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O. Féré: Der Wahnſinnige. 67
Chehälfte, ein treuherziges Geſchöpf aus der Normandie, ihr Nähzeug nieder und warf einen wohlgefälligen Blick auf den ſchmucken jungen Wanderer.
„Guten Tag, braver Mann! guten Tag, ſchöne Wirthin!“ rief der Letztere mit fröhlichem Tone und erhielt für dieſes Kompliment ein dankbares Kopfnicken von Frau Lardé.
„Heda! Lardél“ befahl dieſe;„nimm den Herren doch ihren Reiſekoffer ab; ſie wollen hier frühſtücken.“
Das Glück thut Wunder bei einem liebenden weiblichen Weſen; das Vertrauen auf ihren Geliebten und die Freude, in ſeiner Nähe zu weilen, hatten das ſonſt wohl fröhliche, aber äußerſt furchtſame Mädchen in einen allerliebſten Kobold verwandelt. Da ſie an ihrer Rolle Vergnügen zu finden begann und ſich in ihrer Verkleidung für ſicher hielt, ſo antwortete ſie mit der größten Munterkeit:
„Man könnte ſich hier aufhalten, nur um Euer reizendes Geſicht anzuſchauen, Frau Wirthin! Zugleich würden wir aber auch ſehr zufrieden ſein, wenn wir ein Pröbchen von der Kochkunſt Meiſter Lardés er⸗ hielten. Nicht wahr, Bruder?“
Johannes gab ein zuſtimmendes Zeichen.
„Wünſchen die Herren ein Zimmer?“
„Ja, Meiſter, ein Zimmer mit zwei Betten.“
„Dann werden die Herren zufrieden ſein,“ ſagte Lardé.„Frau, geh und bringe das Zimmer mit den vier Betten in Ordnung.“
„Wir verlangen ein Zimmer mit zwei Betten,“ wiederholte Johannes.
„Ich habe es wohl gehört,“ verſetzte der Wirth verlegen;„aber zwei oder vier, das iſt einerlei. Außer⸗ dem beſitzen wir nur ein Zimmer mit vier Betten.“
„Ach, geſteh' es nur, daß wir nur ein einziges Zimmer für Fremde haben, daß vier Betten darin ſtehen,“ ſagte die Wirthin, welche die verzweifelten An⸗ ſtrengungen ihres Mannes, dieſes Geſtändniß zu ver⸗ meiden, nicht mehr mit anſehen und anhören konnte.
„Sind denn die andern beiden Betten beſtellt?“ fragte Johannes in ängſtlicher Erwartung.
„Nein, noch nicht,“ erwiederte Lardé,„es wird auch wohl nicht geſchehen, da gegenwärtig wenig Rei⸗ ſende kommen.“
„Wie viel laßt Ihr Euch denn gewöhnlich für jedes Bett bezahlen?“ fragte Johannes.
„Zehn Groſchen.“
„Dann beſtelle ich alle vier Betten.“
Das Geſicht des Wirthes ſtrahlte vor Freude.
„Frau Wirthin, führt uns gütigſt ſogleich in das Zimmer,“ ſagte Johannes,„Ihr, Meiſter Lardé, beſorgt uns raſch das Frühſtück.“
„Für Vier, mein Herr?“ fragte der Wirth, dem der Kopf ſolchen ſplendiden Gäſten gegenüber zu ſchwin⸗ deln begann.
„Folgen Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, meine Herren,“ ſagte ſeine Frau mitleidig die Achſeln zuckend.
In dem Zimmer, in welches die Letztere ihre Gäſte hineinführte, hatten die mit Kalk geweißten Wände ein
ſeltſames Ausſehen. Beim Schornſtein fiel es ſogleich in's Auge, daß dort früher eine Thüre oder ein Fenſter geweſen, welches aus irgend einem Grunde vor Zeiten zugemauert worden war. Inmitten der noch vorhan⸗ denen Vertiefung war das Bild der heiligen Jungfrau mit einem mächtigen Strahlenkranz aufgehängt; ein geweihter Palmenzweig hing über demſelben. Als Jo⸗ hannes dem Gemälde näher trat, las er folgende Worte, welche mit ſchwarzer Kreide darunter geſchrieben waren:
„Heilige Mutter Gottes, gib mir einen Louisd'or für meine Tochter.“
„Achten Sie nicht auf dieſe Poſſen, Herr,“ ſagte die Wirthin,„das hat der Narr geſchrieben.“
„Der Narr?“
„Ja, ein alter Stallknecht, den wir hier im Hauſe haben. Er iſt darauf verſeſſen, jene Worte unter dies Bild zu ſchreiben, welches er hier aufgehängt hat. Zuerſt ließ ich ſie wegwiſchen, aber einige Minuten ſpäter ſtan⸗ den ſie ſchon wieder da, und ſo behielt der alte Narr endlich ſeinen Willen.“
„Das iſt ein ſonderbarer Menſch,“ ſagte Jo⸗ hannes, ohne der Sache weitere Aufmerkſamkeit zu widmen.“
Frau Lardé öffnete das Fenſter, um ihren Gäſten die herrliche Ausſicht zu zeigen. Julius näherte ſich ihr und legte galant ſeinen Arm um ihre Taille.
„Eine prächtige Fernſicht,“ ſagte er, fügte aber mit einem unwiderſtehlichen Blick auf die Wirthin hinzu:„Es iſt jedoch nicht das Schönſte, was man hier erblickt.“
„Ihr Bruder ſpricht ſehr unverſtändlich,“ meinte Frau Lardé, indem ſie ſich zu Johannes wendete, murmelte indeſſen leiſe vor ſich hin:„Aufeſſen könnt' ich den herzigen Jungen!“
In dieſem Augenblicke ließ ſich auf der Straße ein verworrenes Geſchrei von vielen Stimmen ver⸗ nehmen. Johannes trat an's Fenſter und ſah, daß ein Trupp Knaben einen ärmlich gekleideten Mann mit höhnenden Worten und Schimpfreden verfolgte. Es war ein Gemiſch von Lachen, Schreien und Drohungen. Der erſchöpfte alte Mann, der vor den Knaben floh, vermochte dieſen nicht zu entkommen. Etwa dreißig Schritte von dem Gaſthauſe entfernt, ward er einge⸗ holt, umzingelt und von ſeinen unbarmherzigen Feinden hin⸗ und hergeſtoßen und geſchüttelt. Einige Vorüber⸗ gehende warfen einen gleichgiltigen Blick auf dieſe Scene, gleich als ob ſie an dergleichen gewöhnt ſeien, und ſetzten ihren Weg fort. Andere blieben ſtehen und ermuthigten die böſen Buben durch ihr Lachen noch mehr.
Der Greis machte verzweifelte Anſtrengungen, um ſeinen Verfolgern zu entgehen, aber alle ſeine Worte und Geberden dienten nur dazu, um das Toben der Buben zu vermehren.
Ohne etwas von der Sache zu begreifen, flog Johannes in wenigen Sprüngen die Treppe hinab und ſtand im nächſten Augenblick mitten unter dem tobenden Haufen. Er langte dort zugleich mit einem
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