Jahrgang 
1864
Seite
75
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Politiſche Ueberſicht. 75

neue Opfer zu erſparen. Dänemark habe dies nicht ge⸗ wollt; durch ſein Verſchulden ſei von neuem Blut ge⸗ floſſen, und wenn die deutſchen Großmächte jetzt mitten im erneuerten Siegeslauf die Hand zum Frieden bieten, ſo könne es nur geſchehen, indem ſie diejenige Forderung unverkürzt aufrecht erhalten, ohne deren Bewilligung eine wirkliche, dauernde Löſung der ſchwebenden Frage nicht möglich iſt. Ganz Schleswig⸗Holſtein und mit ihnen Lauenburg müſſen endlich und ein für allemal der däni⸗ ſchen Herrſchaft entzogen werden. Das preußiſch⸗mi⸗ niſterielle Blatt beſtätigt, was ſchon anderweit verlautete, daß die Abtretung der Herzogthümer zu Handen Oeſter⸗ reichs und Preußens zu erfolgen habe, die dann ſich weiter mit dem Bunde und den Erbberechtigten aus⸗ einanderſetzen werden. Es wird ſpeciell darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß der Bund uur bezüglich der Anerken⸗ nung des künftigen Herrſchers von Holſtein abzuſprechen berechtigt ſei, nicht aber zugleich auch über Schleswig, da dieſes bisher nicht deutſches Bundesland war. Das Urtheil des Bundes über die Erbberechtigung in Holſtein werde bei der ſchließlichen Geſammtentſcheidung bedeutend in's Gewicht fallen, aber dasſelbe könne nicht allein entſcheidend ſein.

Die letztere Bemerkung des officiöſen Verliner Blattes mag allerlei zu denken geben. Um ſo mehr, wenn man damit zuſammenhält, was derAllg. Ztg. aus Karls⸗ bad aus unverkennbar preußiſcher Quelle geſchrieben wird. Es wird da unter den Bedingungen des mit Dänemark abzuſchließenden Friedens auch folgende angeführt: Preußen zahlt an Oeſterreich die verausgabten Kriegskoſten und läßt das Herzogthum Schleswig ſo lange durch ſeine Truppen beſetzen und deſſen Einkünfte durch preußiſche Beamte verwalten, bis es aus deren Ueberſchüſſen eine vollſtändige Deckung aller verausgabten Kriegskoſten, die ſich zuſammen in runder Summe auf etwa 20 Millionen Thaler belaufen, erhalten haben wird. Dieſes Ab⸗ finden Oeſterreichs bezüglich der Kriegskoſten und dieſe Inpfandnahme Schleswigs durch preußiſche Truppen und preußiſche Beamte würden, falls ſie in Wahrheit eintreten ſollten, den Annexionsgerüchten eine bedeutende Nahrung geben und einen ſehr beredten Kommentar zu der Note geben, welche, wie es heißt, der Herzog von Auguſten⸗ burg in Paris überreichen ließ und deſſen Beſorgniſſe vor den preußiſchen Annexionsplänen kundgibt. Bevor die Ueberſchüſſe der Einkünfte des Herzogthums Schleswig, mit ſeinen 167 Quadratmeilen und nicht einmal einer halben Million Einwohnern 20 Millionen Thaler er⸗ reichen, dürfte ein ziemlich geraumes Stück Zeit verfließen, und wenn während dieſer ganzen Zeit preußiſche Truppen und preußiſche Beamte im Herzogthume bleiben ſollen, dürfte das letztere allgemach von ſelbſt zur preußiſchen Provinz werden, namentlich wenn die preußiſche Pro⸗ paganda recht thätig und geſchickt manövrirt und die Stimmung der Bevölkerung auf ihre Seite bringt. Wir haben ſchon wiederholt darauf hingewieſen, wie in Schles⸗ wig erſcheinende Blätter unverholen darzuthun beſtrebt ſind, daß das eigentliche Heil des Herzogthums nur in einem Anſchluſſe an das mächtige Preußen ruhe, das allein im Stande ſei, demſelben einen dauernden Schutz zu gewähren. Einen neuen Beleg für die Thätigkeit der preußiſchen Propaganda bringt diePreſſe, indem ſie ein(von Rudolf Schramm in Berlin unterfertigtes) Schreiben an mehre däniſch geſinnte deputirte Bürger der Stadt Flensburg veröffentlicht, worin dieſen zu Gemüthe geführt wird, daß ſie die Hoffnung auf eine Wiederkehr der däniſchen Herrſchaft fahren laſſen müſſen und die Sicherung ihrer Intereſſen fortan nicht in einem auguſten⸗ burgiſchen oder oldenburgiſchen, ſondern nur in einem preußiſchen Schleswig⸗Holſtein ſuchen ſollen. Der Auguſten⸗ burger wird in dem Schreiben einfach alsBettelherzog abgethan, mit deſſen Herrſchaft nur eine Reaktion herein⸗ brechen würde. Das Schreiben hat übrigens an der Ver⸗ größerung Preußens durch die Elbe⸗Herzogthümer noch nicht genug, ſondern meint, es müßten dann auch noch Hamburg und Mecklenburg folgen, den anderen nord⸗

deutſchen Staaten bis zum Mainfluß bliebe nichts übrig, als Militärkonventionen mit Preußen abzuſchließen und das neue deutſche Reich wäre fertig. Sind dies auch nur die Phantaſien eines Einzelnen, ſie ſind deshalb doch nicht ohne Bedeutung; ſie zeigen, welche Ideen eirkuliren und Propaganda zu machen ſuchen.

