Es war die Zeit der Empfindſamkeit, wo man für Freundſchaft, Religion und Tugend ſchwärmte, wo die Richardſon'ſchen Romane mit der heldenhaften Tugend ihrer Frauencharaktere und Klopſtocks Dich⸗ tungen alle Herzen entzündeten. Der junge Wieland verabſcheute damals noch Voltaire und ſeine Genoſſen als„boshaftige Esprits forts“ und ſtimmte mit voller Seele in dieſe Richtung ein. Er las daher mit ſeiner gefühlvollen Freundin die Klopſtockſchen Dichtungen und ſah ſie bei jener rührenden Schilderung der vom Tod erweckten Liebenden Semeda und Cidli, in welcher ſich nicht reiner und religiöſer die innigſte Liebe offen⸗ baren kann, in welcher der edle Klopſtock die Liebe in überirdiſcher Verklärung dargeſtellt hat, aus ſanfter Rührung ſo ſchön weinen, wie Cidli weinte.
Der Umgang mit Sophien machte den jungen Wieland zu einem ganz andern Menſchen. Die Liebe bewährte auch bei ihm reinigende und veredelnde Wir⸗ kung. Alles Widerſtrebende und Zerſtreute, was ihm durch Kopf und Herz gegangen, vereinte ſich in ihm zu ſchöner Harmonie, alles dunkel Gährende und Drän⸗ gende in ihm gewann Geſtalt und Stimme, und mit Wonnegefühl ſah ihn Sophie unter dem Einfluß ihrer Liebe zum Dichter werden. Sie hatte, obwohl nur zwei Jahre älter, als Mädchen viel vor dem Jüngling voraus. Dazu hatte ſie durch mancherlei Prüfungen und Schickſale Weltbildung und innere Haltung ge⸗ wonnen, ihr Charakter eine ſeltene Feſtigkeit erlangt, was aber, auf der Baſis tugendhafter Geſinnung ruhend und durch Anmuth auf das Lieblichſte gemildert, ihrer Weiblichkeit durchaus keinen Eintrag that. Dadurch übte ſie auf Martin einen imponirenden Einfluß und gewann ſeine Bewunderung. Aber auch ſeine Zärt⸗ lichkeit wuchs von Tage zu Tage, und es kam endlich ſo weit, daß ſich das junge Paar einander verſprach, die Eltern mußten es erfahren und geſchehen laſſen, was ſie nun einmal nicht ändern konnten. Freilich hatte der Gedanke an eine Verbindung, der ſich ſo manche Hinderniſſe entgegenſtellten, ſein Beklemmen⸗ des. Namentlich Sophie täuſchte ſich hierüber nicht, und Martins Mutter war öfter Zeugin ihres desfall⸗ ſigen Kummers. Aber einſtweilen war die Gegenwart zu ſchön, und man gab ſich ihr mit voller Seele hin.
Vier Sommermonate waren dem zärtlichen Paare im Cötterſtande der erſten Liebe wie ein ſchöner Traum verfloſſen, der Herbſt war gekommen und die Blätter fielen. Da mußte Martin die Heimat verlaſſen, um nach des Vaters Willen in Tübingen die Rechte zu ſtudiren. Es gab einen ſchweren Abſchied. Sophiens Bild begleitete Martin, und auch in der Ferne richtete er all ſein Sehnen und Denken auf die zurückgelaſſene Geliebte. Seine meiſte Zeit widmete er der Poeſie, und Sophie war das Ideal, für welches ſeine dichteriſche Seele lebte. So beſang er in dem ſchönen Lobge⸗ ſang auf die Liebe, in dem„Frühling“, in dem Lehrgedicht„Anti⸗Ovid“ ſeine ſchäferliche Liebe zur göttlichen Doris, zur Serena und Diotima, unter welchen Namen die Geliebte erſcheint. Ein leiſer elegi⸗
Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe.
