82 Wilhelm Girſchner: Wielande Jugenbliebe.
nach Warthauſen folgen, müſſen wie uns auch nach wophien umſehen
Gle war felne fröhliche, aber eine ergebene Braut geweſen, denn einen Anbern als Wſeland konnte ſie ulcht wieber lieben, Doch außerlich wandte ſich ihr echlekſal glänzenb Rach ſhrer Verheiratung in ihrem 2„9, Jahre zog die Junge Hofräthin mit ihrem Gatten nach Mainz an dem prachtbollen großweltlichen Hof Joſef Gmmeriché, wo ſte mit einer Menge Hochgeſtellter m Abel, in der ſchbnen Kunſt und Wiſſenſchaft, wie mit vem Gpabſutor von Malberg und dem Maler Miſch⸗ heln zuſammentraſ, und, da ſte ſchon in früher Jugend. unter Gelehrten und Hochgeſtellten gelebt, ſich in ſolchen Kreiſen leicht zurechtfand, Ihr Gatte hatte nicht nur die Maluziſchen Kabinetsgeſchäſte, ſondern auch die Ober lettung aller großen Beſthungen des kurmatnziſchen Großhofmelſters Grafen ctablon in Schwahen und mMohmen zu führen, und wohnte mit ſeiner Familte in deſſen Hauſe, Her Graf hatte thn, ber eigentlich Frant Hheß, als fünfſährigen verwalſten Knaben ſeines aufge⸗ wedkten Weſens willen in Grziehung und Pflege ge⸗ nommen, ihn ſelbſt im Franzöſiſchen unterrichtet und chrelben unb Leſen gelehrt, Spater hatte der gräfliche Aogling burch Mermittlung ſelnes Gönners nicht nur ſeinen jehligen Poſten, ſondern auch die Grhehung in den Abelſtanb unter dem Namen Frank von La Roche erhalten, La Roche war ein ſchöner, wohlgebilbeter Maun von miüttlerer Größe, gewandt in Geſchäſten, lebhaft uimn Geſpräch, welches er nach der ſcherzenden, geiſtreichen nterhaltungskunſt der ſeinen ſranzöſiſchen Welt zu führen verſtand,(0 geartet hatte er natürlich lchts von der poetiſchen chwärmeret Wieland’s und der ſauften Gefühlswelſe ſeiner empſinoſanten Gattin, ber die er zuwellen ſpottete und ſchergte, Gr war ein Frelgeiſt entſchtedenſter Art und ſtand mit ſeinen Ge⸗ ſinnungsgenoſſen in Frantreich um engſten Bunde, Ob. wohhl kathollſch, haßte er das katholiſche Weſen aud tlefſter Gecle und war der Werfaſſer der damals anonym erſchlenenen„Mrieſe über das Mönchsweſen“, die viel Auſſehen erregten in denen aber in höchſt platter Weiſer und mit Uebertreibungen aller Art vom gewöhnlichen Rüthlichkeltéprtetp aus dier Wlüthe katholiſchen Lebens bethdchtet wleb, Doch, da ſich Gophie mit weiblicher Dulbung in Alles zu ſchlcken wußte, wurden die Gmpſinbſamfelten und der Moltatrtanfémus gut mit eLnanber fertig, Ueberhaupt wie von dem großweltlt hen gon am Malzer Hofe, ſo ging auch vſeles Ver⸗ Waubte von der Bildung und dem geiſtigen Weſen ves Manues auf Gophlen mit über, Sie ſigurirte detht als eine Fran nach der Welt mit tauſend kleinen Nierrathen, uls efne Srau voll Witz und voll Verſtand. ele erlernte von threm Gatten das Gngliſche, und ſeden Morgen, ehe en In ſein Kabinet ging brachte er he deutſche, engliſche und ranzöſiſche Rücher in wel hen er verſchiedene Gtellen angemerkt hatte, Dieſe hatte ſie dann zu duechleſen, um deren Inhalt dem Grafen ctabton, einem alten Herrn vom der Galanterie der domaligen Ariſtokraten, in lelchter und geſchickter Ein Nlelnung th'ihren Geſprächen mit dem Grafen bet Paſel
