Jahrgang 
1864
Seite
88
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88 Literatur und Kunſt.

kums erworben hat und feſthält? Kein anderes iſt es, als das ewig wirkſame, zu allen Zeiten, bei allen Völ⸗ kern geliebteſte und wirkſamſte muſikaliſche Weſen die Melodie. Dieſes wahrhafte Göttergeſchenk iſt Offen⸗ bach zu Theil geworden, und in einer ſolchen Fülle, daß er es niemals erſchöpfen zu können ſcheint, da man we⸗ nigſtens bis jetzt noch nicht den geringſten Abgang davon bemerken kann. Aus allen ſeinen Partituren ſtrömen die reizendſten, ſangbarſten, ſchmeichelndſten Melodien in ungeſtörter und ununterbrochener Fülle auf die Zuhörer ein, und wenn ſie die Hörer derſelben auch nicht in tiefe leiden⸗ ſchaftliche Aufregungen verſetzen, ſo ſingen ſie ihnen doch ſtets die heiterſten Stimmungen und Freudenmomente in die Seele. Dieſe Melodien ſehen ſo einfach, ſo leicht, ſo natürlich, ja in ihrer äußeren Konſtrukton ſo gewöhn⸗ lich aus da denkt wohl mancher, der ſich ein viel höheres Talent einbildet, vielleicht auch techniſch viel ge⸗ lehrter durchgebildet iſt:das wäre für mich eine Klei⸗ nigkeit, wenn ich es nur der Mühe werth hielte und wollte! Aber verſucht es nur! Es ſteckt hinter Of⸗ fenbachs Melodien Etwas, das weder mit dem Verſtande erklärt, noch mit dem Willen allein hervorgezwungen werden kann, und das in ſeinem Grundweſen nur allein dem Genie verliehen iſt. Ja, dem Genie; ſo ſagen wir, auf die Gefahr hin, von den äſthetiſchen Tiefblickern als ein Oberflächler belächelt zu werden. In allen anderen muſikaliſchen Beziehungen, in der Harmonie und Modu⸗ lation, in der Inſtrumentation, in dem Accompagnement, in der Stimmführung, der Kunſt des ſogenannten reinen Satzes ſogar, erhebt ſich Offenbach nicht über die Fähig⸗ keiten des gewöhnlichen Talents; in der Melodie iſt er ein Genie. Wir habendie Verlobung bei der Laterne gehört, und die Partitur dieſer kleinen Operette liegt uns vor Augen. Wie viel Trinklieder mögen wohl bereits für die Oper, für Männerchor u. ſ. w. komponirt ſein, darunter ſo viel prächtig gelungene. Man ſollte glauben, ein neues, eigenthümliches ſei zu erſinnen nicht mehr möglich. In derVerlobung findet ſich ein ſolches. Seit Aubers mit Recht ſo berühmtem komiſchenZank⸗ duett hätte man ein gleiches zu ſchaffen nicht mehr für möglich gehalten. Offenbach hat zu der genannten Ope⸗ rette ein Zankduett geſchrieben, das dem Auberſchen ganz ebenbürtig und ſo eigenthümlich iſt, daß auch der erpichteſte Reminiscenzenjäger keinen Hauch von Aehn⸗ lichkeit mit jenem aufſtöbern wird. An dieſem Duett läßt ſich am einleuchtendſten jene Fähigkeit des Kompo⸗ niſten erkennen, wenn auch nicht erklären, die Fähigkeit nämlich, auch in der Wirklichkeit häßliche Leidenſchaften durch die muſikaliſche Kunſtnachahmung melodiſch an⸗ muthig zu verklären. Zwei in Eiferſucht um einen Mann gerathene Weiber, die ſich auf die gemeinſte, boshafteſte Weiſe gegenſeitig herunterreißen, bieten im wirklichen Leben gewiß kein anmuthiges Bild, und mancher na⸗ mentlich urdeutſche Komponiſt würde, wenn er auch könnte, es nicht wagen, in ſeine muſikaliſche Schilderung einer ſolchen Situation nur eine einzige wirklich melo⸗ diſche Phraſe zu bringen, aus Furcht, wo nicht die ge⸗

Offenbachs Zankduett iſt Alles anmuthige Melodie, von der erſten bis zur letzten Note, und dennoch hören wir die boshaft ſich zankenden Weiber. Ein Komponiſt, der das in ſeinem Genre zu leiſten vermag, iſt, mag dieſes Genre relativ ein kleines ſein, unzweifelhaft ein bedeu⸗ tender Künſtler.

