Jahrgang 
1864
Seite
54
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54 Des Leibes Nahrung und Nothdurft.

überall fehlgeſchlagenen Verſuche geiſtlicher und weltlicher Potentaten, den Gebrauch dieſer Genußmittel zu hemmen. Jeder verſtändige Menſchenfreund wird übrigens ſtets mehr nach moraliſchen als nach Gewaltmitteln ſuchen, um die aus derſelben hervorgehenden Ausſchweifungen zu beſeitigen.

Nahrungsmittel und Genußmittel bedingen den eigenthümlichen Charakter eines Volkes. Vergleicht man die Lebensweiſe, die Sitten, die Gebräuche und die Ver⸗ faſſungen der Völker, ſo erkennt man bald die große Bedeutung, welche jenen zuzuſchreiben iſt. Bei der Geburt ſind im Allgemeinen alle Menſchen gleich; die Art und Weiſe der Nahrung ruft die Verſchiedenheit der Ind ividualitäten, der Familien, der Stände, der Völker, der Stämme hervor.Der Thee, ſagt der Verfaſſer,verbunden mit der faſt ausſchließlichen Fleiſchkoſt, macht den Engländer zum kräftigen, berech⸗ nenden, praktiſchen, entſchloſſenen Menſchen, verur⸗ ſacht aber auch, in Verbindung mit den klimatiſchen und geographiſchen Verhältniſſen, jene ſtrenge Orthodoxie, die uns an ihm mißfällt. Der Kaffee läßt den Deut⸗ ſchen als tiefen Denker und ſcharfſinnigen Syſtematiker auftreten und würde auch in politiſch⸗ſocialer Hinſicht vortreffliche Ideen entwickeln helfen, wenn ſeine Wir⸗ kung nicht durch das Bier, die Kartoffeln und die Hül⸗ ſenfrüchte beeinträchtigt würde. Der Wein erzeugt im Südländer jene Lebendigkeit der Phantaſie, welche wir in ihrer künſtleriſchen Kundgebung wahrnehmen. Laßt einen Fürſten hungern, gebt ihm dann ordinäre Spei⸗ ſen und dieſe in kärglichen Maßen, ſo wird ſeine Denk⸗ weiſe der eines Proletariers nahe kommen; der Trieb der Selbſterhaltung und das Gefühl der Knechtſchaft werden ſeine Gedanken beſchäftigen und ihn zu einem andern Menſchen machen. Mit dem Wechſel des Wohn⸗ orts und mit dem Wechſel der Nahrungsmittel verän⸗ dert der Menſch oft ſehr bedeutend ſeinen Charakter. Ein Beiſpiel hierfür iſt der große Unterſchied zwiſchen den europäiſchen und amerikaniſchen Deutſchen.

Nahrhaftigkeit und Verdaulichkeit der Speiſen iſt ein Hauptbedürfniß für die Erhaltung des körperlichen Wohlbefindens. Zu der Verdaulichkeit der Speiſen hat die Kochkunſt, deren Fortſchritt mit dem der Kultur Hand in Hand geht, viel beigetragen. Die meiſten Pflanzenſtoffe haben im rohen Zuſtande weit längere Zeit zu ihrer Verdauung nöthig, als wenn ſie gekocht, gebraten oder geröſtet werden; deshalb genießt der kul⸗ tivirte Menſch ſeine Pflanzennahrung zubereitet. Die rohen Speiſen aus dem Thierreich ſind dem Menſchen nicht ſo ſchmackhaft, als wenn ſie durch Feuer und Waſ⸗ ſer, durch Gewürze und Würzen verändert ſind. Das weiß der Menſch ſchon auf der unterſten Stufe der Bildung; ja ſelbſt der völlig Wilde bereitet ſeine Speiſe zu. Rohe thieriſche Nahrung verwildert das Gemüth des Menſchen, regt ſeine natürlichen Triebe und Leiden⸗ ſchaften an und ſteigert ſie bis zum Blutdurſt. Die Kochkunſt liefert viele Produkte, um ſo mehr, je gebil⸗ deter ein Volk oder ein Stand iſt. Der kurmainziſche Mundkoch Max Rumpoldt lehrte ſchon gegen das Ende des 16. Jahrhunderts 63 Arten von Suppen zu berei⸗

