Klavierſpielerin und Tänzerin. Ihr Geliebter Bianconi, ein ſehr gelehrter und gebildeter Mann, hatte die auf— blühende Jungfrau in die Kunſt des griechiſchen und römiſchen Alterthums eingeweiht, ſie hatten zuſammen die italieniſchen Dichter und Geſchichtſchreiber geleſen und gemeinſam geſchwelgt in dieſer Welt der Schön⸗ heit und der Freiheit. Um Nichts bei ihrer Ausbildung zu verſäumen, hatte die gute fromme Mutter für Unterweiſung in Küche und Haushaltung geſorgt, und im Geiſte jener Zeit mußte alle Tage bei der Hand⸗ arbeit, worin die Mutter die Tochter unterwies, eine Betrachtung aus Arndts„wahrem Chriſtenthum“ ge⸗ leſen werden.
Was Wunder daher, daß Martin von ſeiner rei⸗ zenden Couſine, von der er ſchon früher ſo Manches gehört, ſehr eingenommen wurde. Seine Mutter hatte Recht gehabt, wenn ſie einſt in Martins Gegenwart zu ſeinem Vater geäußert:„Nun da Sophie hier iſt, wird der Martin aus Rand und Band gehen.“ Aber der Alte hatte erwiedert:„Quod non! Die Studia dürfen deshalb nicht poſtponiret und negligiret werden; denn nur wer die alten Autoren ganz in Fleiſch und Blut verwandelt, nur für den exiſtirt eine Freude, ſo nur ein junger Menſch, der die Studia preſequiret, haben kann!“ Und doch konnte er nicht hindern, daß Martin jetzt nur Auge und Sinn für das liebreizende kluge Mädchen hatte. Sie war für ihn eine Erſchei⸗ nung vom Himmel geſtiegen, und Alles, was von Ver⸗ ehrung und Zärtlichkeit in ſeiner Seele lebte, wendete ſich ihr zu mit unwiderſtehlicher Gewalt. An innerer wie äußerer Reinheit und Schönheit glänzend, war ſie ihm die perſonificirte Schönheit und Anmuth, die ver⸗ körperte Seele und Tugend. Auch Sophie empfand alsbald für Martin die zärtlichſte Neigung, und die Herzen fanden ſich. War Martin auch nichts weniger als ſchön von Geſtalt und Angeſicht, ſo mußte doch ſeine friſche lebhafte Phantaſie, ſein ganzes dichteriſches Na⸗ turell unwillkürlich für ihn einnehmen. Auch gefielen ihr in ihrem damaligen Seelenzuſtande, der ſie zu Na⸗ tur und Einſamkeit zog, Martins gleiche Sympathien für dieſelben, ſein ſchüchterner Ernſt und ſeine Ab⸗ neigung gegen die Eitelkeit der Welt, die ihr bei einem Jüngling ganz was Neues waren. Eines Tages las ſie ein Manuſkript von ihm, den Verſuch einer Tugend⸗ lehre enthaltend, und dieſe Schrift machte ſie ihm be⸗ ſonders gewogen. Ihre Neigung war indeſſen ſanfterer Natur als bei Martin, da ſie jene glühende Liebe wie einſt für Bianconi jetzt nicht zum zweiten Mal empfin⸗ den konnte. Doch, innigſt gerührt durch ſeine ſchwär⸗ meriſche Anbetung, theilte und erwiederte ſie ſeine Ge⸗ fühle, wie es ihrer edeln Seele würdig war.
So entſpann ſich in dem ſtillen Pfarrhauſe zu Biberach eine ſüße und anmuthige Idylle, und der nun verlebte Sommer ward für Martin die glücklichſte und zugleich einflußreichſte Epoche ſeines Lebens. Der Jüngling lebte in einer idealiſchen, in einer wahren Zauberwelt, und die Idee der Vollkommenheit, die ſich ihm in ſeiner Sophie verkörpert darſtellte, mit ihr ſich identificirte, brachte jene ſeltſam wunderbare pla⸗
Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe. 49
toniſche Liebe hervor, wovon er ſpäter im„Agathon“ und mehreren ſeiner Werke ein Bild entworfen.
