Jahrgang 
1864
Seite
87
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Jacques Offenbach. 87

nenten gegen die Aufführungen ſolcher Erzeugniſſe die Sänger ſelbſt auftreten. Gelingt es alſo auch ausnahms⸗ weiſe einmal einem Anfänger, ſeinem großen Opus von der Bühne herab Gehör zu verſchaffen, ſo geht es ge⸗ wöhnlich an der noch ſchwachen Kraft, dem überideali⸗ ſchen Bemühen und der theatraliſchen Erfahrungsloſig⸗ keit ſeines Schöpfers zu Grunde. Wird doch von der deutſchen Kritik die erſte Bedingung zur Lebensfähigkeit dramatiſcher Werke überhaupt:Bühnengerecht als eine ſehr nebenſächliche, unweſentliche behandelt!

Es war für die Art von Talent, welches in Offen⸗ bach ſchlummerte, der günſtigſte Umſtand, daß er aus dem ſchwerblütig muſikaliſchen Deutſchland in ſeiner früheſten Jugend ſchon nach Paris geführt wurde. Die Franzoſen haben kein Kunſtideal im ſtrengen deutſchen Sinne, am wenigſten nur eines, das als alleiniges Heil proklamirt wird, und jetzt auf allen muſikaliſch⸗drama⸗ tiſchen Talenten leichterer Natur ſchwer und niederdrük⸗ kend laſtet. Vor den franzöſiſchen Komponiſten ſteht unverrückt und unerſchütterlich als unbedingt erſtes und Hauptziel der günſtige Erfolg bei ihrem Publikum, und mit dem Publikum und in ſeinem Intereſſe geht und ſpricht die Kritik. Dieſes Princip herrſcht überall in Frankreich, auch in den anderen Künſten, auch in der Literatur. Schon Boileau ſagt in der Vorrede zu ſeinen geſammelten Werken in Bezug auf die günſtige Aufnahme ſeiner Werke beim Publikum:Je ne saurois attribuer un si heureux succès qu'au soin que j'ai pris de me conformer toujours à ses sentiments, et d'attraper, autant qu'il m'a été possible, son goüt en toutes choses. Un ouvrage a beau étre approuvé d'un petit nombre de connoisseurs, s'il n'est plein d'un certain agrément et d'un certain sel propre à piquer le goüt général des hommes, il ne passera jamais pour un bon ouvrage. Nichts liegt den Fran⸗ zoſen ferner als die Sucht nach dem Märtyrerthum in der Kunſt. Bei Lebzeiten ignorirt, oder gar verlacht zu werden und zu hungern, um nach dem Tode vielleicht ein Denkmal zu erhalten, dieſe ſchwärmeriſchen Träume dunſten nicht aus dem leichten Blute der Franzoſen aus und umnebeln nicht ihr Gehirn. In Paris gibt es für jede Gattung von Drama und dramatiſcher Muſik eine eigene Bühne und ein eigenes Publikum. Das Talent iſt daher dort nicht gezwungen, einem von der philoſo⸗ phiſch⸗äſthetiſchen Spekulation ausgeheckten und auf den Thron erhobenen Syſteme ſich ſklaviſch zu beugen, es kann ſich den Schauplatz ſeiner Thaten nach ſeiner Nei⸗ gung und ſeinen angeborenen Anlagen wählen mit der aufmunternden Ueberzeugung, daß jedes Genre dort ſeine Anerkennung findet, außer das langweilige. Iſt ein Talent ſich ſelbſt nicht klar, und macht es in Folge davon einen faux pas, ſo kann es nicht hartnäckig bei der ergriffenen Art bleiben, ſondern muß, wenn es das Emporkommen nicht aufgeben will, ſich beſinnen, ſeine geiſtigen Mittel genauer zu erkennen trachten und der gewonnenen Einſicht Rechnung tragen, die Sache anders und anderswo angreifen.

