Jahrgang 
1864
Seite
98
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98 Ein Geheimniß.

waren durch eine unfreiwillige Sehnenanſpannung ein wenig nach innen gekrümmt und ich bemerkte, daß ein nervöſes Zucken zuweilen ſein ganzes Geſicht krampf⸗ haft verzerrte, wie bei einem Manne, der mit dem de- lirium tremens behaftet iſt.

Ich hatte ihm eine Cigarre gegeben. Nachdem er das obere Ende derſelben mit den Lippen angefeuchtet, erhob er den Blick zu mir, oder vielmehr zu der Wand hinter meinem Stuhle und ſagte:

Es iſt Alles vergebens... und wenn Sie mich auf die Folter ſpannten, oder mich zu Tode prügelten, oder mir lebendig die Haut abzögen, oder mich mit einer Raspel am ganzen Leibe wund feilten und mich dann in Eſſig tauchten und mir die Augen mit Schieß⸗ pulver einrieben, es würde Ihnen nichts helfen, ich kann Ihnen nicht ſagen, wo das Kind iſt... denn ich weiß es nicht und habe es nie gewußt. Aber wie ſoll ich Sie denn überzeugen, daß ich es nicht weiß und es nie gewußt habe?

Ihr ſcheint nicht zu wiſſen, guter Freund, be⸗ merkte ich ihm,daß ich weit entfernt bin von dem Wunſche, zu erfahren, wo das Kind iſt, von dem Ihr ſprecht, und daß ich überhaupt nicht im mindeſten be⸗ gierig bin, von irgend einem Kinde irgend etwas zu hören. Erlaubt mir die Bemerkung, daß ich überhaupt nicht recht einſehe, in welcher Beziehung Eure bewußte Galgengeſchichte mit einem Kinde ſteht.

In welcher Beziehung? verſetzte mein Geſell⸗ ſchafter heftig auffahrend.Sie irren ſich, das Kind ſteht in der engſten Beziehung zu meiner Geſchichte, es war ſogar die Urſache, um derenwillen ich gehängt wurde.

Er murmelte noch eine Weile etwas von dem Kinde vor ſich hin, bis ich ihm endlich eine Flaſche Bor⸗ deauxwein zuſchob. Er füllte ſich ein großes Glas, deſſen Inhalt er mehr in ſich hineinſchüttete als austrank, und ſeine Lippen waren, wie ich bei dieſer Gelegenheit be⸗ merkte, ſo trocken, daß kleine Tropfen von dem Weine darauf ſtehen blieben, wie auf Wachstuch. Dann hob er folgendermaßen an:

Ich hatte vor ungefähr ſiebenunddreißig Jahren das Unglück geboren zu werden. Ich war der Spröß⸗ ling eines doppelten Unglücks, denn meine Mutter war ſeit Kurzem verwitwet, als ſie mir das Leben gab, und meine Geburt warf ſie ſelbſt in's Grab. Wie ich hieß, bevor ich den Betrug verübte, der einen Schandfleck auf mein Leben geworfen, kann ich Ihnen nicht ſagen. Nur ſo viel weiß ich, daß ich keinen hochklingenden ari⸗ ſtokratiſchen Namen geführt haben kann, denn mein Vater war ein kleiner Krämer und meine Mutter vor ihrer Verheiratung ein Dienſtmädchen. Zwei Oheime, einer von väterlicher, der andere von mütterlicher Seite, nahmen ſich meiner an. Der Erſtere war ein reicher Schiffsherr, der ſich zur Ruhe geſetzt hatte, und un⸗ verheiratet, der Letztere ein Specereihändler, der ſein Geſchäft noch betrieb. Er war Witwer, hatte eine Tochter und befand ſich nicht eben in glänzenden Um⸗ ſtänden. Beide haßten einander mit dem kalten, unver⸗ ſöhnlichen und mißtrauiſchen Grolle, den etwa eine

wilde Katze gegen einen Hund empfinden mag, welcher zu groß iſt, als daß ſie es verſuchen könnte, ihn zu zer⸗ reißen.

Bis zu meinem vierzehnten Jahre war ich der unglückliche Spielball dieſer beiden Oheime. Ich wurde alle Augenblicke von einem zum andern geworfen und von Beiden im gleichen Grade gemißhandelt. Bald war es Onkel Collerer, welcher entdeckte, daß Onkel Morbus mich hungern ließ, und mich deßhalb unter ſeine ſchützenden Fittige nahm; bald fand Onkel Mor⸗ bus mit tiefer Entrüſtung, daß Onkel Collerer mich ſchlug, und beſtand darauf, daß ich unter ſein Dach zurückkehren ſolle. Das Wahre an der Sache war, daß ich bei dem Einen viel Schläge und wenig zu eſſen, bei dem Andern wenig zu eſſen und viel Schläge bekam. Ich bemühte mich mit jener Liſt und Schlauheit, welche durch eine ſchlechte Behandlung auch in dem dümmſten Kinde entwickelt werden, den Mantel nach dem Winde zu hängen, um beiden Oheimen zu gefallen, und dies gelang mir nur dadurch, daß ich ihren gegenſeitigen Haß nährte. Onkel Collerer konnte ich nur für mich gewinnen, indem ich Onkel Morbus ſchmähte, und der einzige Weg zu Onkel Morbus vorübergehender Gunſt war, daß ich Onkel Collerer verleumdete. Ich glaube indeſſen nicht, einem von Beiden damit großes Unrecht gethan zu haben, denn ſie waren wirklich ein Paar alte Schurken; vielmehr bin ich der Meinung, daß Einer wie der Andere mich am liebſten in einem finſteren Loche hätte verhungern laſſen; aber ſie glaub⸗ ten einander dadurch, daß ſie mich in Schutz nahmen, ihren Haß an den Tag zu legen.

Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, ſollte ich ein für allemal zwiſchen meinen Oheimen wählen, widrigenfalls ich von beiden verſtoßen werden würde. Es iſt wohl nicht zu verwundern, daß ich mich für Collerer, den reichen ehemaligen Schiffsherrn ent⸗ ſchied, und obwohl ich feſt überzeugt bin, daß er den Beweggrund meiner Wahl ſein Geld vollkommen errieth, ſo ſchien ihn doch meine Geringſchätzung gegen den Onkel Morbus, die ich durch dieſen Schritt be⸗ kundete, herzlich zu freuen. Drei volle Jahre lang kam ich nicht mehr über des Letzteren Schwelle, und begeg⸗ nete er mir auf der Straße, ſo wich ich ihm aus und that als bemerkte ich es nicht, wenn er mir mit der Fauſt drohte und mich einenundankbaren Hund nannte. Obgleich Onkel Collerer ſich vom Rhederei⸗ geſchäft zurückgezogen, ſo hatte er deßhalb doch nicht aufgehört, in anderer Weiſe Geld zu verdienen. Er ver⸗ lieh ſeine Kapitalien gegen wucheriſche Zinſen auf Unterpfand und machte eine Menge anderer unſauberer Operationen. Ich wurde bald ſeine rechte Hand und unterſtützte ihn im Ausziehen der Bedrängten, im Uebervortheilen armer Kaufleute und im Anſchnallen der Verſchwenderſporen, wenn es galt, einen Andern auszuſtechen, welcher Wettkampf gewöhnlich für unſern Nebenbuhler mit dem Schuldthurme endigte. Mein Oheim war zufrieden mit mir, und trotz ſeines Geizes im Hausweſen wie auch mir gegenüber, lebte ich doch ſo ziemlich guter Hoffnung in den Tag hinein, wenn auch