Anfangs waren die jungen Leute ſehr ſchüchtern gegen einander, und kein Wort von Liebe kam über ihre Lippen. Obwohl unter einem Dache wohnend, theilten ſie ſich ihre Empfindungen nur in Briefen mit. Martin ſpendete ſeiner Angebeteten auch keine Lobes⸗ erhebungen wegen ihrer Schönheit; als edelſten Be⸗ weis ſeiner Liebe ſuchte er ihre Seele auf alle Weiſe zu verſchönern und zu unterhalten.
In der anmuthigſten Frühlings⸗ und Sommers⸗ zeit erging ſich das Paar häufig zuſammen in der an⸗ muthigen Umgebung von Biberach. Das Städtchen wird von einem muntern Flüßchen durchſchnitten und von weiten freundlichen Wieſenthälern unweit des Federſees umgeben, welche zum Naturgenuß laden, dem ſie ſich auch mit voller Seele hingaben. Da hätte man den jungen Mann ſehen und hören ſollen, wie er an der Seite ſeiner ſchönen Freundin ſeinen Gedanken und Empfindungen freien Lauf ließ! Sein ganzes Weſen ſchien verklärt und veredelt; alle ſeine Geberden drückten das Feuer ſeines Geiſtes, die Art ſeiner Empfindung auf eine außerordentliche, eigenthümliche Weiſe aus. Sein ganzer Körper gerieth in Bewegung, ſeine Muskeln dehnten ſich, ſeine kleinen Augen wur⸗ den heller und glänzender, und ſeinem Munde ent⸗ ſtrömten die beredteſten, hinreißendſten Worte. So wanderte er einſt an einem ſchönen Sonntagmorgen, als der Gottesdienſt zu Ende war, die lieblich zarte Ge⸗ ſtalt an ſeinem Arm, durch die ländlichen, ſabbathlich ſtillen Fluren von Biberach. Er hatte kurz vorher eine Predigt ſeines Vaters mit angehört über das Thema: „Gott iſt die Liebe.“ Aber die Predigt war ihm zu kalt erſchienen, und der Jüngling fühlte, daß er beredter über dieſes Thema ſprechen könne. Jetzt im Freien machte er den Verſuch. Ein Blick in Sophiens Augen erhöhte ſeine Begeiſterung, und mit enthuſiaſtiſcher Beredſamkeit und überſtrömenden Gefühlen redete er von der Beſtimmung, der Würde der menſchlichen Seele, von der Ewigkeit. Er feierte die himmliſche Liebe als den größten Theil des Glückes der Geiſter, er bewies, daß alle empfindenden Weſen zur Glückſeligkeit be⸗ ſtimmt ſeien. Die liebenswürdige Sophie war von dieſer Unterredung ſo bewegt, daß ſie ſanfte Thränen weinte. Sie bat den jungen Schwärmer, daß ſoeben Vorgetragene niederzuſchreiben. Dies geſchah. Martin faßte es in Verſe, und die Frucht dieſes Spazierganges war ſein erſtes Gedicht, womit er in die Reihe der vaterländiſchen Dichter trat und in welches er auch Sophiens Verherrlichung mit eingeflochten hat— das Lehrgedicht die Natur der Dingeoderdie ooll⸗ kommenſte Welt, eine der ſeltſamſten Huldigungen eines ſiebzehnjährigen Jünglings an ſeine neunzehn⸗ jährige Geliebte. Der berühmt gewordene Dichter nannte es ſpäter eine unreife Probe, einen ſeltſamen Zwitter von metaphyſiſchem Schulgewäſch und der be⸗ ſten Poeſie, welche der Gott der Liebe jemals einge⸗ haucht hat. Drängten ſich doch auch in der damaligen Zeit jene Elemente noch ungeſondert durch einander.
7


