Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe. 81
panzertes mehr, ſondern der Theil, der im Waſſer lag, war völlig unbeſchützt; dem Monitor gegenüber war das Schiff alſo völlig wehrlos geworden.
Kaum machten die Officiere dieſe traurige Be⸗ merkung, als ſich auch an der Einfahrt der Bai ſchon feindliche Schiffe zeigten. Der Kommodore erkannte ſofort ſeine verzweifelte Lage und gab augenblicklich Befehl, die Bote in's Meer zu laſſen. In Eile wurde der größte Theil der 340 Köpfe zählenden Mannſchaft ans Land geſetzt; kaum waren die letzten Bote abge⸗ gangen, ſo erfolgte auch ſchon der Befehl, das Schiff in Brand zu ſtecken. Das Werk der Zerſtörung ging ra⸗ ſcher von Statten, als man hätte denken ſollen. In wenigen Augenblicken drangen aus allen Oeffnungen dicke Rauchwolken, feurige Flammen leckten an den Stückpforten, die Kanonen entluden ſich nach und nach, und in wenigen Minuten ſtand der ſtattliche Bau, ein erhabenes Werk menſchlicher Intelligenz, der ſtolze Sie⸗ ger und Vernichter der beiden feindlichen Fregatten, in ein Feuermeer eingehüllt. Hätten die beiden helden⸗ müthigen Kapitäne, welche ſich mit ihren Fregatten Cumberland und Kongreß in den Wellen begraben lie⸗ ßen, in dieſem Augenblick ihren vor wenig Tagen noch entſetzlichen Feind ſo feig, ſo unſeemänniſch ſich ſelbſt vernichten ſehen, ſie hätten vielleicht mit Freuden noch ein zweites Leben geopfert. Welche ungleiche Scenen: dort die Todesverachtung, der kaltblütige Stolz, wel⸗ cher die Officiere und Mannſchaften der Unionsſchiffe beſeelte, hier das feige Benehmen, die kleinmüthige Furcht der geſammten Mannſchaft!— Jetzt ertönt ein ſürchterliches Krachen, die Wogen heben ſich haushoch, das Feuer hatte in der Pulverkammer gezündet, und mit einem entſetzlichen Knall flog das königliche Schiff, dem das Volk den Namen Virginia gegeben hatte, in tauſend Trümmer.
Daß auch der Monitor nicht lange nachher ein frühes Ende gefunden, wird wohl noch in guter Erin⸗ nerung ſein. Aber das kurze Daſein dieſer beiden Ko⸗ loſſe war nicht ein böſes Omen für die Panzerſchiffe überhaupt; im Gegentheil: deren Zeit wird erſt noch kommen.
Wielands Jugendliebe. Von Wilhelm Girſchner. (Schluß.)
Cx vor, die nicht aufhören ſolle, der Gegenſtand ſeiner Neigungen, die Dame ſeines Herzens zu ſein. Aber bald wurde ihr Bild in den Hinter⸗ grund gedrängt. Es war nicht Sache des leicht aufwallenden und höchſt reizbaren, aber flatterhaften und veränderlichen Wieland, lange in Schmerz und Verzweiflung um die verlorene Braut zu trauern. Er hatte bald in Zürich andere Freundinnen gewonnen, Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
von denen er ſeinen Freunden verſicherte, daß ſie ihn über den Verluſt ſeiner Göttin zu tröſten fähig wären. Welche Veränderung war jetzt mit dem weltunerfahrenen frommen Jüngling, dem begeiſterten Tugendſchwärmer vorgegangen, bei dem freilich die Frömmigkeit in der Region des Gefühls ſtecken geblieben warl Er kann ſeinen Freunden ſcherzend ſein Serail beſchreiben, in dem er ſich ſelbſt als den Großtürken vorſtellt, und hin zufügen:„Ich gebe den Frauen und Mädchen gute Worte und zwinge ſie durch die natürliche Superiorität meines Genies, bon gré mal gré mich zu lieben.“ Nach⸗ dem er das Bodmer ſche Haus verlaſſen, um den Unter⸗ richt der Söhne zweier Züricher Familien zu übernehmen, knüpfte er zuerſt mit einer 44 jährigen Witwe, Madame Grebel, an. Das Verhältniß dauerte mehrere Jahre, bis die Witwe einem 56jährigen angeſehenen Mann in Amt und Würden ihre Hand reichte. Voll Verdruß hier⸗ über, entſchloß ſich Martin, Zürich zu verlaſſen, und nahm in Bern eine Hauslehrerſtelle bei dem Landvogt Sinner an. Als ihm aber auch dieſe Stellung nicht be⸗ hagte, hielt er den dortigen jungen Leuten Vorleſungen über Philoſophie und beſchäftigte ſich mit der Ausarbei⸗ tung von Araspes und Panthea. In Bern ſollte er mit einer Königin des Geiſtes, einer geiſtigen Brunhilde zu⸗ ſammenſtoßen und mit ihr einen Waffengang thun. Es war die gelehrte Julie Bondeli, die Heroldin des Ver⸗ faſſers der neuen Heloiſe, aber, wie meiſtens philoſophiſche Damen, nichts weniger als ſchön ſogar ſo häßlich, daß ſich Wieland erſt an ihren Anblick gewöhnen mußte. Sie war ein„fürchterliches Mädchen“, welche Sophien ſo weit an Geiſt überragte, wie ſie dieſer an körperlicher Schön⸗ heit nachſtand, und konnte mit ihm in einem Athemzuge von Plato, Plinius, Cicero, Leibnitz, Ariſtoteles, Locke, von Dreiecken, Rechtecken und Parallelogrammen reden. Der Herrſcher im Serail ward ihr Diener und begehrte ihre Hand. Aber der ſtarke Frauengeiſt, dem die Weiber⸗ ader Wielands nicht zuſagte, konnte ſich nicht entſchlie⸗ ßen, den Bittenden zu erhören, behielt jedoch ihr Leben lang Theilnahme für ihn und ſtand mit ihm in Brief⸗ wechſel. Nicht ganz ungelegen kam ihm daher nach Ab⸗ lauf eines Jahres der Antrag von Hauſe, Stadtſchreiber zu werden. Er folgte dem Rufe und erfuhr in Biberach, daß er ſein Amt eigentlich auf Verwenden von Sophiens jüngerer Schweſter Cateau erhalten, welche er ſchon früher als 16jähriges Mädchen bei Sophien geſehen hatte und die jetzt an den Bürgermeiſter von Biberach verheiratet war. Fern von der ſchönen Schweiz und ſeinen dortigen Freunden, fing Wieland bald an, in dem kleinen Städtchen ſich zu langweilen. Da vernahm er, daß der Gegenſtand ſeiner erſten ſchwärmeriſchen Liebe, ſeine Sophie, in dem nahen Warthauſen ange⸗ kommen und ſich häuslich niedergelaſſen. Ihr Andenken gewann wieder die Oberhand in ſeinem liebebedürftigen Herzen, und alle die Sirenengeſtalten, die ihn bisher umgaukelt hatten, mußten vor ihrem edeln, ſanften Bilde erbleichen. Mit tiefer Bewegung ſchrieb er einige Zeilen an ſie und fragte an, ob er kommen dürfe, worauf er von Sophiens Gatten, welchem dieſe den Brief gezeigt, die freundlichſte Einladung erhielt. Ehe wir aber Martin
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