Eine derartige Erfahrung mag wohl auch Offen⸗ bach mit ſeiner erſten größeren Oper gemacht haben,

die kühl aufgenommen wurde. Wie er zur Erkenntniß des Genres gekommen, in welchem er excelliren ſollte, wäre intereſſant und für Manche lehrreich zu wiſſen; das ganze Schickſal eines Künſtlers hängt ja oft von einem glücklichen Augenblick ab, der ihn erleuchtet und den Pfad zeigt, auf dem er ſein ihm beſtimmtes Ziel erreichen kann. Wir wiſſen nur, daß Offenbach die Operette als ſein Feld erkannte, und es nun raſch und mit dem glück⸗ lichſten Erfolge unausgeſetzt bearbeitete. Und daß man dieſes Genre und die darin erworbene Reputation nur nicht für eine geringe und leichte Aufgabe halte. Um das nach Gebühr zu würdigen, muß man die Epoche kennen, in welche Offenbach eintrat, ſowie die äußeren und inneren Mittel, welche ihm zu Gebote ſtanden, vor Allem aber die, welche ihm fehlten. In der großen Pa⸗ riſer Oper war alles zuſammengehäuft, was die Sinne in die äußerſten Aufregungen zu verſetzen vermochte, Handlungen aus den fürchterlichſten und höchſten tragi⸗ ſchen Konflikten zuſammengefabelt, Situationen in den grellſten Kontraſten nebeneinandergeſtellt, mit den ſinn⸗ lich lüſternſten Balletſcenen durchwebt, mit allen Wun⸗ dern der Theatermalerei, Maſchinerie, Koſtüm⸗ und Kom⸗ parſeriepracht ausgeſtattet; ein Orcheſter, das, losgelaſſen, die Mauern von Jericho zuſammenzuſchmettern vermochte; Sänger und Sängerinnen mit Stimmen, die ſiegreich ſelbſt die wüthendſten Klangſtürme dieſes Rieſenorcheſters wenn nicht überſangen doch überſchrien ꝛc. An dieſes Publikum, deſſen Appetit nur noch durch die allerſtärk⸗ ſten raffinirteſten Reize zu befriedigen iſt, durfte ein Of⸗ fenbach nicht denken. Auch für die feinere komiſche Spiel⸗ oper fehlte ihm wohl die gründlichere techniſche Durch⸗ bildung, welche erfordert wird, um größere muſikaliſche Formen mit ihren künſtlicheren Kombinationen, Stim⸗ menverſchlingungen konſtruiren und mit den feinen geiſt⸗ reichen Details eines Boieldieu z. B. ausſchmücken zu können. Auf gute, erfahrene Librettodichter durfte er auch nicht hoffen, denn er hatte ihnen weder pekuniäre Mittel noch einen als Theaterkomponiſt klangvollen Namen dafür zu bieten. Und ſo mußte er ſich nicht nur ein verhältnißmäßig geringes, aber ſeinem Talent ent⸗ ſprechendes Genre bilden, ſondern auch eine eigene Bühne, eine eigene Truppe und ein eigenes Orcheſter dazu ſchaffen. Und alle dieſe Mittel waren geringerer Art, als ſie ſelbſt kleinere bereits vorhandene Pariſer Bühnen beſaßen. Anſtatt alſo, wie Meyerbeer, und alle anderen franzöſiſchen, deutſchen und italieniſchen Kom⸗ poniſten neuerer Zeit, das Heil in der Anhäufung und Vermehrung aller gangbaren, ja Herbeiziehung außer Gebrauch gekommener Inſtrumente zu ſuchen, mußte Offenbach ſein Orcheſter der Art verringern, daß es einem vor hundert Jahren etwa gebräuchlichen ähnlich ſieht. Dazu iſt Offenbach kein großer Harmoniker und kein Inſtrumentalkünſtler im heutigen Sinne. Schließlich ſind auch ſeine Texte oft erbärmlich. Und trotz dieſer ihm theils gänzlich mangelnden, theils nur in geringer Potenz zur Verfügung ſtehenden Mittel dieſe allgemeine Anziehungskraft ſeiner allermeiſten Produktionen! Wier heißt denn das Mittel, das alle anderen fehlenden erſetzt, wodurch er ſich die Theilnahme eines ſo großen Publi⸗