Jahrgang 
1864
Seite
90
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90 Feuilleton.

Und der Herr verbringt die Nächte im Kaſino, wo er die Mitgift ſeiner Frau verſpielt.

Das iſt die gute Kammerfrau, welche ſagt:

Der gnädige Herr hat ſehr Unrecht, die Madame ſo im Verdacht zu haben; die Madame iſt ſo gut, und ſie liebt den gnädigen Herrn ſo ſehr!

Unterdeß geht ein Schanſpieler die Bedienten⸗Treppe hinunter.

Ein Schauſpieler, oder ein Modewaaren⸗Kommis, oder ein Anderer.

Die Muſter⸗Kammerfrau macht Erſparungen im Haus⸗ weſen aus Privat⸗Autorität. Sie läßt den Bedienten fortjagen, welcher den Wein des Herrn trinkt.

Durch ſie wird die Köchin entlaſſen, welche beſagten Wein zu trinken gibt.

Madame ſagt eines Tages:

Dieſes Mädchen, das iſt eine Perle!

Von dieſem Tage angefangen iſt das Haus verloren.

Wenn Fanny eine Perle geworden iſt, ſo dutzt ſie eure Kinder.

Ein Tag wird kommen, wo ſie euch tadeln wird, weil ihr euren Sohn gegen ihren Wunſch verheiratet.

Es iſt die Perle, welche das Diner kommandirt und die Ueberbleibſel zu verſchiedenen Neben⸗Gerichten zube⸗ reiten läßt, um ſie euch dann zum Dejeuner vorzuſetzen.

Später werdet ihr eure Tochter verheiraten, dazu muß es doch einmal kommen; die Perle weint.

Eure Tochter bekommt einen Buben, die Perle weint.

Man tauft den Kleinen, die Perle weint.

Der Junge fängt an zu ſprechen und nennt ſie Nini, die Perle weint.

Er geht zu ſeiner erſten Kommunion, die Perle weint.

Er ſchafft ſich eine Geliebte an, die Perle lacht.

Wenn die Perle mit ihrer Herrſchaft gelacht hat, ſo iſt ſie nicht mehr ein dienſtbarer Geiſt, im Gegen⸗ theil, es iſt eine Freundin; jetzt iſt an ihr die Reihe, bedient zu werden, und nie gab es eine zänkiſchere und anſpruchsvollere Herrin.

Die Herrſchaft merkt ihre tauſend Fehler die Binde fällt ihnen von den Angen; was iſt aber zu thun?

Die Perle ſah die Tochter des Hauſes auf die Welt kommen. Sie hat den Enkel des Hauſes erzogen, ſie iſt eher eine Freundin als ein Dienſtbote.

Dreißig Jahre vergehen.

Die Großmutter ſtirbt. Die Tochter wird für die Perle duldſamer.

Sie ſagt zu ihrer Schwiegermutter, welche findet, daß ſich die Perle zu viel herausnimmt:

Ja, was wollen Sie thun? Sie hat an dem Sterbe⸗ bette meiner armen Mutter gewacht. Sie hatte ſie ſo gern! Sie iſt nun ſeit dreißig Jahren im Hauſe; ſie pflegt meinen Vater mit einer Anhänglichkeit ohne Gleichen.

Es geſchieht natürlich, daß der Vater, von der Perle gepflegt, düſter und unruhig wird. ſe Die alten Männer finden nie, daß man ſie genug iebe.

Der Vater ſagt mit Bitterkeit zu der Perle:

Sprich mir nicht von meiner Tochter, ſie hat ihren Mann lieber als mich... Sie hat nur Augen für ihre Kinder

Eines ſchönen Morgens trennt ſich der erzürnte Greis von ſeinen Kindern und geht auf's Land leben.

Die Perle folgt ihm. Sie will den Mann ihrer armen Herrin nicht verlaſſen.

Das ganze Haus dankt ihr ſehr und ſagt zu ihr:

Dieſe arme Perle opfert ſich auf.

Die Perle opfert ſich nicht auf, ſie ſequeſtrirt ihren Herrn. Drei oder vier Jahre nachher, gelegentlich des Neujahrstages, bereitet ſie zwiſchen dem Greiſe und ſeiner Familie eine Zuſammenkunft vor.

Wir ſind mit unſerem Vater ausgeſöhnt, ſagen die Kinder;wir verdanken dieſes Glück unſerer guten Perle.

