48 Wilhelm Girſchner: Wielands Jugendliebe.
meinſamen Vertheidigungs⸗Streitkräfte der verſchiedenen Länder zu fixiren. Das Parlament beſitzt in gemeinſamen Angelegenheiten geſetzgebende Gewalt. Die Verwaltung diefer Angelegenheiten ſteht den Bundesminiſtern zu, die zuſammen einen Bundesrath bilden. Dieſen Miniſtern gegenüber hat das Parlament das Interpellationsrecht, wie dieſelben auch dem letzteren verantwortlich ſind. Schließlich würde das Bundesparlament in Gothenburg tagen und den drei Gouvernements auch ſonſt als konſul⸗ tative Stimme dienen können.
Wielands Jugendliebe. Von Wilhelm Girſchner.
artin, der ſiebzehnjährige Sohn des Predigers Wieland in dem kleinen ſchwäbiſchen Reichs⸗ ſtädtchen Biberach, der nachmals ſo berühmt gewordene Dichter, war in das ſtille Haus ſeiner Eltern zurückgekehrt. Er kam direkt von der Univerſität Erfurt her, wo er ein Jahr lang bei einem Anverwandten, dem Dr. Baumer, ge⸗ lebt, und bei ihm die Logik ſtudirt hatte. Vorher, ſeit ſeinem vierzehnten Lebensjahre, hatte er im Kloſter Bergen bei Magdeburg, einer der blühendſten Lehran⸗ ſtalten in ganz Deutſchland, im neuen Geiſte der Spe⸗ nerſchen theologiſchen Pädagogig ſeine erſte Bildung genoſſen. Er war eine ſchmächtige kleine Geſtalt, der ein geſtickter violett ſeidener Frack, lange ſeidene Strümpfe, Schuhe mit mächtig großen Silberſchnallen eine poſſirliche Würde verliehen, welche der lange, unten gekrümmte Zopf und die gepuderte Friſur noch erhöhten. Seine ganze Erſcheinung wie ſein ganzes Weſen machten den Eindruck eines führeifen Jünglings, obwohl ſeine kleinen und etwas trüben Augen wenig Geiſt verriethen und ſeine Züge in dem mit Blatternarben bedeckten ſtill ernſten Geſichte wenig hervorſtachen. Auch zeigte ſein ganzes Behaben, daß er ſich noch wenig in der Welt bewegt hatte. Hinter den lindenumſchatteten Mauern von Kloſter Bergen war ihm die Welt noch ziemlich verſchleiert geblieben, und auch in Erfurt hatte er ein einfaches Leben geführt; er hatte weder hier noch dort einen Freund gefunden. Und doch ſchmachtete der ſinn⸗ lich⸗überſinnliche Jugendſchwärmer, zu welchem ihn der Pietismus des Abtes Johann Adam Steinmetz im Kloſter erzogen, nach einem Herzen, das Geſchmack und
Liebe zur Tugend verbände, ohne welche man ſeine
Freundſchaft nicht gewinnen konnte, dem er ſich mit voller Seele anſchließen konnte. Und in ſeinem leicht erregbaren Innern drängten ſich die widerſtreitendſten Elemente— myſtiſche Frömmigkeit und Freidenkerei, Heidenthum und Chriſtenthum, Poeſie und Philoſophie — wunderſeltſam und dunkel durcheinander. Wer ſollte das Widerſtrebende, das Entzweite vereinen? Nur Freundſchaft oder Liebe konnte es. Und die Liebe that es, die einſt nach der ſchönen griechiſchen Sage aus dem Chaos eine harmoniſche Welt geſtaltete.
