Jahrgang 
1864
Seite
85
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Jacques Offenbach. 8⁵

Offenbach an, wo er nach zwei Jahren ſtarb. Die arme Witwe, für welche nach der Wegnahme des linken Rhein⸗ ufers durch die Franzoſen auch die Trier'ſche Penſion wegfiel, ſah ſich bald in einer kümmerlichen Lage und war genöthigt, jetzt nicht mehr aus innerem Schöpfungs⸗ triebe, ſondern um's tägliche Brod zu ſchreiben. In ihrerGrillenhütte in Offenbach, wie ſie ihre länd⸗ liche Wohnung nannte, verbrachte ſie den größten Theil ihrer Stunden am Schreibtiſche. Sie war vor der Zeit gealtert: aus der mit ſchwarzem Flor beſetzten Spitzenhaube drängten ſich bereits ſilbergraue Löckchen hervor. Sie hatte ihre Enkelin Bettina Brentano bei ſich, die hier ihre abenteuerlichen Spaziergänge machte und Haus und Garten der Großmutter gar anmuthig beſchrieben hat. Eine Menge Novellen, Briefe, Reiſe⸗ beſchreibungen, Beiträge für Zeitſchriften, beſonders für Wieland's Merkur, gingen von ihr in die Welt; ihr Werth beſchränkt ſich indeſſen nur darauf, daß ſie jene Zeit wiederſpiegeln. Sie erhielt häufig Beſuche. Goethe und Herder ſprachen wiederholt bei ihr ein, und Rei⸗ ſende machten oft Umwege von einigen Meilen, um diedeutſche Aſpaſia, diedeutſche Leontium zu ſehen. Zuletzt war ſie ein weiblicher Fürſt Pückler Muskau ihrer Zeit; Reiſen und Schreiben drängten ſich und löſten ſich einander ab. Sie hat die Schweiz, Frankreich und England beſucht und Alles ausführlich beſchrieben.

Vor dem Ende ihrer Tage ſollten ſich die beiden Jugendgeliebten, durch innige Sympathie verbunden, aber durch die Welt für immer getrennt, nach einer Trennung von beinahe dreißig Jahren noch einmal wiederſehen. Im Sommer 1799 von Schönebeck kommend, dem Aufenthalte ihres Sohnes, beſuchte die nun neunundſechzigjährige Sophie den Oberondichter in ſeinem Osmannſtedt und verlebte mehrere Tage an dem Muſenhofe zu Weimar. Jetzt konnte freilich auch der größte Dichter nichts mehr in ihren Augen leſen; auch war Wielands Geiſt in andere Bahnen gelenkt und konnte nicht recht mehr in ihren empfindſamen Ton mit einſtimmen. Sie hingegen hatte das Ge⸗ dächtniß der vergangenen Tage treu im Herzen bewahrt, ſie war noch dieſelbe empfindſame Schwärmerin. Sie hatte eine Zeichnung von Warthauſen mitgebracht, ſie mahnte ihren Freund ſtündlich an die ſchönen Zeiten der Jugend, und die Anhänglichkeit an ſeine Jugend⸗ geliebte erwachte am Abend ſeines Lebens noch einmal in voller Kraft und Innigkeit.

Wieland, der 1813 ſtarb und in ſeinem Osman⸗ tium begraben liegt, mußte ſeine geliebte Freundin noch ſechs Jahre vor ſich dahinſcheiden ſehen. Sophie ſtarb 1807 in ihrem 76. Jahre in Offenbach. Ihrem Wunſche gemäß ruht ſie auf dem ländlich ſtillen Gottesacker des eine Viertelſtunde von Offenbach entfernten Dörfchens Bürgel, nahe bei der alten Kirchhofsmauer neben ihrem Gemal und einem ihrer Söhne, welche dort als Ange⸗ hörige der katholiſchen Kirche ihre Ruheſtätte fanden.

Jacques Offenbach.

s treten unter den ſchaffenden Tonkünſtlern zu⸗

weilen Individuen hervor, deren Produktionen

die hohe Kritik der deutſchen muſikaliſchen Jour⸗

nale entweder gänzlich ignorirt, oder nur hie

und da einmal mit einem verächtlichen Achſel⸗

zucken abfertigen zu müſſen glaubt, während

manches Werk der Art von dem Publikum gar freund⸗

lich aufgenommen wird, und einfache Referate in nicht⸗

muſikaliſchen Blättern darüber berichten, daß esſehr gefallen habe und immer ein volles Haus mache.

In dieſe Kategorie gehört unter den neueren Bühnenkomponiſten der Schöpfer der Bouffes pari- siennes, Jacques Offenbach. Nicht allein in Paris, nicht allein in Frankreich, auch in Deutſchland hat dieſes Genre eine große Theilnahme gefunden, ein zahl⸗ reiches Publikum ſich gewonnen, ohne Hilfe der Clique, Claque und des Trompetengeſchmetters der Kritik. Eine ſolche Anziehungskraft durch ein Genre auszuüben, das in ſeiner Werthſchätzung unter den dramatiſch⸗muſikali⸗ ſchen Gattungen auf ſo niedriger Stufe ſteht, noch dazu in einer Zeit wie die unſrige, die durch Lehre und That nach immer erhabeneren vergeiſtigteren Idealen ſtrebt muß ſeine Urſachen haben, die, wenn man ſie ohne gefärbte Brille des Vorurtheils aufſucht, und frei und unbefangen ausſpricht, möglicherweiſe nicht ohne Nutzen für die muſtkaliſch⸗theatraliſche Kunſt ſein dürfte, be⸗ ſtünde er zunächſt auch nur darin, eine freiere, heiterere, tolerantere und praktiſchere Kunſtanſchauung und Kunſt⸗ ausübung wieder zurückzurufen, wie ſie frühere Zeiten zum Vortheil der Genießenden ſowohl als mancher Talente beſaßen. Betrachten wir alſo einmal etwas näher und unbefangener, als es bisher geſchehen, die Erſcheinung von Jacques Offenbach.

Ueber ſeinen Lebens⸗ und Bildungsgang liegen nur noch dürftige Notizen vor. Jacques Offenbach iſt 1821 in Köln am Rhein geboren, wo ſein Vater die Stelle eines Synagogenkantors bekleidete. Sehr früh⸗ zeitig war der Knabe nach Paris gekommen, und ſchon in ſeinem zwölften Jahre erhielt er, über viele Mitbe⸗ werber ſiegend, die Stelle eines Violoncelliſten an der Opéra comique. Er muß demnach ein ausgezeich⸗ netes virtuoſes Talent beſeſſen und eine ungewöhnliche Beharrlichkeit in der Uebung desſelben entwickelt haben, um in ſo jungen Jahren ſchon auf dem ſchwerſten aller Inſtrumente die nöthige Fertigkeit zu einem ſolchen Amte aufweiſen zu können. Bei wem er Unterricht in der Kompoſition empfangen, iſt uns nicht bekannt, wir erfahren nur, daß ſeine erſten Kompoſitionen in einigen Liedern beſtanden, die er für den Komiker Greſſet ge⸗ ſchrieben. Es wird nun berichtet, daß eine größere Oper von ihm durchgefallen ſei. Das letztere wundert uns nicht, denn durch dieſe Schreckenspforte böſer Erfahrun⸗ gen müſſen ja Alle ſchreiten, die in das Reich der dra⸗ matiſchen Kompoſitionen eindringen wollen. Viel mehr wundert uns, daß der junge Muſiker in Paris ſobald ein Libretto gefunden und die Kompoſition desſelben

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