7⁰ O. Fôörôé: Der Wahnſinnige.
er auf, fängt an zu weinen und murmelt unverſtändliche Worte vor ſich hin.“
Die beiden Reiſenden waren nachdenklich gewor⸗ den. Als der jüngere die Augen aufſchlug, begegneten ſeine Blicke denen des Greiſes, welcher ihn auf eine un⸗ heimliche Weiſe regungslos anſtarrte. Es überkam ihn ein ängſtliches Gefühl, und zitternd ſchmiegte er ſich an Johannes an.
„O ſprich noch einmal— noch einmal!“ flehte Peter.
„Mir iſt ſo bange,“ ſtammelte Jener halblaut.
„Weiter! weiter!“ rief der Greis dringend, indem er mit ſeltſamer Begierde jedem Tone dieſer Stimme lauſchte.
„Ja, ſprich zu dem Unglücklichen, Julius,“ ſagte Johannes zu ſeinem Begleiter.„Vielleicht er⸗ fahren wir auf dieſe Weiſe noch etwas von ihm. Du brauchſt Dich nicht vor ihm zu fürchten.“
Julius ermannte ſich, wandte ſich zu dem Greis und fragte:
„Was wünſcheſt Du von mir, mein Freund?“
„O, meine Erinnerung!“ ſchrie der Unglückliche, „o, meine Erinnerung! Ja, wart, ich— o mein Kopf, mein armer Kopf! Ich kann nicht— ich kann nicht!“
Er preßte die Hände heftig gegen die Schläfen und wiederholte in Todesangſt, gleich als ob er ſich eine verlorene Erinnerung wieder vor die Seele zu bringen bemühe:
„Ich kann nicht, ich kann nicht!“
Mitleiden trat jetzt an die Stelle der Furcht bei dem jungen Reiſenden und abermals richtete dieſer einige Worte an den Greis.
„Nein, es gelingt mir nicht,“ ſagte dieſer jetzt mit einer faſt verſtändigen Ruhe,„aber laß mich Dich an⸗ ſchauen.“
Die Ankunft einiger Fuhrleute machte dieſer Scene jetzt ein Ende. Julius begab ſich in das den Reiſen⸗ den angewieſene Zimmer und Johannes ging nach der Poſt, um nach Briefen zu fragen.
Peter, der Narr, hatte ſich an die unterſte Stufe der Treppe niedergekauert, und weder Schelt⸗ worte noch die Stöße, die ihm dann und wann von ſeinem Herrn oder von den Vorübergehenden zu Theil wurden, konnten ihn von dieſem Platz wegbringen. Als Johannes nach einer halben Stunde zurückkehrte, wäre er faſt über den regungslos Daliegenden gefallen. Er eilte raſch die Treppe hinauf, um der Geliebten mit⸗ zutheilen, daß er einen Brief von ſeinem Freunde er⸗ halten habe, welcher Letztere damit beauftragt war, Alles zu berichten, was im Hauſe von Johannes Vater vorfalle. Der eben empfangene Brief enthielt jedoch nichts beſonders Wichtiges.
Julie war als ein verwaiſtes Kind in ihrem zweiten Lebensjahr von Johannes Vater aufge⸗ nommen worden, und dieſer hatte ſie durch einen ſeiner Pächter erziehen laſſen. Sie hatte übrigens wenig Ur⸗ ſache, ihren Beſchützer zu preiſen, da der letztere als ein unerſättlicher Geizhals die übernommene Verpflichtung, das Mädchen zu ernähren, als eine beſchwerliche Laſt
betrachtete. Er vermied es ſichtlich, ihr zu begegnen, und wenn dies zufällig einmal geſchah, ſo behandelte er ſie abſtoßender und mürriſcher als alle übrigen Perſonen, mit denen er in Berührung kam. 4
Dieſem Widerwillen lag ein ſchreckliches Geheimniß zu Grunde. Der Anblick des Kindes erinnerte den Geiz⸗ hals ſtets an die nichtswürdige That, durch die er in den Beſitz ſeines großen Vermögens gelangt war. Aber trotz dieſer unfreundlichen Behandlung von Seiten ihres Pflegevaters war Julie inmitten des freien, fröhlichen Landlebens zu einer lieblichen Blume erblüht. Eine be⸗ jahrte Nonne hatte für ihre Erziehung Sorge getragen, und der gute Pächter und ſeine Frau hatten ſie wie ihre eigene Tochter behandelt. Ihr ſchnelles Urtheil, ihr gutes Herz und ihr liebenswürdiges Weſen hatten ihr die Liebe ihrer ganzen Umgebung gewonnen. Obgleich ſie nicht das geringſte Vermögen beſaß, ſo würde doch jeder junge Mann in der Umgegend ſtolz darauf ge⸗ weſen ſein, ſie als ſeine Gattin heimzuführen. Aber Niemand würde es gewagt haben, ſich um ſie zu be⸗ werben— ſo hoch ſtand ſie in der Meinung aller heiratsluſtigen jungen Burſchen. Ueberdies wäre eine ſolche Bewerbung vergebens geweſen, da Julie ihre Wahl bereits getroffen hatte. In ihren kindlichen Spie⸗ len hatte ſie Johannes, den Sohn ihres Beſchützers, ſtets ihren Bräutigam genannt, und im Lauf der Jahre war das Verhältniß zwiſchen Beiden immer inniger ge⸗ worden. So hatte ſie denn eines Tages in unbegrenz⸗ tem Vertrauen auf den Geliebten deſſen flehenden Bit⸗ ten Gehör gegeben und war mit ihm entflohen, um in der Ferne des Lebens Freud und Leid mit ihm zu theilen.
Das war die ganze Geſchichte der beiden Lieben⸗ den bis zu dieſem Tage— ſo glaubten ſie wenigſtens.
Am dritten Tage nach ihrer Ankunft zu Havre kehrte Johannes ſo aufgeregt von der Poſt heim, daß es Julie auffiel.
„Du haſt ſchlimme Nachrichten mitgebracht!“ rief ſie ängſtlich aus.
Johannes zog einen Brief aus der Taſche und reichte denſelben der Geliebten, welche ihn mit ſteigen⸗ der Angſt las. Das Schreiben war von Johannes Freund und lautete folgendermaßen:
„Mein Freund! Dein Vater iſt außer ſich vor Wuth über Euere Flucht. Er iſt im Stande, zum Aeu⸗ ßerſten zu ſchreiten. Ich that Alles, was ich konnte, allein er war nicht zu beſänftigen. Er iſt Euch auf der Spur und ich fürchte, daß er eher bei Euch ſein wird als dieſer Brief.“
„Um unſer Unglück vollſtändig zu machen, geht das Schiff, mit dem wir abreiſen wollen, erſt übermor⸗ gen nach Portsmouth unter Segel,“ ſagte Johannes.
„Wir müſſen flüchten!“ rief Julie, welche das Unglück ahnte, welches die Ankunft von Johannes Vater über ſie bringen werde.„Laß uns irgendwo in der Umgegend in einem abgelegenen Ort, wo man unſere Spur nicht auffinden kann, den Tag der Abfahrt des Schiffes erwarten.“
Johannes, welcher die Heftigkeit ſeines Vaters


