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Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe. 8³
wandelt mit ihr in ungeſtörtem Geſpräche durch die ſchattigen Gänge des Parkes und plaudert mit ihr von ſeinen Empfindungen in ſeinem affektirt leichten, galant ſcherzenden Tone, durch welchen jedoch das Gefühl der alten Liebesneigung gleich einer verhaltenen Flamme hervorzuckt. Sophie hatte ein inniges Verſtändniß. für Wielands Charakter, ſie wußte ſolche Huldigun⸗ gen zu nehmen; ſie hatte ihm einen unerſchütterlichen liebevollen Antheil bewahrt und konnte ihm alle ſeine Liebſchaften vergeben, die ihr nicht unbekannt geblie⸗ ben. Die erſte ſchöne Zeit von Biberach lebt wieder in ihrer Seele auf, es fällt wie ein Frühlingsſchein auf ihre Tage, wie ein poetiſcher Glanz. Doch nie über⸗ ſchritten ſie die Schranken, die Welt und Sitte gezogen.
Wieland fühlte ſich wohl in der geſchmackvol⸗ len Pracht von Warthauſen mit dem romantiſchen Reiz ſeiner Umgebung, und verglich es mit den bezaubern⸗ den Schlöſſern des Arioſt und Taſſo. Er brachte häufig einige Tage hintereinander hier zu, um dem mit Alten und Protokollen bedeckten Amtstiſche und ſeiner einſa⸗ men Wohnung in Biberach zu entrinnen. Auch der alte Graf empfing ihn ſtets mit gaſtlicher Liebenswür⸗ digkeit, da er durch den geiſtreichen jungen Dichter an⸗ genehm unterhalten wurde, und bald war er ein will⸗ kommenes Mitglied in dem dortigen eleganten Kreiſe, wozu außer Stadion und ſeinem Zögling La Roche noch die Gräfin Schall, des Grafen älteſte Tochter, und ihre jüngſte Schweſter Maximiliane, Stiftsdame in dem nahen Reichsſtift Buchau am Federſee, gehörten; auch ſtellten ſich häufig andere Notabilitäten und Nobleſſen ein. Man pflegte den Tag zwiſchen Lektüre, Geſprä⸗ chen, Spaziergängen und den Freuden der Tafel zu theilen und mit einem Koncert von Jomelli oder Graun⸗ zu beſchließen; muntere Scherze und geflügelte Witze trieben ihr heiteres Spiel. Dieſes fröhliche anregende Leben regte in Wieland von Neuem den Dichter an, wozu auch Sophiens Nähe nicht wenig beitrug, und Warthauſen wurde ſein Parnaß. In den duftigen Gebüſchen des Parkes las er ſeinen Freunden die er⸗ ſten Entwürfe vom„neuen Amadis“ vor, und in einem von maleriſchen Baumgruppen umgebenen Thurme dich⸗ tete er die„Grazien“ und beendete den„Muſarion“. In Warthauſen, wo ihn zuerſt die Welt⸗ und Hofluft an⸗ wehte, wurde aber auch unſerm Wieland der letzte An⸗ ſtoß gegeben zu ſeinem gänzlichen Abfall von der Zü⸗ richer Genoſſenſchaft und den ſeraphiſchen Dichtern. In ſeinen Dichtungen athmet jetzt zwar jener heiter ſcher⸗ zende, mit Arioſt und Bocaccio verwandte Ton, aber auch der franzöſiſche Geiſt der damaligen Nobleſſe mit ſeiner laxen Moral, und ſie zeigen uns den Verfaſſer des„geprüften Abraham“, der„Empfindungen eines Chriſten“ ꝛc. auf weltlich glattem, ſchlüpfrigem Pfade. Welcher Geiſt dieſe Kreiſe beherrſchte, zeigt uns am be⸗ ſten ihr Haupt und Stimmführer, Graf Stadion ſelbſt. Nur ein Zug von ihm möge genügen! Er hatte ſeinen Zögling La Roche unter Anderm ſich auch üben laſſen, Handſchrift und Namenszug ſeines Pflegevaters auf das Genaueſte nachzuahmen, welches Talent der Graf, um ſich der Qual des Selbſtſchreibens zu überheben,
