Jahrgang 
1864
Seite
51
Einzelbild herunterladen

Des Leibes Nahrung und Nothdurft. 51

und die Liebenden erfreuten ſich eines Zuſammenſeins, das freilich nur von kurzer Dauer ſein konnte, da Martin ſeine Abreiſe nach Zürich nun nicht länger mehr verzögern durfte. Er mußte ſie in einer troſtloſen Lage in Biberach zurücklaſſen, da er zu irgend einer An⸗ ſtellung keine nahe Ausſicht hatte. Sophie blickte oft mit Sehnſucht nach den Schweizergebirgen hinüber, hinter denen jetzt ihr ganzes Glück wohnte. Sie ſchrie⸗ ben ſich wieder fleißig, und ſie hörte mit großer Theil⸗ nahme zu, wenn ihr Reiſende von dem Glück erzählten, das ihr Martin in Zürich in Bodmers Hauſe genieße und welche Ehren er ernte. Es war ein Sonnenſtrahl der Freude, der in ihre Einſamkeit und Verlaſſenheit drang, als ein Vetter der Familie, der den jungen Wieland in Zürich aufgeſucht hatte, nach Biberach kam und ihr viel von ihm erzählen konnte, und ſie nahm gern ſeine wiederholten Beſuche an. Martins Mutter aber, die ſchon früher eiferſüchtig auf des Sohnes Liebe zu Sophien geweſen, deutete dieſe Beſuche in ſchlimmer Weiſe und ſchien Martins Eiferſucht erregen zu wollen. Von allen Seiten ſah ſich jetzt das arme Mädchen in ihrer Liebe bedrängt. Der Vater ſchalt ſie, der Geliebte kränkte ſie durch Verdacht. Und ſchon jetzt mochte ſie Wielands ſchwankenden und wechſelnden, weiberhaften Charakter erkennen, den er ſpäter in der Literatur wie in ſeinen mannigfachen Liebesabenteuern hinlänglich bewieſen hat. Beſaß er auch Kraft und Entſchloſſen⸗ heit genug, ſie aus den unſeligen Verhältniſſen zu be⸗ freien und eine Verbindung mit ihr durchzuſetzen? Und der Ruhm, die Anerkennung und die Freundſchaft, die er jetzt in Zürich genoß, waren ſie nicht gefährliche Nebenbuhler der Liebe? Außerdem welche Ausſicht auf die Zukunft konnte ihr der junge Student ohne Ver⸗ mögen eröffnen, zumal ſie ſelbſt durch eine zweite Heirat in ihrem Vermögen beträchtlich geſchmälert war? Dies Alles erwägend, als ſier Martin ſchon mehrere Wochen auf einen Brief hatte warten laſſen, beſchloß ſie, zum zweiten Male ihren ſüßeſten Lebens⸗ hoffnungen zu entſagen und kündigte ihm das Ver⸗ hältniß auf, nicht ohne ſchmerzliche Klage, daß er es ſei, der das Band zerriſſen habe. Auch ihrer Stief⸗ mutter in Augsburg meldete ſie den Vorgang und kündigte zugleich ihre Rückkehr in das elterliche Haus an. Hier wurde ſie von dieſer, mit der ſie auf keinem guten Fuße ſtand, mit Kälte, von dem Vater mit Un⸗ zufriedenheit empfangen. Man hätte ſie gern los ge⸗ habt, zumal noch drei Kinder außer ihr im Hauſe lebten. Du mußt heiraten! ſagte täglich der Vater;Du mußt heiraten! wiederholte noch dringender die Stiefmutter. Als daher in dieſer Zeit der kurmainziſche Hofrath von La Roche um ihre Hand anhielt, war er den Eltern ein höchſt willkommener Bräutigam, und auch Sophie vertraute ihm willig ihr künftiges Schickſal an, in der Hoffnung, mehr einen Beſchützer und Erretter denn einen geliebten Gatten in ihm zu finden.

Martin, der nicht geantwortet hatte, auch nicht hatte antworten können, da ihm Sophiens Brief nicht zugegangen war, hatte unterdeß von allen dieſen Vor⸗ gängen keine Ahnung. Vom September an hatte er

vergebens auf einen Brief von Sophien gewartet. Indeß war er weit entfernt geweſen, hiervon eine nahe drohende Gefahr für ſeine Liebe zu beſorgen; im Gegentheil, dieſe Verzögerung erweckte die freudige Hoffnung in ihm, daß noch Alles den Wünſchen ſeines Herzens gemäß ſich enden würde.

Man denke ſich nun ſeine Ueberraſchung, als ihm eines Tages im December jener Brief Sophiens an ihre Stiefmutter von dieſer ihm zugeht, zugleich mit der Nachricht, daß Sophie dem Herrn von La Roche ihre Hand geben würde. In der erſten Wuth des Schmerzes ſchleuderte er Sophiens Bild zur Erde, daß das Glas in tauſend Stücke zerſprang. Doch am andern Morgen hatte ſich ſeine Heftigkeit gelegt, ein neues Gefühl von Hoffnung wandelte ihn an, und unter heißen Thränen erſetzte er das zerſchmetterte Glas durch ein neues. Acht Tage darauf geht ihm ſehr verſpätet Sophiens eigener Abſagebrief zu, aus dem ihm der ſeltſame Zuſammenſtoß von all den Widerwärtigkeiten, die das ſchöne Liebesband zerriſſen, endlich klar werden ſollte.

Martin, der ſo ganz in dieſer Liebe gelebt, litt un⸗ endlich. Er ſprach indeſſen Sophien von aller Schuld frei und machte ſich ſelbſt als der alleinigen, wiewohl unſchuldigen Urſache die bitterſten Vorwürfe. Als er wieder Faſſung gewonnen, richtete er einige verſöhnliche Zeilen an die Geliebte, wünſchte ihr viel Glück zu ihrer Verbindung und ſprach die Hoffnung aus, daß das zarte Seelenband, daß ſie bisher umſchlungen, durch ihre Ver⸗ mälung nicht aufgelöſt würde. Er würde ihre zärtliche Seele ewig lieben; den Beſitz ihres Herzens, nicht ihrer Perſon, ihre Sympathien mit den ſeinigen habe er für ſeine ſüßeſte Glückſeligkeit gehalten. Eine andere Welt werde ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen.

Dort trennt kein Schickſal mehr die Seelen,

Die Du einander, Natur, beſtimmteſt!

Sophie theilte dieſen Brief ihrem künftigen Gatten mit, und dieſer ſchrieb bald nach ſeiner Verbindung in liebevollſter Weiſe an ihn, worauf ihm Martin nicht minder warm und hingebend antwortete. Namentlich ſprach er ſeine herzliche Freude darüber aus, daß ſeine Sophie, dieſes außerordentlich werthe Geſchöpf, an einen ſo edelmüthigen und ſeinen Werth ſo gut empfindenden Beſitzer gekommen ſei.

(Schluß folgt.)

Des Leibes Nahrung und Nothdurft. ſhe noch nie iſt der Geſundheitslehre, und ſpeciell

der Lehre von der rechten Ernährung des Kör⸗

pers als dem beſten Mittel zur Verſchönerung des Lebens und zur Verhütung mannigfacher Uebel, von Seiten der ſtrengen Wiſſenſchaft wie der praktiſchen Erfahrung eine ſo eingehende Aufmerkſamkeit gewidmet worden, wie in unſerer Gegen⸗ wart. DerStoffwechſel hat eine Bedeutung erlangt, welche den Verehrern der abſtrakten Spekulation Schau⸗ der einflößt, und der Grundſatz, daß der Menſch ein

7*