ober bel dem Auf⸗ und Abgehen mit ihm durch die lange Reihe der Zimmer ſo anzubringen, daß er da⸗ durch unterhalten wurde, Elne eigenthümliche Frauen⸗ verwerthung vamaliger Zeit!—
Rach achtjährigem Aufenthalte in Mainz, in welcher Zelt Gophten dret Kinder geboren wurden, gab der beretts 71 Jahr alte Graf ſein Amt auf und zog ſich auf ſeln Gut Warthauſen zurück, wohin ihm die Familte La Roche folgte, Warthauſen, ein im großen, ebeln Style erbautes Schloß, llegt elne halbe Stunde von Biberach, unwelt des Federſees auf einem Bergab⸗ hange, welcher die entzückendſte Ausſicht auf ein zwiſchen waldigen Anhöhen gegen die Donau ſich. hinzlehendes ſchbnes Chal gewährt., Von der andern Geite umgab ein ausgebehnter engliſcher Park das Schloß und bot mit ſelnen brelten Alleen und Springbrunnen, mit ſelnen herrlichen Bäumen und friſchen Raſen die ſchbnſten und manntgfachſten Spazlergänge dar. Darüber hinweg ſah man weite fruchtbare Felder, hinter welchen die entſernten Schneegeblrge der Schwelz herüber⸗ glänzten, In dieſem ſchönen Aufenthalte ſollten ſich Martin und Gophie nach zehnjähriger Lrennung end⸗ lich wlederſehen. Auch Gophle gedachte jetzt in dieſem länblich ſttllen Aufenthalte, in Biberachs Nähe, leh⸗ hafter und wehmüthiger denn je de ehemaligen Ju⸗ gendgeltebten und war freudig überraſcht als ſie jenen Weief von ihm erhielt,
Mit ſchlagendem Herzen iſt Martin der Ginla⸗ dung nach Warthauſen gefolgt, Zagend fragt er ſich, als er dem GSchloſſe nahe gekommen:„Werde ich in der einunddrethtglährigen Gattin, in der vom Kindern umgebenen Mutter noch meine Gophte wiederſehen?“ Oie jſunge Hofräthin ſaß eben, als Martin an hre Thür klopft, von thren Kindern umgeben, in(hrer Stube und wie von einer Ahnung ergriffen, ruft ſten„Herein Wie⸗ lanb!“ Gs iſt Gophle, es iſt der helle füße Klang ihrer wohlbekannten Gtimme, und von tauſend Grinnerungen und Ginpfindungen überwältigt, vermag Martin die Shueflnfe nicht aufzudrücken. Gophie geht ihm darum entgegen und bietet ihm mit einem herzlichen Willkom⸗ men die Hand. Martin, tief erſchüttert, läßt den Hut fallen, den er unteym Aeme trägt, und vermag kein Wort hervorzubelngen. Unterbeſſen erbllckt er Gophiens alteſten Gohn, einen bildſchönen Knaben, eilt auf ihn zu, ulmmt ihn zu ſich auf’s Gopha und herzt und küßt (hn, Inzwiſchen iſt auch La Roche in das Bimmer ge⸗ treten, der Wieland freundlich entgegengeht und ihn auf das Herzlichſte umarmt,
Gophte iſt noch ummer eine ſchöne Frau, uur eine zarte Wehmuth, aufgeprägt von dem Genſte des Le⸗ bens, euht auf ihren ſeinen Ulebllchen Zügen, Auch durch den höfiſchen Fleniß blickt noch ihre frühere friſche, Iugendlich⸗gefühlvolle Ginnesart, ihr aufrichtiges gutes Herz. Ein inniger Blick aus chrem ſeelenvollen Ange reicht hin, um Maetin fühlen zu machen, daß ſie,
wWenn auch nicht mehe ſeine Gellebte, doch die Frau iſt,
die er vot allen andern lieben kann. Er fühlt wieder
hren wohlthnenden Ginfluß, er iſte wieder ſelig in ihrer Rähe, wenn auch in anderer Weiſe als ehemals; er


