86 Jacques Offenbach.
auf eine Pariſer Bühne zu bringen vermocht hat. Be⸗ kanntlich gehört Beides in der franzöſiſchen Kapitale zu den ſchwierigſten Unternehmungen, die gewöhnlich erſt nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen ſelbſt ſchon in andern Fächern ſehr renommirten Komponiſten gelingen. Es muß daraus geſchloſſen werden, daß Offenbach bald viel Vertrauen in ſein Kompoſitions⸗ talent zu erwerben, oder die Kunſt verſtanden habe, ſich einflußreiche Freunde und Gönner zu gewinnen, wahrſcheinlich beides zugleich. Wie dem auch ſei, das eigene Vertrauen auf ſein Talent in dieſem Fach ſcheint nicht ſtark geweſen zu ſein, da ihm der erſte Unfall auf längere Zeit den Muth zu erneuten Beſtrebungen der Art benahm, und er mehrere Jahre nur als Virtuos in den Pariſer Koncerten wirkte. Daß er danach plötz⸗ lich Kapellmeiſter am Théatre français geworden, ſpäter eine eigene Bühne für die„Bouffes parisiennes“ gegründet, berichten die biographiſchen Notizen über ihn trocken hin, leider ohne die geringſten weiteren An⸗ deutungen, wie er auf dieſen Gedanken gerathen, und welche ſehr geſchickte diplomatiſche Wege er aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach eingeſchlagen hat, um ſeine Abſicht zu erreichen. Genug, mit dem erſten Abende der Er⸗ öffnung ſeines kleinen Theaters in der Paſſage Choiſeul, wo er ſeine erſte Operette„Les deux aveugles“ aufführte, war ſeine fernere Laufbahn entſchieden. Das Erſtlingswerk gefiel außerordentlich; allabendlich ſtrömte das Publikum herbei, er hatte die rechte Sphäre für die Art ſeines Talentes gefunden, und er wußte es aus⸗ zubeuten. Singſpiel auf Singſpiel floß nun aus der Feder dieſes ungemein ſchnell ſchaffenden Geiſtes. So lange die ihm ertheilte Konceſſion mehraktige Stücke verbot, beſtanden ſeine allermeiſten Werke nur aus einem Akte; ſpäter wurde ihm die Erlaubniß zu größeren Stücken ertheilt, und nun erſchienen auch welche, die den Abend ausfüllten, wie die Parodie„Orphée aux enferns'“ und„Geneviève de Brabant“. Das voll⸗ ſtändige Verzeichniß aller ſeiner bis jetzt erſchienenen Stücke haben wir nicht zuſammenbringen können, doch mögen ſie wohl ſchon zu einigen dreißig angewachſen ſein. Im Sommer pflegte Offenbach mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft ein Sommertheater in den Elyſäiſchen Feldern zu beziehen, oder auf Reiſen nach der Provinz und in’s Ausland zu gehen, wie er denn mit Gaſtſpielen ſeiner Truppe in Berlin und Wien großen Beifall fand. Mehrere ſeiner Stücke wurden in's Deutſche überſetzt, als z. B.„Le mariage à la laterne“(Die Verlo⸗ bung bei der Laterne“)—„Martin der Geiger“— „das Mädchen von Eliſonze“—„Orpheus in der Unterwelt“. In Wien hat eine förmliche Kommandite der„Bouffes parisiennes“, ein kleines elegantes Sa⸗ lontheater, errichtet werden ſollen, welches die im Offen⸗ bach'ſchen Theater zu Paris zu gebenden Operetten allemal gleichzeitig in franzöſiſcher Sprache und mit Hilfe in Paris geſchulter Sänger auf's Repertoire brin⸗ gen wird. Die neueſten Werke von Offenbach ſind die einaktige Operette: Le chanson de Fortunio, ſowie die mehraktigen Opern: Roi Barkouf, Le pont des sou- pirs, Le roman comique, Monsieur et Madame
Denis, Le voyage de Mr. Dunanan et flls ete Die Direktion der Bouffes hat Offenbach niedergelegt. Im Laufe dieſes Sommers folgende Opern zu liefern, verpflichtete ſich Offenbach kontraktlich: Les Fées du Rhin(für das Kärthnerthortheater), La belle Aurore (für das Berliner Viktoriatheater), Il signor Fagotto (für das Theater in Ems), Les Géorgiennes(für die Bouffes parisiennes).
