Des Leibes Nahrung und Nothdurft. 53
wie ſie es zu jener geiſtigen Entwicklung brachten, welche man immer bewundern wird. Das Hauptlaſter der alten Deutſchen war die Trunkenheit; von ihrer ſonſtigen ein⸗ fachen Lebensweiſe legen die römiſchen Schriftſteller ſehr günſtige Zeugniſſe ab. Nach dem Untergange des römi⸗ ſchen Reiches war die Nahrungsweiſe der Abendländer im Mittelalter bis in das dreizehnte Jahrhundert eine höchſt einfache; dann fing die Küche wieder an ſich zu ver⸗ feinern und Unmäßigkeit und Schwelgerei nahmen wie⸗ der überhand. Aber alle die vielen Verordnungen, welche Kaiſer, Könige, Päpſte, Fürſten, Stadtmagiſtrate ec. gegen Unmäßigkeit und Trunkſucht erließen, haben dieſe Laſter nur wenig beſchränkt. Es war ein zu tiefer Krebs⸗ ſchaden der menſchlichen Geſellſchaft, welcher nur langſam im Verlaufe der Jahrhunderte durch Aufklärung, durch die Wiſſenſchaft, durch allgemeine Volksbildung geheilt werden kann.
Wie viel Nahrungsmittel vom Körper täglich auf⸗ genommen werden müſſen, damit er ſeine Geſundheit und Kraft erhalte, läßt ſich nicht genau angeben und noch weniger in beſtimmten Zahlen ausdrücken, da die täglich aufzunehmende Menge je nach der Individualität, Be⸗ ſchäftigung, Gewohnheit, Witterung ꝛc. ſehr bedeutenden Schwankungen unterworfen iſt. Man hat die abſolute Menge der Nahrungsmittel, welche zur Erhaltung der Geſundheit und des Lebens durchaus nothwendig iſt, an⸗ nähernd beſtimmt, indem man den Stoffverluſt als Maß annahm. Man hat nämlich gefunden, daß der tägliche Verluſt an Stoff bei Inanitionsverſuchen, d. h. bei Ver⸗ ſuchen mit Thieren, die man zu Tode hungern ließ, vier Procent des Körpergewichts ausmacht, und nimmt dem⸗ gemäß den fünfundzwanzigſten Theil des Körpergewichts als die geringſte Menge von Nahrung an, mit welcher ein Menſch zu beſtehen vermag. Ein Individuum alſo, welches hundertfünfzig Pfund wiegt, hätte zu ſeiner Er⸗ haltung täglich ſechs Pfund Nahrungsmittel, das Waſſer mitgerechnet, nöthig. Dieſe Berechnung dürfte indeß nur richtig ſein für den Fall, daß der Menſch ein gewiſſes durchſchnittliches tägliches Maß von Arbeit lieferte, daß er ſeinen Körper in normaler Weiſe konſumirte.
Der ausſchließliche Genuß von Pflanzennahrung iſt ebenſo nachtheilig für den Körper, wie der ausſchließ⸗ liche Genuß thieriſcher Nahrung; erſterer erſtreckt ſeine ſchädliche Wirkung meiſt auf die Verdauungs⸗ letzterer auf die Ernährungsorgane. Man hat behauptet, daß ein Volk, welches vorzugsweiſe thieriſche Koſt genießt, kräftiger, kühner, dabei aber auch leidenſchaftlicher und unlenkſamer werde, daß es ſich überhaupt leiblich und geiſtig beſſer entwickle als ein ſolches, welches faſt nur von Pflanzenkoſt lebt. So allgemein ausgeſprochen iſt dieſe Anſicht jedenfalls nicht richtig, denn man vergißt dabei, daß die erſte Bedingung für das leibliche und geiſtige Wohlbehagen nicht ſo ſehr die große Nahrhaf⸗ tigkeit der Speiſen, als vielmehr der Umſtand iſt, daß dieſelben den beſonderen, vor allen Dingen ſich nach dem Klima und den Beſchäftigungen richtenden Bedürfniſſen des Körpers vollkommen angepaßt ſind. Im Winter und in kalten Gegenden hat man bei harter Arbeit eine ſehr reichliche und ſubſtantielle, daher durchaus thieriſche
Koſt nöthig, während der Bewohner der heißen Zone dieſelbe Arbeit mit einer geringen Menge vegetabiliſcher Nahrung ausführt. Der von der Natur ſo ſehr bevor⸗ zugte Europäer iſt auch in Rückſicht auf ſeine Pflanzen⸗ nahrung inſofern günſtiger geſtellt als die übrigen Be⸗ wohner der Erde, da ſeine Getreidearten bei gehöriger Zubereitung viel verdaulicher und zugleich viel nahrhaf⸗ ter ſind als die Pflanzenkoſt des Amerikaners, der Mais oder die Hirſe des Afrikaners und ſelbſt der Reis des Aſiaten, weil alle dieſe in verhältnißmäßig größerer Menge verzehrt werden müſſen und deshalb nicht ſo vortheilhaft auf das Wohl des Körpers und des Geiſtes wirken.
