Jahrgang 
1864
Seite
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allerdings mehr wie eine Ratte in ihrer Höhle als ein anſtändiger junger Mann.

Während meines früheren Aufenthaltes im Hauſe des Onkels Morbus hatte ich deſſen Tochter Mary kennen gelernt. Sie war ein zartes, ſchwächliches Kind, und ich hatte ſie in meiner unfreundlichen Kindheit oft geſchlagen oder ihr ihre Spielſachen weggenommen. Sie wuchs jedoch zu einem wunderſchönen Mädchen heran, und ich liebte ſie. Wir hatten heimliche Zuſam⸗ menkünfte im Garten ihres Vaters, während dieſer des Sonntags in der Kirche ſchlief, und ich bildete mir ein, daß ſie anfing, meine Liebe zu erwiedern. Mein Aeußeres, ſo wie meine Sprache waren indeſſen wenig geeignet, ein junges Mädchen zu bezaubern; aber ihr Herz ſtrömte über von Liebe und erblickte meine jämmerliche Geſtalt in einem goldenen Strahlennimbus. Meine Hoffnungen reichten jetzt weiter als bis zu den Geld⸗ ſäcken meines Oheims. Wir wechſelten alle die hohlen Schwüre und Verſicherungen unwandelbarer Liebe und Treue, wie ſie zwiſchen jungen Leuten in einem ſolchen Verhältniſſe üblich ſind, und obgleich wir wußten, daß ein zwiefacher unverſöhnlicher Haß zwiſchen uns und dem Glücke ſtand, überließen wir doch die Erfüllung unſerer ſehnlichen Wünſche der Zeit und unſerem guten Sterne und gaben uns mit Wonne unſeren Hoffnungen und unſerer Liebe hin.

Eines Tages während der Abendmahlzeit, welche aus Brod, holländiſchem Käſe und Dünnbier beſtand, kam es mir vor, als ob Onkel Collerer heute finſterer und mürriſcher ausſähe als gewöhnlich. Er ſprach wenig und ſchien nur mit Widerwillen zu eſſen. Als wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, ging er an einen alten wurmſtichigen Sekretär, in welchem er ſeine Werth⸗ papiere aufzubewahren pflegte, nahm ein zuſammenge⸗ ſchnürtes Packet heraus, band es auf und begann die darin enthaltenen Papiere zu leſen. Ich achtete wenig darauf, denn es war des Abends nach dem Eſſen ſeine Lieblingsbeſchäftigung, die vorräthigen Pfandſcheine und anderen Dokumente durchzuſehen, und bei jedem am nächſtfolgenden Tage fälligen Wechſel verweilte er oft Stunden lang, um die Accepte und Indoſſamente zu prüfen. Selbſt im Bette wachte er dann oft noch die halbe Nacht hindurch und grübelte über die Möglichkeit, daß einer oder der andere Wechſel am andern Morgen nicht bezahlt werden könnte. Nachdem er an jenem Abende die Papiere geleſen und ſorgfältig geordnet hatte, überreichte er mir das ganze Packet und verließ, ohne ein Wort zu ſprechen, das Zimmer. Ich hörte, daß er in's obere Stockwerk hinaufging, wo ſich meine Stube befand.

Mit zitternder Hand und klopfendem Herzen öffnete ich das Packet. Es enthielt ſämmtliche Briefe, die ich an Mary Morbus geſchrieben. Die Wände des Zimmers drehten ſich im Kreiſe um mich, ich ſah nichts weiter als die weißen Blätter, auf denen die ſchwarzen Buchſtaben in chaotiſcher Verwirrung tanzten; Alles um mich her, das Zimmer, das Haus, die Außen⸗ welt, Alles kam mir vor wie ein bodenloſer, finſterer Abgrund. Ich verſuchte es, eine Zeile zu leſen, um⸗

denn

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CEin Geheimniß.

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ſonſt, meinen verwirrten Sinnen erſchienen die Schrift⸗ züge wie hebräiſch. Endlich hörte ich den Schritt meines Oheims wieder auf der Treppe.

Er trat ein, den kleinen ſchwarzen Koffer hinter ſich her ziehend, in welchem ich Alles, was ich mein Eigenthum nennen durfte, aufbewahrte.

Ich hatte zufällig einen Schlüſſel, mit dem ich das Ding öffnen konnte, hob er an,und ich war daher ſo frei, auch die ſchönen Briefe zu leſen, welche die alberne Dirne an Dich geſchrieben hat. Weit mehr hat mich jedoch die Lektüre der Deinigen erbaut, die mir erſt vorigen Abend von Deinem wackern Onkel Morbus den der Satan holen möge über⸗ ſandt worden ſind. Du hoffteſt wohl, nicht wahr 2... Wiſſe jedoch, mein Sohn, die Hoffnung iſt eine trüge⸗ riſche Schmeichlerin. Ich habe Dir nur zwei Worte zu ſagen, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, während der er ſich geſammelt und ich ihn mit verzweiflungs voller Beſtürzung augeſtarrt hatte.Dieſer Koffer ent⸗ hält alle Deine Habſeligkeiten. Entweder Du gibſt Mary Morbus für immer auf und ſchreibſt auf der Stelle vor meinen Augen einen in dieſem Sinne abgefaßten Brief an ſie oder Du gehſt und kommſt mir nie wieder über die Schwelle. Entſchließe Dich raſch und zum Guten.

Nach dieſen Worten ſtopfte ſich Onkel Collerer eine Pfeife und zündete ſie an

Während er mit gedankenſchwerer Miene die blauen Dampfwolken vor ſich blies, überlegte ich meine troſtloſe Situation. Liebe, Furcht, Eigennutz und Hab⸗ ſucht, ja, auch die fluchwündige Habſucht gewann abwechſelnd die Oberhand in mir, bis endlich der ſchmachvolle Gedanke in mir aufſtieg, daß ich ja tem⸗ poriſiren, daß ich Mary zum Schein entſagen, ſie aber im Geheimen meiner unwandelbaren Treue verſichern. könne, und daß ich durch dieſes doppelte Spiel meine Hoffnung auf die Hand der Geliebten wie auf die Beerbung meines reichen Oheims aufrecht erhielt. Zu⸗ meiner Schande muß ich bekennen, daß ich bei dieſem feigen Auswege ſtehen blieb und mich demgemäß bereit erklärte, dem Wunſche meines Oheims zu entſprechen.

So ſchreib, verſetzte er in kurzem Tone, indem er mir einen Bogen Briefpapier und eine Feder auf den Tiſch warf;ich werde diktiren.

Ich ergriff die Feder und ſchrieb, was er mir diktirte. Mein Kopf war damals ſo verwirrt, daß ich mich der Worte jenes Briefes nicht mehr entſinne; doch jedenfalls enthielt er eine kurze Benachrichtigung an Mary, daß ich allen Anſprüchen auf ihre Hand entſage.

So iſt's recht, mein Sohn, ſagte Onkel Colle⸗ rer, als ich fertig war.Wir haben nicht nöthig, den Brief zuſammenzubrechen, zu verſiegeln und zur Poſt zu ſchicken, da er hielt huſtend inneda wir ihn auf der Stelle ſelbſt abgeben können.

Wir befanden uns im vordern Wohnzimmer, welches mit dem hinteren durch eine Flügelthür in Ver⸗ bindung ſtand. Mein Oheim öffnete den einen Flügel derſelben und ließ mit einer ſpöttiſchen Verbeugung Onkel Morbus und Couſine Marh eintreten.

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