O. Fôrêé: Der Wahnſinnige. 71
kannte, und deßwegen noch beſorgter war als Julie, ſtimmte dieſem Vorſchlag bei.
Er hatte bereits den Reiſekoffer ergriffen und Beide wollten das Zimmer verlaſſen, als plötzlich laute Stimmen, unter denen ſich eine ihnen ſehr bekannte be⸗ fand, aus dem untern Stockwerk heraufſchallten und ſie an der Ausführung ihres Planes hinderten.
Die Flucht JFohannes und Juliens hatte den Vater des erſteren in die äußerſte Wuth verſetzt. Er hatte alle Polizeibeamten, deren Dienſte ihm zu Ge⸗ bote ſtanden, den Entflohenen nachgeſandt und gegen ſeine Gewohnheit das Geld mit vollen Händen aus⸗ geſtreut, um die Spur derſelben aufzufinden.
Dies war ihm bald geglückt und er war den Ent⸗ flohenen ſelbſt nachgeeilt. In Havre begab er ſich ſo⸗ gleich zu dem Polizeikommiſſär, demſelben ſtotternden Weſen, welches den Narren hatte verhaften wollen. Nachdem der Eifer des Mannes durch einige Goldſtücke angeſpornt worden war, führte er Johannes Vater geradewegs nach dem Gaſthof zur„Morgenröthe“. Beim Eintreten Beider hatte das liebende Paar die zornige Stimme ſeines Verfolgers gehört.
Johannes bemühte ſich vergebens, das Ge⸗ ſpräch im untern Stockwerke zu erlauſchen; es wurde flüſternd Rath gehalten. Den geängſtigten Liebenden blieb nichts anderes übrig, als regungslos oben das
Reſultat dieſer Berathung abzuwarten. Die unverhoffte
Ankunft von Johannes Vater hatte ſie gänzlich ihrer Geiſtesgegenwart beraubt.
Plötzlich öffnete ſich die Thür, aber ſtatt des zor⸗ nigen Geſichtes ihres Verfolgers erblickten ſie zu ihrer großen Freude dasjenige der Wirthin. Die gute Frau ging auf Julie zu und reichte ihr die Hand.
„Sie haben mich zum Beſten gehabt,“ ſagte ſie ſanft verweiſend zu ihr,„das iſt nicht artig. Um Sie dafür zu ſtrafen, will ich Sie retten.“
„Wie kann das geſchehen?“
„Ihr Vater,“ erwiederte ſie, ſich zu Johannes wendend,„beräth mit dem Polizeikommiſſär unten einen Plan, um Sie für immer von Ihrer Geliebten zu trennen. Zuerſt wollen ſie ſich Ihrer Perſon be⸗ mächtigen und das Fräulein dann in ein Kloſter ein⸗ ſperren.“
Dieſe Worte gaben Johannes ſeine Energie wieder.
„Beruhige Dich, Geliebte!“ rief er.„Dir ſoll kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden; das ſchwöre ich bei dem Andenken an meine Mutter!“
.„Schweigen Sie, Unvorſichtiger,“ ſagte die Wir⸗ thin;„keine Gewalt— Liſt iſt viel ſicherer.“
„O ſchützt uns!“ rief Julie, ſich in die Arme der gutherzigen Frau werfend.
„Zuerſt müſſen Sie, mein Fräulein, ſo raſch als möglich dieſe Kleider anziehen,“ erwiederte ſie,„da man es Ihnen als ein Verbrechen anrechnet, daß Sie Mannskleider tragen. Dieſer Anzug gehört einer meiner Nichten; darin wird man Sie nicht erkennen.“ Mit
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dieſen Worten öffnete ſie einen Schrank und nahm einen vollſtändigen Anzug eines normänniſchen Landmädchens heraus, welcher ein günſtiges Zeugniß für die Sauber⸗ keit und den Geſchmack der Eigenthümerin ablegte.
In wenigen Minuten war die Umwandlung be⸗ werkſtelligt; ſtatt des hübſchen jungen Mannes ſtand ein noch hübſcheres junges Mädchen da.
„Und jetzt folgen Sie mir,“ ſagte Frau Lardé; „ich werde Sie zu einer meiner Freundinnen bringen, und ich ſtehe dafür, daß Sie Niemand erkennen ſoll.“
„Welch einen Dank ſind wir—“
„Wenn Alles gut abgelaufen iſt, können Sie mir danken,“ unterbrach ſie Jene.„Laſſen Sie uns jetzt keine Zeit verlieren und die Gelegenheit benützen, ſo lange Ihre Verfolger noch im Saale ſind—“
„Sie ſind fort!“ ſagte der Narr, indem er plötz⸗ lich in's Zimmer trat.
„Abgereiſt?“ riefen alle Drei zugleich.
„Nun ja,“ entgegnete er überlaut lachend,„ſie haben das ganze Haus mit Menſchen umſtellt. Wo iſt der kleine junge Herr? Ich will ihm ſagen, ich will—“
Plötzlich fiel ihm Julie in's Auge, welche bei ſeinem Eintreten hinter eines der großen Betten ge⸗ flohen war. Bei ihrem Anblick ſtieß er abermals einen langen gellenden Schrei aus.
„Margarethel Margarethel Marga⸗ rethel“ ſchrie er, gleich als ob er ſich die Bruſt ſpren⸗ gen wolle.
„Das iſt der Name meiner Mutter!“ rief Julie; „woher kennt der Wahnſinnige den Namen meiner Mutter?“
„Flüchten Sie, flüchten Sie!“ flüſterte die Wir⸗ thin, welche nur an die Rettung Juliens dachte, dieſer zu;„man wird Sie in dieſen Kleidern nicht er⸗ kennen!“.
Aber Julie dachte nicht mehr an Flucht— ſie konnte nicht mehr entkommen. Der Narr hatte ihren Arm umklammert und während er ſeinen irren wilden Blick auf ihre ängſtlichen Mienen heftete, wiederholte er mit herzzerreißendem Schluchzen:
„Meine Erinnerung! meine Erinnerung! O mein armer Kopf— mein Gott, mein Gott!“
Erſchöpft durch ſeine verzweifelten, nutzloſen An⸗ ſtrengungen ſank er endlich zu Boden; der Angſtſchweiß perlte in großen Tropfen von ſeiner Stirn. Als ſeine Blicke durch das Zimmer irrten, gewahrte er plötzlich das Bildniß der heiligen Jungfrau. Auf ſeinen Knien bis zur Wand hinkriechend, wiederholte er die mit Kreide geſchriebenen Worte, und gleich als ob ihm dieſe einen Schimmer von Verſtand zurückgegeben, ſprach er vor ſich hin:
„Horch, horch! Wir wollen ſpielen— es kommt mir ſo vor, als ob mich das in eine Welt zurückbringen würde, die ich vergeſſen habe.“
Er nahm darauf ein paar Würfel aus der Taſche, ſchüttelte ſie in der Hand und warf ſie auf den Boden.
„Sechs, acht!— Verloren! O, ich werde beim folgenden Wurf gewinnen!“
„Mein Freund,“ ſagte Johannes, der einige


