Des Leibes Nahrung und Nothdurft. 5⁵
Nichts mehr zu genießen; dagegen kommt Kindern, Weibern und ſchwachen Perſonen, die überhaupt nicht ſo viel auf einmal eſſen, noch eine ſogenannte Veſper zu. Am Abend ſoll man nur leicht verdauliche Speiſen und dieſe einige Stunden vor dem Schlafengehen ge⸗ nießen; friſcher Kaffee und Thee und größere Mengen von ſpirituöſen Flüſſigkeiten ſtören den Schlaf und ver⸗ urſachen Katzenjammer. Die Zwiſchenräume zwiſchen zwei einzelnen Mahlzeiten betragen bei geſunden Men⸗ ſchen am beſten fünf Stunden; ißt man früher wieder, ſo werden durch die neue Zufuhr zu den noch nicht verdauten früheren Speiſen die Verdauungsorgane be⸗ läſtigt; wartet man zu lange bis zur nächſten Mahlzeit, ſo entſteht ein gereizter Zuſtand der Magen⸗Schleim⸗ haut und Hunger, in Folge deſſen man gewöhnlich mehr ißt als dies ſonſt der Fall wäre, und dies iſt ſchädlich. Kinder, Weiber und ſchwächliche Perſonen mögen alle zwei bis vier Stunden Etwas zu ſich nehmen.
Eine jede Mahlzeit gewährt erſt dann den wah⸗ ren Genuß und befördert das Wohl des Körpers und Geiſtes erſt dann vollkommen, wenn ſie bei heitcrer Stimmung, in fröhlicher Geſellſchaft, im traulichen Fa⸗ milienkreiſe ſtattfindet. Wer allein ißt, nimmt die Speiſe gewöhnlich wie mechaniſch und mit ziemlicher Schnelligkeit zu ſich; das Eſſen in Geſellſchaft geſchieht langſamer, die Anfüllung des Magens nicht ſo raſch, und dies iſt für die Verdauung weit zuträglicher. Den geſellſchaftlichen Mahlzeiten, den Tafelfeſten, den Trink⸗ gelagen, den Kaffeekränzchen kommt eine große Bedeu⸗ tung für die Geſundheit und für die geſellſchaftliche Stellung des Menſchen zu, und vorausgeſetzt, daß ſie in den Schranken der Mäßigkeit bleiben, tragen ſie ſehr viel zur Beförderung des leiblichen Wohles und zur Heiterkeit des Gemüthes bei. Selbſt ein zeitweiſer Exceß im Eſſen und Trinken, wenn er ein gewiſſes Maß nicht überſchreitet und ſich nicht zu häufig wiederholt, iſt der Geſundheit eher zuträglich als ſchädlich, weil er die er⸗ ſchlaffenden Wirkungen, wie ſie ein einförmiges Leben und ein maſchinenmäßiges Fortvegetiren bei ſo vielen Menſchen mit ſich bringt, vermindert und aufhebt, weil er auf dieſe Weiſe einen freiern geiſtigen Aufſchwung zur Folge hat und die Entſtehung des traurigen Phili⸗ ſterthums hemmt. Wiederholt muß freilich betont werden, daß ein ſolcher Exceß in den Schranken der Mäßigkeit und unter der Herrſchaft der Vernunft bleibe, ſonſt hat er nur ſchädliche Folgen, denn, wie Vater Ho⸗ mer ſagt,
... die Götter verordneten jeglichen Dinges Maß und Ziel den Menſchen auf nahrungſproſſender Erde.
