84 Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe.
Freundſchaften knüpften. empfindſamen Kongreſſe gehalten, in denen Sophie als Mittelpunkt ihr ſanftes Scepter führte. In dem Frie⸗ den nach dem ſiebenjährigen Kriege nahm deutſche Kunſt und Viſſenſchaft einen nie geahnten Aufſchwung. Das ſtarre gleißende Rococcoleben, die franzöſirte Scheinbildung begann man abzuſtreifen. Der Sturm und Drang, das Genieweſen, die Empfindſamkeit, die Phyſiognomik, die geheimen Bünde, die Flluminaten, die Geiſterſeherei, der Erziehungseifer, die deutſche Union ſetzte wechſelsweiſe alle Gemüther in Bewegung. Sich nach Mittheilung und Austauſch der noch gährenden Ideen und Empfindungen ſehnend, ſchloſſen ſich die Gleichfühlenden und Gleichdenkenden, gleichviel ob Män⸗ ner oder Frauen, mit Wärme und Innigkeit aneinan⸗ der, ein wahrer Kultus der Freundſchaft entſtand, und Herzen fanden ſich zu Herzen in hingebender Freund⸗ ſchaft und Liebe. Nicht nur die Werke der Poeſie und Philoſophie, ſondern beſonders auch die geſelligen Kreiſe des Lebens athmeten damals eine überſchwängliche Gefühlsſeligkeit. Es war die Zeit der blühendſten Schöngeiſterei.— Uebrigens hatten die Zuſammen⸗ künfte noch ihren beſondern Reiz durch Sophiens beide aufblühende Töchter, von denen die ältere, Maximi⸗ liane, ſpäter an den Kaufmann Brentano in Frankfurt verheiratet, die Mutter des Dichters Clemens Brentano und der Bettina von Arnim ward.
So kamen jetzt zu einem ſolchen Kongreſſe die beiden Brüder Jakobi, der Dichter und der Philoſoph, im Frühling 1771 nach Chrenbreitenſtein, die„gött⸗ liche Sophie“ zu ſehen, und der heſſen⸗darmſtädtiſche Hofrath Leuchſenring, den Goethe im„Pater Brey“ karikirte und der damals einen geheimen Orden der Empfindſamkeit ſtiften wollte, und dieſer Letztere öffnete, da er mit aller Welt durch ſeine beſtändigen Reiſen und Briefſchaften in Verbindung ſtand, ſeine briefgefüllten Schatullen. Auch der dreiundzwanzigjährige Goethe, im Glanze der Jugend und Schönheit, von Wetzlar hergepilgert ſtellte mit ſeinem Freunde Merk ſich ein, und bewunderte Sophiens elegantes Benehmen, das zwiſchen dem einer Edeldame und einer würdigen bür⸗ gerlichen Frau gar anmuthig ſchwebte, ihre ſchlank und zartgebaute elegante Geſtalt, der ein weites Flügel⸗ häubchen auf dem kleinen Kopf und dem feinen Geſicht gar wohl ſtand. Un dieſes Feſt der edelſten Neigung, der Freundſchaft und Verbrüderung zu erhöhen, mußte auch Wieland noch ankommen, und es gab zwiſchen ihm und Sophien eine abermalige rührende Scene des Wiederſehens.