nicht nur in ſeinen Geſchäften, ſondern auch in ſeinen zahlreichen Liebeshändeln verwerthete. Wenn der Graf, der ſeine Frau eine Betſchweſter nannte, mit der er nicht auskommen könne, bis ſpät in die Nacht bei einer hohen geiſtreichen Dame, die er leidenſchaftlich liebte, verweilte, mußte während deſſen der zum Jüngling herangewachſene Knabe zu Hauſe die heißeſten Liebes⸗ briefe im Namen des Grafen ſchmieden, unter denen dieſer dann nach ſeiner Zuhauſekunft die paſſendſten⸗ auswählte und in der Nacht noch der Geliebten zu⸗ ſchickte, um dieſe von dem unverwüſtlichen Feuer ihres leidenſchaftlichen Anbeters zu überzeugen. Welch’ ein Blick in das verrottete Weſen der damaligen Ariſto kratie! Sophie hatte es ihrer tugendhaften. Frauenſeele zu danken, daß ſie in ſolchen Kreiſen, wenn ſie auch Vie⸗ les von der naiven Natürlichkeit ihres Weſens darin einbüßte, ſich wenigſtens ihre gute Sitte bewahrte.
Nachdem ſie acht Jahre in Warthauſen verlebt, änderte ſich mit dem Tode des alten Grafen das Ge⸗ ſchick Sophiens und ſtieg zu einer ungeahnten Höhe. Nachdem ihr Gatte als Amtmann in Bönnigheim noch zwei Jahre die Güter der gräflichen Familie verwaltet hatte, trat er als Geheimrath in die Dienſte des dama⸗ ligen Erzbiſchofs von Trier und ſchlug ſeinen Herd in Chrenbreitenſtein auf. Von hier aus wurde Sophiens Name in alle Welt getragen; denn an der Hand ihres Wieland war ſie nun auch in die literariſche Welt ge⸗ treten durch einen in Bönnigheim begonnenen zwei bändigen Roman in Briefen:„Dier Geſchichte des Fräu⸗ leins von Sternheim.“ Sie hatte die einzelnen Bo⸗ gen, wie ſie entſtanden, an Wieland geſchickt, der ſie fortzufahren ermuthigte und im Jahre 1771 das Werk mit einem Vorwort herausgab.
Die Sternheim, dieſes gefühlvolle Herz,— eine Nachahmung von Richardſon's Clariſſa iſt eine Vor⸗ läuferin des„Werther“ und athmet ganz in der Atmo⸗ ſphäre der Empfindſamkeits⸗Periode. Durch ſie iſt Frau von La Roche die geiſtige Ahnfrau jener blaſſen ſentimentalen Frauengeſchichten und zugleich die erſte Frau Deutſchlands geworden, die einen Roman ſchrieb. Jetzt längſt vergeſſen und beſtäubt unter dem Gerüm pel unſerer Literatur ruhend, auch unſerm heutigen Ge⸗ ſchmacke gänzlich entfremdet, fand das Buch zu ſeiner Zeit den höchſten Anklang und wurde von den damali gen Kunſtrichtern mit faſt überſchwänglichem Lobe er⸗ hoben. Es durfte auf keinem Frauentiſche fehlen, und manches ſchöne Auge hat eine Thräne darauf geweint. Uebrigens gewährt der Roman noch jetzt ein eigenes hiſtoriſches Intereſſe, da Vieles aus Sophiens eigenem Leben, namentlich ihr Verhältniß zu Wieland, Manches aus dem Leben des Grafen Stadion und Schloß Wart⸗ hauſen mit hineinverwebt iſt.
Das wunderſchön am Ende des Ortes, nahe am Ufer des Rheins gelegene La Roche'ſche Haus in Chren⸗ breitenſtein mit der freieſten Ausſicht auf den Strom hinabwärts wurde nun auch durch Sophie ein Sam melplatz und Wallfahrtsort aller ſchönen Geiſter, die damals am Rhein und in Darmſtadt und Frankfurt ihren Aufenthalt genommen hatten, ſich hier fanden und
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