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O. Férê: Der Wahnſinnige.
Geſicht und dunklen Augen. Seine Haltung verrieth Muth und Entſchloſſenheilt.
Der Poſtillon nahm einen Koffer vom Wagen, das einzige Gepäck der beiden Männer, und erhielt ein Trinkgeld, welches nicht gering zu ſein ſchien, denn er konnte nicht Worte genug finden, um ſeinen Dank auszuſprechen.
„Es thut mir wirklich außerordentlich leid,“ ſagte er mit vielen Bücklingen,„daß die Herrſchaft ſelbſt den Koffer tragen will.“
„Gräme Dich nicht darum, mein Junge,“ erwie⸗ derte der Aeltere;„ich werde mit dem Dinge ſchon fertig werden.“
„Wenn die Herrſchaft noch nicht in Havre geweſen iſt, ſo kann ich ein gutes Wirthshaus empfehlen. Es iſt das mit dem Schilde:„Zum goldenen Fuchs'.“
„Unſer Logis iſt beſtellt,“ erwiederte Jener kurz; „man erwartet uns.“
Nachdem der Poſtillon den beiden Reiſenden ein Lebewohl zugerufen, ſtieg er auf den Bock, warf einen verſchmitzten Blick auf den jüngeren, pfiff auf eine Weiſe, wie Jemand, der mehr von einer Sache weiß als er ſagen will, und fuhr denſelben Weg zurück, auf dem er gekommen war.
„Endlich ſind wir ohne Unfall au dem erſten Ruhepunkte angelangt!“ ſagte der ältere Reiſende dem zurückkehrenden Wagen nachſchauend.„Iſt das nicht ein gutes Zeichen? Biſt Du jetzt etwas ruhiger ge⸗ worden?“
Ein anmuthiges Lächeln flog über das Antlitz ſeines Begleiters und ließ zwei Reihen blendend weißer Zähne ſehen. Er antwortete nicht, ſondern näherte ſich, ohne die neugierigen Blicke der Landleute zu beachten, ſeinem Gefährten, und ſtellte ſich auf die Zehen, ſo daß ſeine Stirn ſich in gleicher Höhe mit dem Munde des Letzteren befand. Eben wollte der Letztere einen Kuß auf die Lippen ſeines Begleiters drücken, da gewahrte er die gaffenden Landleute.
„Keine Unbeſonnenheit,“ ſagte er leiſe, und fügte dann ſo laut hinzu, daß es die Neugierigen verſtehen konnten:„Komm, Bruder, das Frühſtück harrt unſer! Laß uns gehen!“
Der Jüngere erröthete, ergriff lachend den Arm ſeines Begleiters und Beide ſchritten raſch der Stadt zu.
Die Luft war rein und die Sonne ſtrahlte glän⸗ zend am tiefblauen Himmel. Es war ein Genuß, den Duft der am Wege wachſenden Blumen einzuathmen und ſich von dem friſchen Seewind umſpielen zu laſſen.
Die Krümmungen des Weges hatten die beiden Wanderer den neugierigen Blicken der Landleute ent⸗ zogen. Weit und breit war Niemand zu ſehen und nir⸗ gends ein menſchlicher Laut zu vernehmen. Auf einem Hügel neben dem Wege hörte man das dumpfe Rau⸗ ſchen des Meeres. Jene verließen den betretenen Weg und ſetzten ſich unter einer dichten Baumgruppe nieder. Das wilde Geisblatt und der Epheu hatten um jeden Zweig ihre grünen duftenden Ranken geſchlungen.
Schweigend blickten die beiden Wanderer eine
lagen in einander und aus ihren Augen leuchtete eine ſtille Seligkeit.*
Plötzlich aber fuhr der Aeltere erſchrocken empor — eine Thräne, die aus dem Auge ſeines Begleiters gefallen war, glühte auf ſeiner Hand. Aengſtlich ſchaute er dieſen an und es war nur allzu wahr, er weinte.
„Armes Kind,“ ſagte er ſchmerzlich,„es wäre beſſer geweſen, wenn Du mir nicht gefolgt wäreſt!“
Bei dieſen Worten zog er ſeine Hand zurück und ſchlug ſich vor die Stirn.
„Vergib mir, mein Freund— es iſt nichts— nichts, ich ſchwöre es Dir. Dieſe Einſamkeit und dieſe tiefe Stille rings um uns her haben traurige Erinne⸗ rungen in mir erweckt— aber ich habe ſie bereits wie⸗ der vergeſſen. O glaube mir, meine Zukunft gehört
Dir— Johannes, ich liebe Dich!“
Nie würde eine Mannesſtimme ſolch' einen Ton voll unausſprechlicher Zärtlichkeit haben finden können, wie er in dieſen Worten lag. Ein männlicher Blick würde niemals ſolch einen Ausdruck warmer, tiefge⸗ fühlter Liebe haben können, wie er aus dieſen klaren blauen Augen leuchtete. So war es denn alſo kein Freund, kein Bruder, welcher in jugendlicher Tracht neben dem Manne mit dem gebräunten Antlitz ſaß: es war das Herz ſeines Herzens, die Seele ſeiner Seele, das Leben ſeines Lebens. Er nahm das liebliche Haupt zwiſchen ſeine Hände und drückte einen feurigen Kuß auf die zarten rothen Lippen.
„Auch ich— auch ich liebe Dich, liebe Juliel' ſagte er, ſtand dann auf und fuhr fort:„Aber komm, laß uns unſern Weg fortſetzen. Vorſicht iſt vor allen Dingen nöthig; ein Wort, ein Zeichen kann uns ver⸗ rathen. Darum hab’ ich denn auch beſchloſſen, falls Du damit zufrieden biſt, die wenigen Tage, die wir in Havre bleiben werden, in einem der geringſten Wirths⸗ häuſer zuzubringen.“
Weile in die ſommerliche Landſchaft hinaus. Ihre Hände
„Alles, was Du thuſt, iſt das Beſte.“
„So denke denn ſtets an Deine Rolle, Bruder Julius,“ fuhr Jener lächelnd fort.„Mache allen ſchönen Frauen den Hof; wenn unſere Wirthin jung und hübſch iſt, kannſt Du gleich bei ihr beginnen.“
Wohlgemuth wanderten ſie weiter und erreichten bald die Stadt. Eines der erſten Häuſer war eine Her⸗ berge; ein Schild über der Thür trug die Inſchrift: „Die Morgenröthe“, über welcher eine aufgehende Sonne ſchwebte, die der Maler mit allen Farben des Regenbogens ausſtaffirt hatte. Darunter las man noch die lockenden Worte:„Lardé, Herberge für Menſchen und Pferde.“
Der vermeintliche Bruder Julius hatte eine ſchelmiſche Miene angenommen. ſo daß ſein Begleiter faſt das Ausſehen eines Geiſtlichen hatte. Er trat keck in das Wirthshaus, gleich als ob er ſein ganzes Leben hindurch in einem Kaffeehauſe Befehle ertheilt habe. Meiſter Lardé war ganz in das Bereiten eines Speck⸗ kuchens vertieft. Beim Eintreten der beiden wohlge⸗ kleideten Fremden ließ er faſt die Hälfte des Teiges ausgleiten. Während er ihnen mit ehrerbietigen Kom⸗ plimenten enigegenging, legte ſeine ſtattliche fröhliche