ten, und das im Anfange des 18. Jahrhunderts er⸗ ſchienene Salzburgiſche Kochbuch gibt die Bereitungs⸗ weiſe von 281 Fleiſchſuppen und 163 Faſtenſuppen an. Die Saucen ſcheinen in Frankreich erfunden zu ſein. Die Backwerke waren ſchon im Alterthum be⸗ kannt, doch iſt die Kunſt, ſie recht fein und ſchmackhaft herzuſtellen, eine Erfindung des 15. Jahrhunderts. Die Gemüſe man ſchon in den früheſten Zeiten, jetzt werden dieſelben in den mannigfachſten Formen und Zubereitungen von den verſchiedenen Ständen genoſſen. Ein Menſch, der blos Gemüſe ißt, muß in der gemä⸗ ßigten Zone verkümmern; mit Fleiſchſpeiſen zuſammen benutzt, bilden die Gemüſe eine ſehr geſunde Nahrung. Die aus Italien ſtammenden Salate ſind in der Regel nicht als nährende, ſondern als erfriſchende Speiſen anzuſehen. Das Fleiſch wird auf mannigfache Art zu⸗ bereitet, wer geſund iſt und viel arbeitet, für den ſind die durch Braten und Röſten gewonnenen Zubereitun⸗ gen die geeignetſten.

Das Bedürfniß, Speiſe und Getränke aufzuneh⸗ men, alſo der Appetit, der Hunger und Durſt, macht ſich bei geſunden Menſchen täglich mehrmals geltend und muß, wenn die Geſundheit erhalten werden ſoll, ſtets befriedigt werden. Das Frühſtück iſt für geſunde Men⸗ ſchen nicht zu entbehren, da es ſowohl dadurch, daß man des Morgens nüchtern iſt, als dadurch, daß man den Tag über arbeiten muß, nöthig wird. Für Leute, welche mehr geiſtig als körperlich beſchäftigt ſind, paſſen Subſtanzen, die leicht zu verdauen ſind oder gelind anregen, am meiſten; wer aber ſchwer arbeiten muß, nimmt am beſten nahrhafte Stoffe zu ſich. Man ge⸗ nieße das Frühſtück, nachdem man aus dem Bette auf⸗ geſtanden iſt; es iſt nicht gut, nüchtern an die Arbeit zu gehen. Zum Mittagseſſen ſcheinen die Stunden von 11 bis 2 Uhr die paſſendſten zu ſein. Es iſt dabei ſehr wichtig, mit den Speiſen zu wechſeln und täglich etwas Anderes zu eſſen, da der beſtändige Genuß der⸗ ſelben Koſt ſehr leicht Krankheiten verurſacht. Geiſtige Getränke, in größerer Menge während des Eſſens ge⸗ trunken, bewirken, daß die Eiweißkörper der Speiſen gerinnen, und ſtören auf ſolche Weiſe die Verdauung;

es iſt ſonach beſſer, ſie nach der Mahlzeit, doch ſtets mit

Mäßigkeit zu ſich zu nehmen. Wer längere Zeit nach dem Eſſen Nichts zu ſich nimmt, dem ſind die Spiri⸗ tuoſa zu empfehlen, da ſie das Bedürfniß nach Nah⸗ rungsaufnahme beſchränken. Aufgewärmte Speiſen verdauen ſich nicht ſo gut wie friſche.

Es iſt gut, einige Zeit vor der Mahlzeit körper⸗ liche und geiſtige Arbeiten zu unterlaſſen und bei voll⸗ ſtändiger Gemüthsruhe zu eſſen. Beim Mahle ſelbſt muß die Kleidung loſe und bequem ſein; enge Schnür⸗ leiber, eng anliegende Kravatten und Röcke, feſtgeſchnallte Hoſen-können viel Schaden bringen. Nach dem Eſſen gönne man ſich einige Zeit Ruhe; der Mittagsſchlaf paßt für Kinder, ſchwächliche Perſonen und Greiſe, für geſunde und kräftige Menſchen iſt er nicht nöthig, vielleicht ſogar gefährlich. Eine nicht zu ſtarke Taſſe Kaffee nach dem Eſſen, ſo wie eine Cigarre iſt angenehm und un⸗ ſchädlich. Männer brauchen vom Mittag bis zum Abend