Der Enkel macht ſein Doktorat der Rechte, die Perle gibt ihm heimlich drei hundert Franken.

Nini, ſagt der Student,Du ſollteſt den Montyon'. ſchen Tugendpreis bekommen.

Endlich ſtirbt der Alte.

Ehe ſeine Erben benachrichtigt ſind, nimmt die Perle Schmuckſachen, Silberzeug, Aktien in Beſchlag.

Sie nennt dasAngedenken an den Herrn.

Man öffnet das Teſtament: die Perle iſt darin mit ſechzig tauend Franken bedacht.

Die Familie findet, daß dies ein wenig viel iſt; ſie wird kalt.

Die Perle ſchreit weinend:

Armer Herr! er war zu gut ja, er war es zu ſehr. Ah! ah! ah! armer lieber Mann! Ah! ah! ah! meine theuern Kinder, das Geld gehört nicht mir. Ich werde es nicht in die Erde mitnehmen, es gehört euch; nach meinem Tode wird es ſich ja wiederfinden.

Die Familie kommt zu beſſern Geſinnungen zurück; ſie küßt wieder die Perle, die nun gehätſchelt wird; es iſt dies von nun an eine Hoffnung in die Zukunft.

Die Stunde hat geſchlagen: auch die Perle ſtirbt.

Wie ſie es vorausgeſagt hat, nimmt ſie ihr Geld nicht mit in die Erde, ſie hinterläßt es einem Wein⸗ ſchenker in der Grammont⸗Gaſſe, den ſie ſich mit Hilfe eines Feuerlöſchmannes vor dreißig Jahren verſchafft hatte; das erklärt euch auch, warum ſie in jener Zeit drei Monate in ihrer Heimat zugebracht hat.

Auf wen kann man denn alſo zählen? fragt die Familie.

Ich weiß es nicht, aber ſicherlich iſt es: nicht auf die guten Dienſtboten.

Deßwegen ziehe ich auch die ſchlechten vor.

Ein Tag aus dem Leben eines Theateragenten.

Nachdem das Proletariat der Kunſt gegangen, er⸗ ſcheint die Ariſtokratie der fremden und heimiſchen Schau⸗ ſpieler, Sänger und Tänzer; und mit gewaltigem Schritt tritt der Buͤhnenlöwe herein. Ein maleriſch geſchlungener Mantel bedeckt ſeine breiten Schultern und wie Mähnen flattern ſeine langen Locken um den ſtarken Nacken. Auch im gewöhnlichen Leben behauptet er ſeine tragiſche Würde und die alltäglichſten Redensarten ſpricht er mit erſchüt⸗ terndem Pathos. Mit dem König der Thiere hat er die Furcht vor den kleinen Mäuſen der Kritik gemein. Er iſt eben von einem glänzenden Gaſtſpiel der Provinz zu⸗ rückgekehrt. Er hat Poſen entzückt und die Bromberger elektriſirt. Seine Beſcheidenheit verbietet ihm indeß, von ſeinen Verdienſten zu ſprechen, deshalb hat er gleich eine ſchriftliche Reklame mitgebracht, die der Redakteur des Theaterteufels in ſeiner nächſten Nummer abdrucken ſoll.

Ich erneuere auch mein Abonnement auf das nächſte Jahr, ſagt der Künſtler, indem er den Betrag gleich baar niederlegt.

Und ich werde den Aufſatz ſofort aufnehmen, erwiedert der Agent mit freundlicher Miene.

Sie können vielleicht noch einige Worte von Ihrer eigenen Erfindung hinzufügen. Ich habe nur eine Skizze gegeben, die Sie nach Ihrem Gutdünken ausfüllen ſollen. Wo berühmt ſteht, können Siegroß ſagen. Statt rauſchenden Beifall würde mirraſender Applaus lieber ſein.

Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich.

Nebenbei müſſen Sie auch einen Seitenhieb dem Burſchen geben, der in meiner Abweſenheit ſich unter⸗ ſtanden hat, den Egmont zu ſpielen. Es ſoll ein Skandal geweſen ſein. Ich kann es mir denken. Der Knirps hat ja keine Figur, kein Organ, keine Idee.

Dabei ſah der Künſtler wohlgefällig auf ſeine ſtatt.

lichen Beine und erhob ſeine Stimme zu einem wahren Donnerton.