Wenn wir nach dieſer freilich ſehr lückenhaften Le⸗ bensſkizze Offenbachs bei der Betrachtung ſeiner Werke und Kompoſitionsweiſe länger verweilen und uns etwas umfänglicher darüber auslaſſen, als der Gegenſtand nach den Anſichten hoher Aeſthetiker und ſtrenger Muſiker zu verdienen ſcheint, ſo möge uns als Rechtfertigung anzu⸗ führen erlaubt ſein, daß wir auf ſo hohem Pferde nicht zu reiten lieben, daß wir den realen, praktiſchen Le⸗ bens⸗ und Kunſtintereſſen immer gebührende Rechnung zu tragen für eine beſondere Pflicht erachtet, und daß ſich, wie ſchon angedeutet, aus dem vorliegenden Falle einige Wahrheiten ableiten laſſen, die für Muſikfreunde nicht ohne Intereſſe und für ausübende Talente nicht ohne heilſamen Einfluß ſein dürften.
Daß die deutſchen Komponiſten trotz ihres entſchie⸗ denen, in mehr als einem Sinne noch immer alle an⸗ dern Nationen überragenden Talentes dennoch ſeit meh⸗ reren Decennien auf dem Gebiete der Oper faſt gar keine nennenswerthen Erfolge mehr errungen haben, davon liegt ein Hauptgrund mit in dem übertriebenen und zugleich viel zu eingeſchränkten Begriff, den ſie ſich mit Hilfe der philoſophiſchen Aeſtthetiker von dem „Ideal“ gebildet. Es hat ſich nämlich der Glaube bei uns verbreitet, daß es nur eine Gattung der Oper gebe, bei welcher eigentlich von einem wirklichen Kunſtideale die Rede ſein könne, die große ernſte Oper. Alle anderen Gattungen, die komiſche Oper, die Operette, das Lieder⸗ ſpiel betrachtet man als Ueberbleibſel einer noch zu kind⸗ lichen um nicht zu ſagen kindiſchen Geſchmacksbildung und ſchwachen äſtthetiſchen Einſicht, die unſeren höher geſtiegenen erhabenen Begriffen von der Würde der Kunſt und des Künſtlers nicht mehr entſprechen, und der ſich nur allenfalls noch geringe und gemeine Talente hingeben könnten.
Da der deutſche Komponiſt nun die Macht der deutſchen ariſtokratiſchen Kritik kennt und auf ihre Billi⸗ gung und Gunſt hinzuarbeiten für unerläßlich hält, wenn er zur Geltung und Anerkennung gelangen will, ſo geht natürlich ſein ganzes Streben auf die große Spektakel⸗ oper. Abgeſehen nun aber ſchon von der Schwierigkeit, für eine ſolche einen nur einigermaßen verſtändigen Text zu erhalten, ſo tritt, wäre ihm ſelbſt dieſes ſeltene Glück beſchieden, das in den meiſten Fällen nicht unge⸗ rechtfertigte Bedenken der Direktionen entgegen, die be⸗ deutenden Koſten für eine ſolche Aufführung an einen noch unbekannten Namen und ſein jedenfalls noch pro⸗ blematiſches Werk zu riskiren. Auch den größten Talen⸗ ten geht anfänglich die praktiſche Bühnenkenntniß ab, und von der wahren Geſangskunſt verſtehen ſie in der Regel ſo wenig, oder nehmen doch gar keine Rückſicht darauf, daß es kein Wunder iſt, wenn als erſte Oppo⸗


