Jahrgang 
1864
Seite
72
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2 O. Féré: Der Wahnſinnige.

Aufklärungen von dem Greiſe zu erhalten dachte,wo⸗ her kennt Ihr den Namen Margarethe?

Schweigt, ſchweigt! erwiederte der Narr;Ihr werdet machen, daß ich verliere; und wenn ich verliere wenn ich verliere, mein Herr! Das iſt der Tod meiner Frau! Das iſt der Tod meiner Tochter! Aber nein ich werde nicht verlieren ich kann nicht ver⸗ lieren das würde ſchrecklich, das würde grauſenhaft ſein!

Bei dieſen unzuſammenhängenden Worten er⸗ bleichte JFohannes und ſeine Glieder zitterten. Eine ſchwache Erinnerung an ein ſchreckliches Ereigniß, das ihm in ſeiner Kindheit erzählt worden war, erwachte in ihm. Er fürchtete ſich, mehr von demſelben zu hören, denn es galt die Ehre ſeines Vaters. Man hatte ihm einſt geſagt, daß dieſer ſein Vermögen durch das Ver⸗ derben eines Mannes gewonnen habe, der durch das Spiel ruinirt worden ſei. Die Scene, von welcher er ſoeben Zeuge geweſen, rief ihm das als einen Vorwurf in's Gedächtniß zurück was er bis dahin als Verleum⸗ dung unbeachtet gelaſſen hatte. Es war ihm, als beäng⸗ ſtige ihn ein ſchwerer Traum, aus dem er nicht erwachen könnte Er machte einen neuen Verſuch, weitere Aufklä⸗ rungen zu erhalten.

Peter, mein Freund! redete er den Greis an.

Ihr Freund? lachte der Narr.Gibt es Freunde? Sehen Sie, ich beſaß einen ſolchen bei dieſen Wor⸗ ten drängte er ſich an Julie hinan, deren Nähe einen ſichtlichen Einfluß auf ſeine Ideen ausübteja, einen Mann, der ſich meinen Freund nannte. Er hat meine Frau ermordet! Er hat mir meine Tochter geſtohlen!

Mein Gott, ſo wäre es denn wahr! rief Jo⸗ hannes aus; das Opfer meines Vaters iſt hier!

Julie folgte der Entwickelung dieſes Trauerſpiels in ängſtlicher Spannung; obgleich ſie nicht wußte, in welcher Weiſe ſie bei demſelben betheiligt war, ſo ver⸗ muthete ſie doch, daß ſie ein geheimnißvolles Band an den Greis feſſele.

Heilige Jungfrau, beſchütze mich! flehte ſie leiſe.

Und gib mir einen Louisd'or! fügte der Wahn⸗ ſinnige hinzu.Ja nur einen Louisd'or, fuhr er fort, indem er Juliens Hand ergriff und ſie regungs⸗ los anſtarrte.Nur einen Louisd'or, denn ich habe einen Mann gekannt, der Alles durch's Spiel verloren hatte, Alles bis auf das Bette, worauf ſeine kranke Frau lag! Er wagte nicht nach Hauſe zu gehen. Als er nun ſo durch die Straßen irrte, fand ſich Jemand, der Mitleiden mit ihm hatte und ihm einen Louisd'or lieh. Er kehrte nach dem Spielhauſe zurück er gewann er gewann und gewann bis er eine Kaſſette voll Gold und Bankbillets hatte. Dann ging er nach Hauſe. Rathet einmal, was er dort fand!

Dieſer Mann, ſagte Johannes mit erſtickter Stimme,ſcheint nur Verſtand für die Erinnerung be⸗ halten zu haben!

Peter brach in ein krampfhaftes Lachen aus.

Ha, ha, hal er fand ſeine Frau todt! ge⸗

ſeine verbrecheriſche Handlungsweiſe getödtet, der Elende!

uUnd ſeine Tochter, ſeine Tochter war entführt, ſeine liebe kleine Tochter! O, ich erſticke Marga⸗ rethel Margarethel

Mein Vater! mein Vater! rief Julie aus, in⸗ dem ſie den Greis unterſtützte.

Aber dieſer hörte ihre Worte nicht mehr; er war bewußtlos zu Boden geſunken.

Die ſprechende Aehnlichkeit Julie ns, ſeiner Tochter, mit ſeiner Frau hatte die Nebel von der Seele des unglücklichen Irren verſcheucht. Aber auf die große Aufregung folgte eine gewaltige Abſpannung.

Johannes kniete vor ſeiner Geliebten nieder.

Julie, ſagte er,der Mann, welcher der Ur⸗ heber Deines Unglücks geweſen iſt der das Vermögen Deines Vaters gewonnen hat, iſt derjenige, welchem ich das Leben verdanke. Um Gotteswillen vergib ihm verachte uns nicht!

Statt aller Antwort überließ ſie ihren Vater für einige Augenblicke der Sorge der Wirthin und warf ſich in Fohannes Arme.

In dieſem Moment öffnete ſich die Thür; der

Wirth trat herein und meldete zwei fremde Herren, welche ihm auf dem Fuße folgten. 4

ſtorben aus Elend und Verzweiflung! Er hatte ſie durch

Der Herr Polizeikommiſſär! Herr Vincent Durandl

Der letztere Name weckte den Greis aus ſeiner Bewußtloſigkeit. Er öffnete die Augen und richtete ſich mit Hilfe der Wirthin auf.

Das iſt er! Das iſt er! rief er mit Abſcheu.

Mein Vater, ſagte Johannes, indem er auf ihn zutrat,was wollen Sie hier? Kennen Sie dieſen Mann?

Der Blick Durands begegnete dem des Greiſes, und gleich als ob er eine Natter ſehe, trat der erſtere erbleichend zurück. Der Greis veränderte keine Miene, Aber der Schreck Durands war von kurzer Dauer.

Ich kenne dieſen Unglücklichen nicht, verſicherte er, wandte ſich dann zu ſeinem Sohne und ſagte:

Was mich hierher führt, wird Dir der Richter mittheilen.

Der Polizeikommiſſär entfaltete ein großes Blatt Papier und begann ſtotternd zu leſen:

Im Namen des Königs. Allen Agenten der höchſten Behörde wird hiermit anbefohlen, die ſich nen⸗ nende Marie Julie Dumont überall anzuhalten und nach St. Claire zu bringen.

Und demgemäß müſſen Sie uns folgen, ſagte Durand zu Julie. 2*

Herr! dies geht zu weit! ſchrie Johannes entrüſtet.

Ruhig! ſtotterte der Kommiſſär.Keine Wider⸗ ſetzlichkeit gegen das Geſetz!

Bei dieſen Worten wollte er ſich Juliens be⸗ mächtigen, allein dieſe eilte auf den Greis zu.

Mein Vater, willſt Du mich nicht vertheidigen? ſtieß ſie angſtvoll hervor.

Da ſprang der Greis wie ein verwundeter Löwe empor, ſtrich die langen Haare, die über ſeine Stirn ge⸗