Jahrgang 
1864
Seite
68
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68 O. Féré: Der Wahnſinnige.

Manne an, der eine ziemlich ſchmutzige ſchwarze Klei⸗ dung trug. Es war der Schutzmann. Der Lärm hörte etwas auf.

Die obrigkeitliche Perſon, die ſehr ſchwerfällig ſprach und außerordentlich häßlich war, hielt folgende Anſprache an den unglücklichen Narren, welcher an allen Gliedern zitternd vor ihr ſtand:

O biſt Du da ſchon wieder beſchäftigt, Du un⸗ nützer Menſch, um Lärm auf der Straße zu machen! Komm mit nach dem Gefängniß!

Der Verurtheilte wollte gehorchen, als Johan⸗ nes, der ſeinen Grimm mühſam bis dahin zurückge⸗ halten hatte, zwiſchen Beide trat.

Vergeben Sie mir, mein Herr, ſagte er,ich glaube, Sie irren ſich.

Der Schutzmann warf einen Blick der größten Geringſchätzung auf den Vermeſſenen, der die Gerech⸗ tigkeit ſeines Urtheils zu bezweifeln wagte.

Wiſſen Sie, mein Herr, daß ich mich niemals irre! ſtotterte er mit zornrothem Geſicht, indem er dem Narren gebieteriſch winkte, ihm zu folgen.

Verzeihen Sie mir, mein Herr, fuhr Johan⸗ nes fort,aber ich fühle mich verpflichtet, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß Sie im Begriff ſind, eine Ungerechtigkeit zu begehen.

Der Schutzmann kannte ſich kaum vor Wuth und ſtotterte, Johannes mit funkelnden Augen an⸗ ſchauend:

Ich finde es höchſt vermeſſen

Ich ſtand an dem Fenſter und habe Alles ge⸗ ſehen, was vorgefallen iſt, unterbrach Johannes den Erbitterten.Man hat dieſen alten Mann verfolgt und mißhandelt, ohne daß er irgend etwas gethan hat, um ſich zu wehren. Sie werden ihn doch nicht dafür ſtrafen wollen, daß er das Schlachtopfer dieſer Tauge⸗ nichtſe geweſen iſt? Er hätte ſie mit einem Schlage zu Boden werfen können, denn er iſt noch raſch und kräftig.

Gleich allen Herrſchſüchtigen niederen Ranges, die ſich beugen, wenn ſie beharrlichen Widerſtand finden, wagte der Schutzmann nicht, ſeinen Willen durchzu⸗ ſetzen. Er hatte den armen alten Mann nur deßhalb verhaften wollen, weil es bedeutend bequemer war, ſich ſeiner zu bemächtigen, als der Anſtifter dieſes Skandals. So erwiederte er denn mit einiger Verlegenheit:

Ich will Ihnen wohl glauben, aber Sie wiſſen gewiß nicht, daß Sie einen Narren vertheidigen.

Ja, es iſt der Narr! riefen mehrere Stimmen.

Ja, ich bin der Narr, ſagte der Greis gelaſſen, indem er ſeinen Vertheidiger ruhig anſchaute.

Der Letztere betrachtete jetzt auch ſeinerſeits ſeinen Schützling näher. Das Geſicht desſelben, das von lan⸗ gen bis auf die Schultern herabhängenden grauen Haaren umſchloſſen war, hatte trotz der zahlloſen tiefen Runzeln ſeine edlen Züge behalten. Auf ſeiner freien hohen Stirn las man eine gewiſſe Würde, wenn ſeine durch Leiden und ſchwere Arbeit gebeugte Geſtalt ſich emporrichtete. Aber ſein Blick, der bald irr und un⸗ ſicher, bald wild und leidenſchaftlich und bald ſtarr

und regungslos war, verrieth die ſchreckliche Qual ſeines Innern. 2.

Johannes erkannte, daß eine Juſtiz, wie ſie der ſchwarze Polizeikommiſſär übte, oft eigennützig iſt, und ſo zog er dieſen auf die Seite, drückte ihm einen halben Louisd'or in die Hand und ſagte:

Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie meinen Wunſch zu erfüllen bereit ſind.

O, das iſt etwas Anderes, ſtotterte der Polizei⸗ kommiſſär.Es ſcheint, daß Sie ſich für Pierre inter⸗ eſſiren.

Ja, das thue ich, entgegnete Johannes, der ſehnlichſt wünſchte, dieſem Geſpräch ein Ende zu machen.

Ich bin ganz zu Ihren Dienſten, mein Herr, antwortete Jener.

Johannes eilte darauf nach dem Gaſthaus zurück, aber die Wunde, die er der Eigenliebe des Nichtswürdigen geſchlagen, war noch nicht geheilt. Dies ſollte er ſpäter gewahr werden. 4

Als Johannes bei der Hausthür anlangte, ſah er mit Erſtaunen, daß der Narr ihm gefolgt war, ohne ein Wort zu ſprechen.

Im Augenblick, wo er über die Schwelle treten wollte, hielt der Greis ihn am Rocke feſt.

Ich möchte gern einige Worte mit Ihnen reden, ſagte er mit einer ſo ernſten Miene, daß man ihn nicht für einen Jrrſinnigen gehalten haben würde.

Was wollt Ihr? fragte Johannes.

Der Greis näherte ſeine Lippen dem Ohre Jo⸗ hannes und flüſterte:

Können Sie mir nicht einen Louisd'er leihen?

In dieſem Augenblicke trat Lardé herzu. Er ſchien ſehr übler Laune zu ſein. Er faßte den Narren höchſt unſanft beim Ohr und ſchrie:

Biſt Du endlich da, Du Tagedieb, Du Faul⸗ lenzer! Du taugſt doch gar nichts auf der Welt!

Johannes erkannte, daß er abermals für den alten Mann werde in die Schranken treten müſſen und rief:

Holla, Meiſter Lardé, weßhalb ſo grimmig?

Vor zwei Stunden hab' ich den Tagedieb aus⸗ geſchickt, um etwas für mich auszurichten, wozu höch⸗ ſtens zehn Minuten erforderlich ſind. Er hat ſicherlich wieder etwas für ſich ſelbſt gethan.

Johannes fand den Augenblick nicht geeignet, um weitere Erklärungen zu verlangen und brach deß⸗ halb das Geſpräch raſch ab mit der Frage:

Iſt das Frühſtück fertig?

Der Tiſch braucht nur noch gedeckt zu werden,

err. · Und mit ſchlecht verhehltem Zorn rief er dreimal ſeine Ehehälfte.

Was gibt's? rief dieſe, zugleich mit dem jungen Reiſenden an das Fenſter tretend.

Wirſt Du bald den Tiſch decken für die Herren!

Ich komme ſchon, erwiederte Frau Lardé.

Der Wirth machte ein verdrießliches Geſicht und

ſagte zu Johannes: