Jahrgang 
1864
Seite
52
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52 Des Leibes Nahrung und Nothdurft.

vollkommenes Erzeugniß der Stoffe ſei, aus denen er beſteht, ein chemiſches Produkt im ſtrengſten Sinne des Wortes, und daß nicht nur ein Stoffwechſel im Men⸗ ſchen vorgehe, ſondern daß die ganze Perſon ſelbſt dieſer Stoffwechſel ſein ſoll, wie Moleſchott will, hat mehr Anhänger gefunden, als es gewiſſen, in ihrem wiſſenſchaftlichen Stillleben dadurch arg geſtörten Krei⸗ ſen lieb ſein konnte. Selbſtverſtändlich erſcheint allen Anhängern dieſer neuen Richtung die Lehre von den Nahrungsmitteln einerſeits als die gründlichſte Vorbe⸗ reitungswiſſenſchaft für eine zukünftige Anthropologie, andererſeits als ein im Intereſſe des Gemeinwohles und der geſammten Kultur mit Eifer und Sorgfalt zu pflegender Gegenſtand, und ſo iſt denn in einem ver⸗ hältnißmäßig kurzen Zeitraum eine dieſes Gebiet behan⸗ delnde Literatur heraufgewachſen, welche theils die wiſ⸗ ſenſchaftliche Ausbildung des Syſtems, theils die Popu⸗ lariſirung der Ergebniſſe jener Forſchungen zum Zwecke der unmittelbaren praktiſchen Anwendung ſich zur Auf⸗ gabe ſetzt. Eines der neueſten Erzeugniſſe der letzteren Gattung iſt:Die Lehre von der Geſundheit und Krankheit des Menſchen, ein auf vier Bände berech⸗ netes Werk aus der Feder des Dr. K. Piſtor in Lobbe⸗ rich bei Elberfeld, von welchem die beiden erſten Bände ſoeben(Leipzig, Voigt und Günther) erſchienen ſind. Dasſelbe handelt, wie ſchon ſein Titel beſagt, nicht aus⸗ ſchließlich von den Nahrungsmitteln, doch beſchäftigt ſich der weitaus größte Theil der beiden Bände mit dieſem Thema in deſſen weiteſtem Sinne. Die Darſtellung, deren ſich der Verfaſſer befleißigt hat, iſt eine wahrhaft volksthümliche, allgemein verſtändliche, unterhaltende und gewinnende, und wir möchten dem Buche, wenn es erſt in weiteren Kreiſen Eingang gefunden, eine ſehr ſchöne Zukunft prophezeien. Als eine Probe ſeines In halts geben wir im Nachſtehenden einen gedrängten Ueberblick über dieAllgemeinen Bemerkungen, welche dem Kapitel von den Genußmitteln angehängt ſind. Soll der menſchliche Organismus in ſeiner natur⸗ gemäßen Weiſe fortbeſtehen, ſo iſt ein beſtimmtes Maß von Nahrungsmitteln in der gehörigen Zuſammen⸗ ſetzung der Nährſtoffe ihm unentbehrlich. Zu kleine Speiſemengen wirken zuletzt ſehr ſchädlich auf den gan⸗ zen Menſchen ein, die Entziehung aller Nahrungsmittel hat die gänzliche Vernichtung des Organismus zur Folge. Es iſt noch nicht genau ermittelt, in welcher Zeit bei Menſchen durch Entziehung der feſten ſowohl wie flüſſigen Nahrungsmittel der Tod eintritt. Im Jahre 1832 lebte ein zum Tode verurtheilter Verbrecher zu Toulouſe, der lieber Hungers als auf dem Schaffot ſterben wollte, ohne alle Speiſe und bei ausſchließlichem Waſſergenuß dreiundſechzig Tage lang. In der Regel werden drei Wochen als die Zeit angenommen, nach deren Ablauf Menſchen, welche ſich aller Speiſen ent⸗ hielten und nur Waſſer tranken, den Tod erlitten, wäh⸗ rend ſolche, die ſich aller Nahrung und auch des Waſ⸗ ſers enthielten, ſchon nach zehn bis vierzehn Tagen unterlegen ſein ſollen. Dies gilt jedoch nur von geſunden Menſchen; Kranke, namentlich Geiſteskranke, können un⸗

Nahrung beſtehen.Von keinem Gefühle, ſagt Mole⸗ ſchott,wird die Macht des Geiſtes trauriger beſiegt, als von dem des Hungers. Der Hunger verödet Kopf und Herz. Obgleich das Nahrungsbedürfniß während geiſtiger Aufregung in überraſchender Weiſe geſchmälert werden kann, iſt doch dem beſeligenden Gefühl einer lebendigen Gedankenwelt kein ſchlimmerer Feind erwach⸗ ſen als die Entbehrung von Trank und Speiſe. Und darum fühlt der Hungernde jeden Druck mit Centner⸗ ſchwere. Darum hat der Hunger mehr Empörungen verwirklicht, als der Ehrgeiz unzufriedener Köpfe. Wie die zeitweiſe Entziehung der erforderlichen Nahrungs⸗ mittelmenge in Folge von Theuerung und Mißwachs auf das Volk wirkt, darüber belehrt uns die Geſchichte hin⸗ reichend. Seuchen, namentlich der ſogenannte Hunger⸗ typhus, Empörungen, Tumulte, Revolutionen ſind die Folgen, Kunſt, Wiſſenſchaft, Handel und Gewerbe werden vernachläſſigt, während der vom Hunger gedrängte und hervorgerufene Geiſt des Umſturzes, der Zerſtörung und des Kommunismus hoch ſeine Fahne ſchwingt.

Ebenſo wie durch eine zu geringe Zufuhr von Speiſen und Getränken, erkrankt der Körper auch durch eine verhältnißmäßig zu große. Werden große Mengen von Speiſen wiederholt aufgenommen, ſo gewöhnt ſich zwar der Körper in den meiſten Fällen daran, aber der Magen wird durch die beſtändige große Ausdehnung in ſeiner Funktion geſtört und zu verſchiedenen Krank⸗ heiten disponirt. Treten dieſe nicht ein, ſo dehnt ſich der Magen immer mehr aus; es entſteht ein Bedürfniß, immer mehr Speiſen einzunehmen, und ſo kommt es zu Vielfreſſerei, Freßſucht, Wolfshunger, Polyphegie. Solche Vielfreſſer begnügen ſich nicht mit gewöhnlichen Nahrungsmitteln, ſondern verſchlingen auch mitunter gar nicht eßbare, ekelhafte Dinge: lebendige Sperlinge, Mäuſe und andere Thiere, ſowie Holz, Glas, Steine und dergleichen. Uebrigens ſind, je nach der Verſchie⸗ denheit des Individuums, auch die Folgen der Vielſreſ⸗ ſerei verſchieden. Einige Vielfraße leben ohne irgend eine Störung ihrer Geſundheit, ohne beſonders beleibt oder mager zu werden, und erreichen ein hohes Alter; andere werden fett und bekommen mancherlei Krankhei⸗ ten. Geſchlecht, Alter, Temperament, Beſchäftigung und viele andere Umſtände modificiren die Folgen der Viel⸗ eſſerei bedeutend.

In der Geſchichte der Staaten und Nationen ſpielt die Unmäßigkeit eine Hauptrolle; zahlreiche Beiſpiele lehren, daß Völker ſich durch dieſelbe ihren Untergang be⸗ reitet haben. Die Geſchichte der Römer, wie ſie von der einfachſten, geſundeſten Lebensart ihre Hauptſpeiſe war Jahrhunderte lang eine Art Mehlbrei durch ihre Bekanntſchaft mit anderen Völkern, die durch Verweich⸗ lichung ſchon die hinlängliche Reife zu ihrer Unterjochung erhalten hatten, und durch das berauſchende Gefühl ihrer Größe und ihres Reichthums zu den größten Aus⸗

ſchweifungen im Eſſen und Trinken gebracht und ſo.

gleichſam zu ihrem Sturze vorbereitet wurden, iſt die Geſchichte aller erloſchenen großen Reiche. Die alten Griechen hingegen zeichneten ſich im erſten Zeitalter durch

glaublich lange Zeit hindurch mit einem Minimum von große Mäßigkeit aus, und es iſt daher leicht einzuſehen,