Ueber die in Rendsburg ſtattgehabten Exceſſe zwiſchen preußiſchen und hannoveraniſchen Soldaten ſchreibt man denH. N.: Nachdem am Sonntage beim Tanze zwiſchen dem preußiſchen Militär einerſeits und Hannoveranern und Sachſen andererſeits Reibereien ſtattgefunden, die zu Thätlichkeiten ausarteten, iſt es geſtern Abends auf dem Paradeplatz im Jungfernſtieg und vor den Baracken, wo ſich preußiſche Lazarethe befinden, zwiſchen Hannoveranern und Preußen zu umfangreichen Schlägereien gekommen, in Folge deren die preußiſchen Truppen durch General⸗ marſch zuſammenberufen wurden und ſtarke Wachen und Patrouillen die Stadt durchzogen. Auch von dem nahe⸗ gelegenen Oſterrönfeld waren die dort kantonnirenden Preußen herangezogen. Es ſind nicht unerhebliche Ver⸗ wundungen durch Bayonnet und Säbel mehrfältig vor⸗ gekommen.

Der König der Belgier, dem zu Ehren Drouin de Lhuys ſeinen Aufenthalt in Vichy bis zum nächſten Sam⸗ ſtag verlängern wird, gilt in Paris allgemein alé Vertreter der Intereſſen Mexiko's beim Kaiſer. Außer finanziellen Fra⸗ gen, die ſich zunächſt auf das Anerbieten des Hrn. Mirés be⸗ ziehen, die mexikaniſche 200⸗Millionen⸗Anleihe unter Au⸗ toriſation des franzöſiſchen Gouvernements übernehmen zu wollen, außer der Angelegenheit der franzöſiſchen Oc⸗ cupation des Landes, dürfte ſich gewiſſen Anzeichen nach die Unterhaltung beſonders um die eventuelle Regelung der mexikaniſchen Thronfolge drehen, obgleich natürlich dabei nicht ausgeſchloſſen iſt, daß ſich die Beſprechungen auch auf die gegenwärtige Lage erſtrecken werden. Den König der Belgier als Advokaten der engliſchen Alliance⸗ im Quaſi⸗Auftrage des Kabinets von St. James nach Vichy reiſen zu laſſen, zeugt von eben ſo viel Geſchmack⸗ loſigkeit als Unkenntniß der Verhältniſſe.

DerKongreß der konföderirten Staaten von Amerika hat ein Manifeſt über den gegenwärtigen Krieg mit den Vereinigten Staaten erlaſſen, um vor der Weltdie Prin⸗ cipien, die Geſinnungen und die Abſichten zu erkläreu, welche die Vertreter der Konföderation geleitet haben und noch leiten. Das Dokument iſt in Form einer Geſammt⸗ reſolution des Senates und des Repräſentantenhauſes ab⸗ gefaßt. Schon in der vorigen Seſſion war der Entwurf von Mr. Hill aus Georgien vorgelegt worden und hat in dieſer Seſſion am 10. Juni nach einer mehrſtündigen geheimen Debatte die Genehmigung beider Häuſer erlangt. Das Manifeſt geht augenſcheinlich von der Annahme aus, daß an Friedenshoffnungen einſtweilen nicht zu denken iſt, wenn es auch erklärt, daß die Konföderirtenſich nicht ſcheuen, einen aufrichtigen Wunſch nach Frieden unter Bedingungen, die mit ihrer Chre und der dauernden Sicherſtellung ihrer Rechte verträglich ſind, auszuſprechen. Von der Natur dieſer Bedingungen wird weiter nichts geſagt. Die Gründe der Seceſſion enthält folgender Pa⸗ ragraph:Wir waren gezwungen, die politiſche Verbin⸗ dung mit unſeren früheren Bundesgenoſſen abzubrechen, weil ſie die Fundamentalprincipien unſeres Unionsverbandes mit ihnen angriffen und außer dieſer Traveſtie der Un⸗ abhängigkeitsakte von 1776 wird an anderer Stelledie nothwendige Beſchützung ererbter Rechte und liebgewonner Inſtitutionen angeführt.Liebgewonnene Inſtitutionen lautet in einer derartigen Anſprache an dasaufgeklärte Urtheil der Welt freilich angenehmer, als das nackte häßliche WortSklaverei, welches in dem ganzen Doku⸗ ment ſorgfältig umgangen iſt; den hochtönenden Schluß bildet die Zuverſicht auf den Triumph derFreiheit: Das wildeſte Gemälde, welches ſich eine kranke Phantaſie jemals ausgedacht hat, kommt der Tollheit nicht gleich, welche von der Beſiegung von acht Millionen Menſchen träumen kann, die eines Sinnes entſchloſſen ſind,lieber

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