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O. Férêé: Der Wahnſinnige. 69
„Denken Sie nur, Herr— meine Frau iſt wäh⸗ rend der ganzen Zeit, daß Sie hier ſind, in Ihrem Zimmer geweſen! Sie wird Ihren Bruder ſehr beläſtigt haben.“
Ein ſchallendes Gelächter von der fröhlichen Wir⸗ thin und dem vermeintlichen Bruder widerlegte dieſe Worte auf eine ſehr bündige Weiſe.
Lardé ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und wandte ſich wieder zu ſeiner Bratpfanne.
Johannes vermochte kaum das Lachen zu unterdrücken und ſprach bei ſich ſelbſt:
„Der gute Mann iſt ſchrecklich eiferſüchtig und auf wen!“
Peter, der Narr, hatte ſich in einem Winkel auf den Boden geſetzt. Gleichgiltig gegen Alles, was um ihn her vorging, ließ er einige Würfel auf die Flur fallen und zählte ängſtlich deren Augen, gleich als ob er ein Spieler ſei, der ſein ganzes Vermögen ge⸗ wagt hatte.
Die Wirthin hatte unterdeſſen raſch den Tiſch ge⸗ deckt und gab jetzt ein Zeichen, daß Alles bereit ſei. Johannes rief ſeinen vermeintlichen Bruder.
„Ich komme gleich,“ rief dieſer,„ich komme gleich!“
Bei dem Tone dieſer klaren Stimme ſtellte der Narr plötzlich ſein mechaniſches Spiel ein und ſtieß einen gellenden Schrei aus.
„Sprich noch einmal— ſprich noch einmal!“ rief er dem jugendlichen Reiſenden zu.
„Ich knöpfe nur meine Manſchetten feſt,“ ſagte der Letztere zögernd mit leiſer Stimme,„dann bin ich bereit.“
Der Narr kroch bis zu dem Bretterverſchlag neben der Treppe, ſtützte ſich auf ſeine beiden Hände und ſtreckte den Kopf in ängſtlicher Erwartung vor.
Als der junge Reiſende erſchien, wiederholte der Greis den Schrei, ſprang auf und zog ſich langſam zurücktretend nach dem entgegengeſetzten Ende des Zim⸗ mers zurück, gleich als ob er durch eine übernatürliche Erſcheinung geblendet ſei.
Das Speiſezimmer in dem Wirthshauſe zur„Mor⸗ genröthe“ war durch eine Glasthür von der Küche ge⸗ trennt. Frau Lardé wollte ihre Gäſte ſelbſt bedienen; ſie hatte ihre ſchönſten zinnernen Teller zur Schau aus⸗ geſtellt. Ihr Herr und Gebieter hatte den kurzen und beſtimmten Befehl empfangen, bei ſeinen Bratpfannen zu bleiben, und durfte demzufolge nur dann und wann durch eine Ecke der Glasfenſter einen neugierigen Blick in's Zimmer werfen. Einigemale erkühnte er ſich auch, das Ohr an dieſelben zu legen, um zu erlauſchen, ob ſeine Gäſte ſich vielleicht lobend über ſeine Kochkunſt ausſprachen.
Da er nichts der Art hörte, ſo nahm ſeine üble Laune zu, und als er den armen Narren gewahrte, der ſtarren Blickes wieder auf den Boden geſunken war, ſchrie er ihm mit gereiztem Tone zu:
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„Was machſt Du da, Du Tölpel? Komm hierher und drehe den Bratenwender! Blaſe das Feuer an! Raſch, Du Taugenichts!“
Peter gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern.
„Jetzt geh' hinein und frage Deine Gebieterin, ob ſie Dir etwas aufzutragen hat!“ fuhr Lardé nach einer Weile fort.
Der Greis öffnete die Thür des Speiſezimmers und trat hinein.
Johannes' Begleiter wandte ſich mit freund⸗ lichem Lächeln zu dem Armen, aber dieſes Lächeln wirkte auf den Letzteren wie der Biß einer Natter.
„Habt Ihr den alten Mann ſchon lange in Euerem Dienſt?“ fragte der jugendliche Reiſende den Wirth, der vor der offen gebliebenen Thür ſtand.
Lardé murmelte einige unverſtändliche Worte zwiſchen den Zähnen.
„Man erweiſt Dir die Ehre, mit Dir zu ſprechen,“ bemerkte ihm ſeine Ehehälfte mit der Miene einer er⸗ zürnten Juno.
„Ich bitte vielmals um Vergebung,“ erwiederte Lardé mit einem widerwärtigen Lächeln;„der Schurke hat mich ſo geärgert—“
Die geläufigere Zunge ſeiner Ehehälfte ſorgte für eine vollſtändigere Antwort.
„Er war bereits hier als wir den Gaſthof über⸗ nahmen,“ hob Frau Lardé an.
„Das Hötel,“ murmelte ihr Herr und Gebieter, ſie verbeſſernd.
„Unſer Vorgänger,“ fuhr ſie fort,„hat uns aber Folgendes von ihm erzählt: Vor etwa fünfzehn Jahren kam der arme Mann eines Abends hierher. Seine Kleider bewieſen, daß er von guter Herkunft ſei; die⸗ ſelben waren aber gänzlichzzerriſſen. Er trug eine Kaſſette unter dem Arme, von der er ſich keinen Augenblick trennte. Er war faſt halbtodt vor Hunger; der Wirth. und die Wirthin waren mitleidige Menſchen; ſie gaben ihm zu eſſen und ließen ihn auf dem Boden des Hauſes ſchlafen. Es war unmöglich ein vernünftiges Wort oder einen Namen aus ihm herauszubringen. Am fol⸗ genden Morgen hatte er ſeine Kaſſette nicht mehr; da im Hauſe gemauert wurde und viel Schutt weggeſchafft worden war, ſo glaubte man, daß dieſelbe dazwiſchen gekommen und auf dieſe Weiſe verloren gegangen ſei. Als man ihn übrigens fragte, was er mit der Kaſſette angefangen und was darin geweſen ſei, wußte er nicht die geringſte Auskunft zu geben, nahm zwei Würfel aus der Taſche und begann zu ſpielen, ſo wie er es vorhin gethan. Mein Mann und ich haben ihn behalten, da er ſehr ſanftmüthig und geduldig iſt und uns kleine Dienſte leiſtet. Aber wenn wir ihn ausſchicken, ſo kommt er ſelten zurück, ohne von den Knaben verfolgt zu werden, welche ihn den Stadtnarren nennen und ihm manchen Streich ſpielen, worüber er jedoch niemals böſe wird. Er hat noch eine ſeltſame Grille, nämlich die, Jeden zu bitten, ihm einen Louisd'or zu leihen. Mitunter bildet er ſich ein, einen ſolchen empfangen zu haben, und dann beginnt er ſogleich zu ſpielen und lacht ſo ausgelaſſen, als ob er Haufen Goldes gewänne. Plötzlich aber hört