Literatur und Kunſt.

Aus Bonn wird mitgetheilt, daß die kaiſerliche Akademie der Wiſſenſchaften in Wien mit einer Hochher⸗ zigkeit und Liberalität, die ſo manche andere dieſer ge⸗ lehrten Körperſchaften ſich zum Muſter nehmen ſollte, den großartigen Plan gefaßt hat, ein neues vollſtändiges Korpus der lateiniſchen Kirchenſchriftſteller herauszugeben und dazu ſehr bedeutende Geldmittel zur Verfügung ge⸗ ſtellt. Die erſten Schritte zur Ausführung ſind bereits gethan, und mit einer vorläufigen Sichtung des zu Grunde zu legenden handſchriftlichen Materials in den italieni⸗ ſchen und anderen Bibliotheken iſt ein dazu beſonders befugter Gelehrter, Dr. Reifferſcheid in Bonn, betraut worden.

Nach dem preußiſchen Preßgeſetze von 1851 iſt der Verleger einer Zeitung verpflichtet, den Verfaſſer eines ſtrafbaren Artikels gleich bei ſeiner erſten gerichtli⸗ chen Vernehmung anzugeben und nachzuweiſen, widrigen⸗ falls er eine Geldbuße bis zu 500 Thlrn. und im Wie⸗ derholungsfalle den Verluſt des Rechts zum Gewerbebe⸗ triebe zu erwarten hat. Das königliche Obertribunal in Berlin hat aber kürzlich durch Entſcheidung in einem Preßproceſſe noch überdies feſtgeſtellt: daß der Verleger bei ſeiner erſten gerichtlichen Vernehmung den Verfaſſer des ſtrafbaren Artikels auch dann namhaft machen muß, wenn ihm bei ſeiner Vorladung der Zweck der beabſich⸗ tigten Vernehmung nicht bekannt geworden iſt; ferner, daß die Strafe des Rückfalls den Verleger auch dann trifft, wenn er in dem erſten Falle nicht als Verleger oder Buchhändler, ſondern als Redakteur beſtraft wor⸗ den iſt.

Zur Bequemlichkeit für Schriftſteller und Verle⸗ ger hat Dr. Ad. Görling in Leipzig einDeutſches Li⸗ teratur⸗Bureau errichtet, deſſen Aufgabe ſein ſoll, für die Schriftſteller denſchnellen und guten Verkauf, für denſtrebſamen Verleger und Redakteur aber die Her⸗ beiſchaffung von guten, für ſeine ſpeciellen Geſchäfts⸗ branchen und Bedürfniſſe paſſenden, Manuſkripten zu vermitteln.

Nach einem authentiſchen Verzeichniß befinden ſich folgende Werke inMeyerbeers muſikaliſchem Nach⸗ laß. Drei Opern:Die Afrikanerin,Almanſor und Das Brandenburger Thor; ferner Chöre und Zwi⸗ ſchenſpiele zu denEumeniden von Aeſchylus, Zwiſchen⸗ akt in C-dur für mehrere Orcheſterinſtrumente, 20 Lieder aus Auerbach'sSchwarzwälder Dorfgeſchichten, 18 Can⸗ zonetti von Metaſtaſio, verſchiedene Lieder zu einem Schau⸗ ſpiel der Frau Birch⸗Pfeiffer, 12 Pſalmen, Stabat mater, Tedeum, Miſerere, Variationen für das Piano nach einem früher von ihm komponirten Marſch, ſowie endlich eine Symphonie für Piano und Violine mit Orcheſterbeglei⸗ tung. Von einer OperJudith und der Muſik zu Blace de Bury's DramaLa jeunesse de Geothe iſt nicht darin die Rede.

Eine fünfaktige Tragödie:Catilina, von Her⸗ mann Lingg in München iſt kürzlich veröffentlicht wor⸗ den. Derſelbe Gegenſtand wurde vor einem Decennium von Ferdinand Kürnberger dramatiſch behandelt.

OGC

meine, doch die äſthetiſche Wahrheit zu verletzen. In,