗ den könnte. Nachdem ich noch vor wenigen Minuten mir freiwillig den Tod hatte geben wollen, fürchtete ich nunmehr denſelben und zitterte wie Espenlaub bei dem Gedanken an den Galgen. Ich wollte mir einreden, daß Alles nur ein entſetzlicher Traum geweſen ſei; aber vor mir auf dem Bette lag der gräßlich verſtümmelte Leichnam, und alle Möbeln und Wände des Zimmers trugen die Spuren ſeiner blutigen Hände.
„Ich begann nun, den Todten ſorgfältig zu unter⸗ ſuchen. Er hatte faſt genau meine Größe und Stärke, ſein Alter aber konnte ich nicht beurtheilen. Seine Haare waren jedoch lang und ſchwarz wie die meinigen. In einer ſeiner Taſchen fand ich ein kleines Portefeuille, das eine Menge außerordentlich dünner Papierblätter enthielt, welche in einer mir ganz unvberſtändlichen Sprache ſehr eng beſchrieben waren; außerdem befand ſich eine ziemlich bedeutende Summe Geldes in engli⸗ ſchen Banknoten darin. In der Weſtentaſche fand ich eine goldene Uhr und in einem ſeidenen Gürtel, den
er um die Hüften trug, zweihundert Stück engliſche Sovereigns und franzöſiſche Louisd'ors.
„Ich weiß nicht, welcher böſe Geiſt neben mir ſtand, während ich dieſe Unterſuchung vornahm. Der Plan, bei dem ich ſtehen blieb, wurde nicht erſt lange in meinem Geiſte erwogen; er ſchien ſogleich fertig entſtanden zu ſein, wie Minerva aus dem Haupte Jupiters. Mein Eneſchluß war, daß der Todte lebend, und der Lebende todt ſein ſollte. In kürzerer Zeit als ich dazu brauche, es Ihnen zu erzählen, hatte ich den Leichnam ausge⸗ zogen und meine Kleider mit den ſeinigen vertauſcht, ſowie das Portefeuille, die goldene Uhr und das Geld an mich genommen. Dann legte ich das brennende Licht auf das Bett, drückte meinen Hut tief in die Augen und ſchlich die Treppen hinunter. Ich begegnete keiner Seele und erreichte unbemerkt den Hof und die Straße. Erſt eine Stunde darauf, als ich durch Holborn der Andreaskirche zuging, ſah ich einige Feuerſpritzen vor⸗ überfahren, und auf meine unbefangene Frage, wo das Feuer ſei, erhielt ich zur Antwort:„In der Gegend von Gray's Inn Lane.“
„Ich ſchlief dieſe Nacht nirgends und weiß über⸗ haupt nicht mehr recht, was ich eigentlich vornahm; nur deſſen entſinne ich mich noch unbeſtimmt, daß ich in mehreren glänzend erleuchteten Weinhäuſern Souve⸗ reigns wechſelte. Ich kann heute noch nicht begreifen, wie es möglich war, daß ich von den mir ganz ungewohnten geiſtigen Getränken nicht völlig berauſcht wurde. Am fol⸗ genden Tage las ich in einer Zeitung nachſtehende Notiz:
„Gräßlicher Selbſtmord und Feuers⸗ brunſt unweit Grays Inn Lane.— In ver⸗ gangener Nacht wurden die Bewohner von Cragg's Court, Huſtle Street, Gray's Inn Lane durch einen dicken Rauch erſchreckt, welcher aus einem Dachfenſter dieſes Hofes hervorquoll. Der Beſitzer des Hauſes Mr. Ploſe, der ſich alsbald in die betreffende Manſarde hinaufbegab, überzeugte ſich bei ſeinem Eintreten, daß ſein Abmiether, ein gewiſſer***, ſich vermittelſt eines Piſtols, das noch in der rechten Hand des Todten ge⸗ funden wurde, ſelbſt entleibt hatte. Durch den glimmen⸗ den Pfropf oder irgend eine andere Urſache ſind die Betttücher in Brand gerathen und das Bett, wie auch ein Theil der Möbeln vom Feuer verzehrt worden. Die betreffenden Löſchmannſchaften erſchienen ſehr bald mit ihren Spritzen an Ort und Stelle und ſo wurde man nach einiger Anſtrengung des Feuers Herr, bevor es, außer dem betreffenden Zimmern, erheblichen Schaden angerichtet. Der Körper und das Geſicht des Selbſt⸗ mörders waren entſetzlich verſtümmelt und verbrannt, ſeine Kleider und Papiere aber haben ſeine Identität genügend konſtatirt. Niemand hat eine Ahnung davon, was den Unglücklichen zu dieſem verzweifelten Schritte bewogen haben kann; es hat ſich ſogar herausgeſtellt, daß, wenn er nur noch einige Stunden gelebt hätte, er in den Beſitz eines Vermögens von dreißigtauſend Pfund Sterling gekommen wäre, indem ſein Oheim, Gripple Collerer Esg., in der Raglan Street, Clerkenwell, zwei Tage vorher geſtorben war und ihn zum Univerſal⸗ erben eingeſetzt hatte.“—


