Jahrgang 
1864
Seite
100
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Ein Geheimniß.

Hier iſt ein Brief an Dich, mein Kind, grinſte der alte Schurke,ein Brief von Deiner ‚einzigen und wahren Liebe'. Ich glaube indeſſen, daß Du gar nicht nöthig haben wirſt, ihn zu leſen, denn Du mußt mich deutlich verſtanden haben. Ich ſpreche ziemlich laut, wenn ich auch engbrüſtig bin und das Sprechen nicht lange aushalten kann.

Dieſe letzten Worte betonte er mit einem be⸗ ſondern höhniſchen Nachdrucke, weil dieſelben in einem meiner Briefe vorkamen.

Als Mary das verhängnißvolle Papier in Empfang nahm, zitterte ihre Hand, als ob ihr Arm gelähmt wäre. Als ich ſie aber durch einen flehentlichen Blick bat, mich anzuſehen und in meinen Augen die erneute Verſicherung ewiger Treue zu leſen, ſprach finſterer Zweifel aus ihrem Antlitze; ſie drückte den ſchändlichen Brief in der Hand zuſammen und warf ihn mit tiefſter Verachtung weit von ſich.

Du, meine Tochter heiraten? krächzte hierauf Onkel Morbus,Du?... Dein Vater konnte nicht zwei Procent geben und er iſt mir bis auf den heutigen Tag Geld ſchuldig geblieben. Es iſt eine Schande, daß es kein Geſetz gibt, welches die Söhne anhält, die Schulden ihrer Väter zu bezahlen! Du, meine Tochter heiraten!... Denkſt Du denn, daß ich den Sohn Deines Vaters und den Neffen Deines Oheims zum Schwiegerſohne haben möchte?

Ich konnte aus dieſen letzten Worten erſehen, daß das momentane Einigkeitsband zwiſchen meinen beiden Oheimen ſich ſchon wieder zu lockern begann, und ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl ſchimmerte noch⸗ mals an meinem Horizonte.

Verlaſſen Sie augenblicklich mit Ihrer Nichte mein Haus! rief Onkel Collerer.Sie haben meinen Zwecken, und ich den Ihrigen gedient, jetzt gehen Sie!

Ich hörte die beiden Alten noch eine Weile draußen im Korridor keifen und Marh bitterlich weinen; dann wurde die Hausthür unſanft zugeſchlagen, und mein Oheim trat, noch immer vor ſich hin brummend, wieder ein.

Ich hoffe Sie werden nun zufrieden geſtellt ſein, Onkel, ſagte ich zu ihm.

Zufrieden? rief er in einem kreiſchenden Tone, indem er ſeine irdene Tabaksbüchſe mit bleiernem Deckel emporhob, als ob er mir dieſelbe an den Kopf werfen wollte.Zufrieden?... Du ſollſt gleich ſehen, ob ich zufrieden bin! Fort aus dem Hauſe, und daß Du mich nie wieder Dein hundsföttiſches Spitzbubengeſicht blicken läßt!

Sie werden mich doch nicht aus dem Hauſe werfen wollen, Onkel? ſtammelte ich.

Fort, ſage ich! nimm Deine Lumpen und packe Dich! Wenn Du noch eine Minute länger hier bleibſt, laſſe ich Dich durch die Polizei auf die Straße werfen!

Aber wohin ſoll ich denn gehen? frug ich ihn.

Bettle meinetwegen, oder küße Deinem braven Onkel Morbus die Füße, oder verfaule, es iſt mir gleich!

So ſprechend, zog er zuerſt meinen Koffer aus

dem Zimmer bis auf die Straße und ſtieß mich dann

ebenfalls hinaus, ohne daß ich den mindeſten Wider⸗ ſtand leiſtete. Dann ſchlug er mir die Thür vor der Naſe zu und ließ mich mitten in der Nacht auf offener Straße.

Ich ſchlief dieſe Nacht in einem Kaffeehauſe. Da ich noch einige Schillinge beſaß, miethete ich am andern Morgen unweit Gray's Inn Lane ein kleines Dachſtüb⸗ chen in einem Hofe, zu vier Schilling die Woche. In dem Hofe lärmte den Tag über ein Schwarm ſchmutziger Kinder, und wenn ich das Fenſter öffnete, ſah ich nichts als ein ſchmales Streifchen Himmel, ſowie einen Haufen düſterer Dächer und räucheriger Schornſteine, über welche ein Kirchthurm emporragte. Von der Kirche, der dieſer Thurm angehörte, ſah ich keine Spur.

Ich ſchrieb Briefe über Briefe an meine beiden Oheime und an Mary, erhielt aber auf keinen eine Antwort. Jeden Tag wanderte ich ziellos in den Straßen umher und nährte mich mit Pennybrödchen und kleinen Würſtchen. Noch am hellen Tage legte ich mich in's Bett und ſah mit Entſetzen die Dunkelheit hereinbrechen, während ich mit nicht geringerem Schaudern den kommenden Morgen erwartete. Ich wußte Niemanden, an den ich mich hätte wenden können, um irgend eine Beſchäftigung zu erlangen, und das Haus, in welchem ich mein Aſyl gefunden, war faſt ledig⸗ lich von fremden politiſchen Flüchtlingen bewohnt, deren Kauderwelſch ich nicht verſtand. Meine kleine Baar⸗ ſchaft ſchmolz zuſehends zuſammen, und nach Verlauf von zehn Tagen war mein Gemüth zum Selbſtmorde reif. Man muß in einer Lage, wie meine damalige war, ge⸗ weſen ſein, um zu dieſer Reife zu gelangen. Geräuſch⸗ volle, von Menſchen wimmelnde Straßen, in denen man nirgends ein befreundetes Geſicht erblickt, völlige Hoffnungsloſigkeit, kärgliche Nahrung und die traurige Ausſicht, hungern zu müſſen, wenn Rock und Weſte ver⸗ kauft ſind: das ſind die beſten Lehrmeiſter. Sie verſetzen die Seele des Menſchen in jene Stimmung, welche die Gerichtsärzte temporären Wahnſinn nennen. Ich be⸗ ſchloß, mir das Leben zu nehmen und kaufte mir zu dem Ende für mein letztes Stück Geld bei verſchiedenen Apothekern kleine Doſen Opium, unter dem Vorgeben, daß ich es als Mittel gegen Zahnweh gebrauchen wolle, denn ich wußte, daß ich eine größere Quantität in einem und demſelben Laden nicht bekommen würde. Dann ging ich mit meinen zehn oder zwölf kleinen Fläſchchen nach Hauſe, ſchüttete den Inhalt derſelben in ein halb zerbrochenes Glas, das auf meinem Waſchtiſche ſtand, verriegelte die Thür ſetzte mich auf meinen verhängniß⸗ vollen ſchwarzen Koffer und verſuchte zu beten, was mir jedoch nicht gelingen wollte.

Es war mitten im Sommer ungefähr um neun Uhr Abends und es begann dunkel zu werden. Wäh⸗ rend ich ſo auf meinem Koffer ſaß, vernahm ich plötzlich durch mein offenes Fenſter ein lautes Geräuſch, verur⸗ ſacht durch verworrene Stimmen, unter denen ich kein Wort deutlich unterſcheiden konnte. Auf dieſes Geräuſch folgte ein Piſtolenſchuß und nach dieſem ein zweiter,