In derſelben Zeit hatte Martins Couſine Sophie, ein junges Mädchen von neunzehn Jahren, im Pfarr⸗ hauſe zu Biberach Aufnahme gefunden. Sie war die
Tochter des mit Martins Mutter verwandten be⸗ rühmten Arztes Gutermann Edler von Gutershofen zu Augsburg. In ihrem ſiebzehnten Jahre hatte ſie be⸗ reits ein Liebesverhältniß mit dem Leibarzt des Fürſt⸗ biſchofs von Augsburg gehabt, einem jungen, ſchönen Itaͤliener Namens Bianconi, der in ihrem väterlichen Hauſe, das ein Sammelpunkt der Augsburg'ſchen Ge⸗ lehrten war, Zutritt gefunden. Aber Bianconi war katholiſch, Sophie lutheriſch. Der Vater hatte zwar in eine Verbindung gewilligt, als aber ſchließlich der Ehe⸗ vertrag feſtgeſetzt werden ſollte, wollte der Bräutigam zwar ſeiner künftigen Gattin volle Religionsfreiheit zu⸗ geſtehen, beſtand aber darauf, daß ſämmtliche Kinder katholiſch werden ſollten. Ein ſolches Zugeſtändniß hielt der Vater unter ſeiner Würde, zwei gleich heftige Charaktere ſtießen zuſammen, keiner gab nach; der Vater, aufs Höchſte erbittert, hob die Verbindung auf, und Bianconi durfte fortan das Gutermann ſche Haus nicht mehr betreten. Vergebends ſuchte der Italiener die kindlich⸗fromme Sophie zur Flucht und heimlichen Verbindung zu bewegen; er verließ verletzt und betrübt Augsburg und kehrte in ſein Vaterland zurück. Aber der ſtrenge Vater beſtand nicht blos auf Entſagung; Sophie mußte auch in ſeiner Gegenwart alle Andenken, welche noch von ihrem ehemaligen Bräutigam in ihren Händen waren, ſelbſt ſein Bildniß, eigenhändig ver⸗ nichten. Die Tiefbetrübte zu zerſtreuen und etwaigen Gedanken zu begegnen, in ein katholiſches Kloſter zu gehen, ward ſie in das Haus des der Familie nahe verwandten Predigers Wieland in Biberach gegeben. Dieſer ländlich ſtille Aufenthalt konnte ihr in ihrem tiefen Seelenleiden nur angenehm ſein, um ſo ange⸗ nehmer, als bald darauf zu Haus eine Stiefmutter ankam.—
Sophie war eine reizend aufgeblühte, liebens⸗ werthe Jungfrau, die nicht zu den gewöhnlichen Er⸗ ſcheinungen gehörte. War die Stirn für eine regel⸗ mäßige Schönheit auch zu hoch, ſo hatte ſie doch einen kleinen fein gebildeten Kopf, ſchmelzend braune Augen, die Seele und Geiſt verkündeten, und eine ſeltene Fülle ſchöner lichtbrauner Haare. Ihre zarte, leicht aufge⸗ ſchoſſene Geſtalt bewahrte eine ſeltene Eleganz, die überall ihr Thun und Veſen bezeichnete; auch ihren Mund umſpielte, wie wohl etwas affektirt, ein eigener Zug von Grazie. Dabei war ſie von Natur gut, auf⸗ richtig und gefühlvoll, kurz ein ſanft reizendes Weſen „Blühend wie himmliſche Auen, wie junge Seraphim
zärtlich,“. wie von ihr der Dichter Bodmer ſagte.
Daß ſie höchſt ſchmuck nach der neueſten Mode gekleidet ging, in reichgeſticktem Reifrocke, ſpitzen Schnabelſchuhen und hoher Thurmfriſur, läßt ſich denken. Dabei hatte ſie eine gute, und da ſie der ge⸗ lehrte Vater in verſchiedenen Wiſſenſchaften, ſelbſt in der Sternkunde unterrichtet, ſogar eine gelehrte Bil⸗ dung und eine äußerſt ſorgfältige Erziehung genoſſen. Sie ſprach franzöſiſch, las gern in Büchern, ſang mit klangvoller Stimme italieniſche Arien von allen ini's und etti's der damaligen Zeit, und war eine geſchickte