Indem der Menſch ſeinen natürlichen Bedürfniſſen und Neigungen gemäß lebt, hat er mehrere Stadien zu durchlaufen. Zunächſt muß er dem natürlichen Bedürf⸗ niſſe genügen, und dafür ſind Fleiſch und Brod die Mittel, durch welche in allen Ländern der Erde dieſem Zwecke entſprochen wird. Sodann hat der Menſch ſich durch Benutzung der Gewürze und beſonders des Kaffees, des Thee's und der Chokolade Stoffe verſchafft, durch welche er die Thätigkeit des Nervenſyſtems erhöht und in den Stand geſetzt wird, bei einer gleichen Nahrungs⸗ menge größere körperliche und geiſtige Anſtrengungen zu ertragen. Die Liebe zu dieſen warmen Getränken findet ſich in den nördlichſten Gegenden und in den rau⸗ heſten Klimaten ganz ebenſo wie in den Tropenländern. Auch Europa hat ſich ſein Lieblingsgetränk erwählt: Spanien und Italien trinken vorzugsweiſe Chokolade, Frankreich, Deutſchland, Schweden und die Türkei haben beſondere Neigung zum Kaffee, Rußland, Holland und England ziehen den Thee vor. Ueberall ſind Getränke, welche nicht berauſchen und nicht betäuben, im allgemei⸗ nen Gebrauche, unter Stämmen von jeder Farbe, unter jeder Sonne, in jeder Lage des Lebens, und es iſt alſo wohl anzunehmen, daß dieſe Gewohnheit einem allge⸗ meinen Bedürfniß unſerer armen menſchlichen Natur entſpricht. Weiter aber ſucht der Menſch die Sorgen, die ihn mitunter quälen, zu mindern und ſich unange⸗ nehme Empfindungen und Erwägungen fern zu halten, und dann greift er zu gegohrenen Flüſſigkeiten, durch deren Alkohol er des Lebens Mühen und Qualen zu vergeſſen ſtrebt Alle Menſchenragen ohne Ausnahme haben, man kann ſagen: durch Inſtinkt, die Kunſt er⸗ langt, gegohrene Getränke darzuſtellen, und verſchaffen ſich die Freuden und die Leiden des Rauſches. Endlich aber ſucht der Menſch ſeine leiblichen und geiſtigen Ge⸗ nüſſe zu vermehren und zu gewiſſen Zeiten zu erhöhen, und dies erreicht er durch narkotiſche Genußmittel. Wäh⸗ rend die durch Gährung gewonnenen Getränke den näm⸗ lichen wirkſamen Beſtandtheil enthalten, hat jedes nar⸗ kotiſche Genußmittel ſeinen beſonderen eigenthümlichen Stoff und ſeine beſondere eigenthümliche Wirkung. Von Anfang an weit davon entfernt, Bedürfniß zu ſein, ſind alle dieſe Genußmittel allmälig zu einem ſolchen ge⸗ worden, nicht nur weil eine üble Gewohnheit die Men˖ ſchen zu ihrem Gebrauche veranlaßte, ſondern weil die immer fortſchreitende Kultur die mächtige Triebfeder war und ſtets ſein wird. Ein Beweis dafür ſind die