Auch Wielands äußeres Geſchick hatte inzwiſchen eine andere Wendung genommen. Da ſeine Mitbürger in Biberach es nicht länger leiden wollten, daß ihr Vorgeſetzter ohne Frau ſei, ſo hatte er ſich von ſeinen Eltern und guten Freunden bereden laſſen, in der Per⸗ ſon der Dorothea Hildebrandt, einer Augsburger Kauf⸗ mannstochter, ein„Hausweibchen“ zu nehmen. Von einer leidenſchaftlichen Neigung war nicht die Rede; ſie war weder ſchön noch liebenswürdig, aber Wieland war mit ihr zufrieden, da ſie ſo neu, ſo ungekünſtelt,
Hier wurden jene literariſch⸗ ſo unſchuldig wie Geßners Melida ſei, und da ſie mit
den Tugenden einer geſchickten Hausfrau ausgeſtattet war, ſo lebte er glücklich mit ihr. Doch ſtörte dieſe Ehe keineswegs ſein Verhältniß zu Sophien; ſie blieb nach wie vor die Vertraute ſeiner perſönlichen Empfin⸗ dungen, ſeine dichteriſchen Entwürfe:„Agathon“, „Muſarion“,„Idris“ und„Don Silvio“ wurden mit ihr mündlich und ſchriftlich beſprochen. Sophie kam häufig von Warthauſen herüber nach Biberach zum Beſuch, und Wieland las ihr dann etwas von den Dich⸗ tungen vor, mit denen er gerade beſchäftigt war, um ihr Urtheil zu hören.— Im Jahre 1769 folgte Wie⸗ land einem ehrenvollen Rufe als Regierungsrath und Profeſſor der Philoſophie nach Erfurt. Es war eine ſchmerzliche Trennung von der Freundin ſeiner Jugend und ſeines Herzens, in deren Nähe er ſein Leben zu beſchließen gedacht hatte. Er mußte ein lebendiges Andenken von ihr haben, und ſo nahm er ihren Sohn Fritz mit, den er in ſeinem Hauſe erziehen ließ. Um ſo größer war jetzt die Freude des Wiederſehens, als er von Erfurt nach Ehrenbreitenſtein kam.
Nach vierzehntägigem Aufenthalte im Hauſe der Freundin, wo er angenehme Tage verlebt hatte, kehrte Wieland wieder in ſeine Häuslichkeit zurück. Auch hier war nicht lange ſeines Bleibens mehr. Der Ruf als Prinzenerzieher am Weimar'ſchen Hof erlöſte ihn aus der Stadt, die ihm ein freudenleeres Chaos von alten Steinhaufen dünkte, welches die Grazien nie angeblickt. In Weimar, wo er ſein Leben beſchloß, gelangte be⸗ kanntlich ſein Ruhm als Dichter und Schriftſteller zur höchſten Blüthe. Er hat Recht gehabt, wenn er ſich bei ſeiner Verheiratung damit tröſtete, daß, wenn er ſich nur erſt in ſeinem Stande zurecht gefunden, die Mu⸗ ſen nichts dabei verlieren ſollten. Seit dieſer Zeit hat er noch eine Menge Schriften ausgeboren, die ſei⸗ nem Ruhme immer mehr Bahn brachen. Dieſer Schrift⸗ ſtellerfruchtbarkeit hielt eine andere die Wage: ſein Hausweibchen gebar ihm nacheinander vierzehn Kinder.
Nicht ſo lächelte Sophien das Glück auf ihrem ferneren Lebenswege. Im Herbſte 1780 nahm ihr Schickſal eine höchſt unglückliche Wendung. Ihr Gatte war wegen ſeiner Briefe über das Mönchsweſen ge⸗ ſtürzt und in Ungnade ſeines Dienſtes entlaſſen. Doch behielt die Familie noch eine leidliche Exiſtenz. La Ro⸗ che’'s Freund und Geſinnungsgenoſſe, Domherr von Hohenfeld in Speier, entrüſtet über dieſen Vorgang, nahm gleichfalls ſeine Entlaſſung und ſchlug die ihm angebotene Penſion unter der Bedingung aus, daß ſie La Roche gegeben würde; auch bot er ſeinem Freunde in ſeinem Hauſe in Speier eine Wohnung an. Dazu kam noch die Beſoldung einer Zollſchreiberei. Sophie nahm den Winter über ihren Aufenthalt gewöhnlich in Mannheim, damals einem anregenden Vereinigungs⸗ punkt von Künſten, Wiſſenſchaften und Geſellſchaft, und verkehrte hier viel mit literariſchen Größen. Hier ward ſie auch von dem noch jungen Schiller und Karoline von Wolzogen aufgeſucht. Doch immer tiefere Schat⸗ ten fielen auf ihr äußeres Leben. Nach einem fünfjäh⸗ rigen Aufenthalte in Speier ſiedelte ſich La Roche in
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