Die Verhältniſſe des Klima's üben auf die Ver⸗ dauung einen ſehr großen Einfluß aus. Während die Bewohner der Polarzonen die ſtärkſten Verdauungsor⸗ gane haben, beſitzen die der Tropenländer die ſchwäch⸗ ſten. Civiliſirte Menſchen bedürfen weit eher und in weit größeren Maſſen der Würzen und der Gewürze zur Unterſtützung der Verdauung, als es bei wilden Völkern der Fall iſt. Bei den Bewohnern der gemä⸗ ßigten Klimate erreicht die Ernährung den höchſten Punkt ihrer Entfaltung und tritt bei Völkern, welche
Ackerbau und Handel treiben, in ſchärferen Zügen in die Erſcheinung als bei anderen Völkern; namentlich kommt es bei Jägervölkern nie zur außergewöhnlichen Entwicklung, zur Fettbildung. Einen nicht geringeren Einfluß auf die Verdauung hat die Witterung; bei feuchtwarmem Wetter, wo der Luftdruck geringer, iſt auch Appetit und Verdauung gemindert, während das umgekehrte Verhältniß bei trockenem und kaltem Wetter ſtattfindet, wenn der Luftdruck ſtärker iſt. Den Ein⸗ fluß der Tageszeiten kennt man nicht genau, doch ſcheint es, als wenn die Thätigkeit der Verdauungsorgane in den Morgenſtunden nicht ſo groß wäre wie Mittags und Abends, wobei übrigens auch die Gewohnheit eine Rolle mitſpielen mag. Im Sommer iſt der Appetit nach eigentlichen Speiſen geringer, deſto größer aber das Verlangen nach narkotiſchen Genußmitteln, erfri⸗ ſchenden Getränken; das Gegentheil kann man in kal⸗ ten, rauhen, trockenen Wintern wahrnehmen. Die beiden anderen Jahreszeiten bilden den Uebergang. Im Som⸗ mer genieße man mehr Pflanzennahrung und erfri⸗ ſchende Getränke, mouſſirende Waſſer, im Winter da⸗ gegen mehr Fleiſch. Bei großer Hitze, bei dem Ueber⸗ gange aus einer Jahreszeit in die andere, bei verän⸗ derlichem Wetter, namentlich aber zu einer Zeit, wo Seuchen herrſchen oder ſonſt viele Krankheiten vor⸗ kommen, vermeide man auf das ſtrengſte alle Exceſſe. Bei Epidemien behalte man ſeine gewohnte Lebens⸗ weiſe ſtreng bei, wenn dieſe eine geregelte und der Ge⸗ ſundheit gemäß eingerichtet war; im andern Falle ändere man ſie allmälig in eine ſolche.
Einen ſehr bedeutenden Einfluß auf die Verdau⸗ ung übt auch die Beſchäftigung aus. Je weniger Be⸗ wegung, je weniger freie Luft die Beſchäftigung zuläßt, je unnatürlicher die Stellung iſt, welche dabei einge⸗ nommen werden muß, deſto verdaulicher müſſen die Speiſen, deſto einfacher die Mahlzeiten ſein. Auf Reiſen ſoll man ſich an Eſſen und Trinken Nichts ab⸗ gehen laſſen, da dann der Stoffwechſel ſtärker und das Bedürfniß nach Nahrung größer iſt. Selbſt die poli⸗ tiſchen Verhältniſſe ſind nicht ohne Beziehung auf die Ernährung der Individuen, namentlich wenn der Zeit⸗ geiſt wechſelt. In ruhigen Zeiten erſtreckt ſich dieſer Einfluß nur auf die ſogenannten Politiker, denn der Mehrzahl der Menſchen iſt ein lebhafteres Intereſſe an Staatsangelegenheiten fremd. Diejenige Partei, welche durch die Herrſchaft irgend eines politiſchen Syſtems bevorzugt wird, verdaut beſſer und entwickelt einen größeren Appetit als die andere, die nicht ſo gut ge⸗ ſtellt iſt.
Die Nahrungsweiſe, wie ſie im Allgemeinen von geſunden Menſchen geführt wird, kann man als die volle Koſt bezeichnen im Gegenſatze zu der Kranken diät oder der ſchmalen Koſt. Die Diät für Kranke unter⸗ ſcheidet man in die leichte oder entzündungswidrige, in die nahrhafte oder plaſtiſche, und in die Milchdiät. Die letztere beſteht hauptſächlich aus Milch, Fleiſchbrühe, leicht verdaulich zartem Fleiſche, leichten Mehlſpeiſen und Backwerken, und man wendet ſie bei ſchwachen, herabgekommenen Menſchen, in Zehrkrankheiten, bei