ſcher Anklang, eine in der Liebe großartige Geſinnung
weht in dieſen Geſängen. Klopſtocks hehres Muſter, der ja auch eine Fanny verehrte, hatte in dem leicht empfänglichen Gemüthe des jungen Dichters, welcher fühlen und ſchreiben konnte:„Die echte Schönheit iſt nur reinen Augen ſchön,“ und der in ſeiner Sophie dieſe echte Schönheit erblickte, einen fruchtbaren Boden gefunden. Auch ſeine zehn moraliſchen Briefe“ richtete er ſämmtlich an die Geliebte. Ueberſchwäng⸗ liche Briefe, freilich über Zopf und Reifrock der da⸗ maligen Zeit geſpannt, franzöſiſche und deutſche, flogen von der württembergiſchen Univerſitätsſtadt herüber und hinüber. Noch mehr aber als dieſe Briefe offenbart die folgende, der Geliebten überſandte Ode das zärlich liebende Herz des jungen Dichters und den Charakter der Empfindſamkeitsperiode:
„Engliſche Sophie, mein Herz, mein Licht,
Du biſt ſelbſt, ja Du biſt ſelbſt die Tugend;
Aus der Anmuth aufgeblühter Jugend
Reizt ſie ſelbſt in Dir ein klug' Geſicht.
O wie ſtrahlt aus Deinen ſchönen Blicken,
Wo mit weiſem Ernſt ſich Anmuth paart,
Eine Seele von Seraph'ſcher Art,
Fähig mehr als Weiſe zu entzücken!
Doch Dein Mund, Dein liebenswerther Mund, Nicht nur ſchön, wenn ihn die Küſſe ſchließen, Auch wenn kluge Worte von ihm fließen, Macht noch mehr als Deine Augen kund.
Und Dein Brief, in dem Dein Herz ſich malet, O wie ſanft erquickt er meine Bruſt!
O wie ſchwimmt ſie in äther'ſcher Luſt!
Die mir reichlich Schmerz und Leid bezahlet.
Dich Sophie, Dich gab der Himmel mir,
Mich der Tugend liebreich hinzuführen;
Ja, ich war bereit mich zu verlieren.
Gott! Du ſaheſt es, und gabſt ſie mir!
Jetzo dring' ich ſicher durch verwachſ'ne Hecken,
Denn ihr redlich Herz verläßt mich nie;
Gott und Weisheit, Tugend und Sophie
Sind bei mir, welch' Unfall kann mich ſchrecken?“
Nach einem zweijährigen Aufenthalte in Tübingen
kehrte Martin im Juni 1752 in das elterliche Haus zurück. Bodmer, der damals im Süden die jungen Dichter um ſich ſammelte, wie Gleim im Norden, hatte ihn, in dem er einen zweiten Klopſtock erblickte, „Ein Orakel des Alters ſchon in der Blüthe der Jahre“ zu ſich nach Zürich eingeladen. Vor ſeiner Abreiſe dort⸗ hin wollte er aber ſeine Sophie noch ſehen. Aber als er unter das väterliche Dach trat, die Lahedher zu umarmen fand er die Stätte verlaſſen. J ater, der ihre Liaiſon mit einem jungen Studenten im höchſten Grade mißbilligte und ihre Liebe Phantaſterei nannte, hatte ſie kurz vorher abſichtlich nach Hauſe kommen laſſen, um ſie dieſem Wiederſehen zu entziehen. In ſchmerzlicher Unruhe und Beklommenheit verbr achte Martin jetzt ſeine Tage im Vaterhauſe. Trotz der ſchönen Sommermonate war ihm Biberach wie ent⸗ zaubert, und freudlos irrte er auf dem ehemaligen Schauplatze ſeines Glückes umher. Obwohl er in Zürich mit Ungeduld erwartet wurde, verſchob er ſeine Abreiſe von einem Tage zum andern, in der Hoffnung, Sophien noch zu ſehen. Endlich gegen den Herbſt langte ſie an,


