Politiſche Ueberſicht. 47
Ausgang dur Macht und Stärke! Eine Flotte aber iſt eines der bezeichnendſten Merkmale einer großen Nation: Macht und zugleich Ausdruck weiterer und größerer Macht. Und ſo wird trotz aller Alliance⸗Gerüchte der däniſche Krieg für Deutſchland mit guten und bedeutungsvollen Keimen ſchließen.
Von gewiſſer Seite wird am Bund die Anſicht ver⸗ treten, daß über die Erbfolgefrage nicht im engeren Rathe, ſondern nur im Plenum der Bundesverſammlung abgeſtimmt werden könne. Daraus würde folgen, daß der Bund über das Succeſſionsrecht nicht mittelſt eines Mehrheitsvotums, ſondern nur mit Stimmeneinhelligkeit beſchließen könne. Eine ſolche aber wäre niemals zu er⸗ zielen, da Oldenburg niemals für den Herzog von Auguſten⸗ burg ſtimmen würde, Oldenburg aber gewiß nicht einmal die Majorität erhalten würde. Der Vorſchlag, die Sache an das Plenum zu leiten, iſt daher ganz unpraktiſch, auch im Bundesrechte iſt das Verlangen nicht begründet, und endlich liegt ein Präcedens im entgegengeſetzten Sinne, nämlich der braunſchweig'ſche Succeſſionsfall im Jahre 1831 vor.
Eine officiöſe Berliner Korreſpondenz der„Elber⸗ felder Zeitung“ meldet als ganz beſtimmt, Rußland willige laut Erklärung in die Lostrennung der Elbe⸗Her⸗ zogthümer von Dänemark nur für den Fall ein, daß der Großherzog von Oldenburg die Krone der Herzogthümer erhalte.
Die halbofficielle„Provincial⸗Korreſpondenz“ ſagt: „Die Beſprechungen zwiſchen den Monarchen und den Staatsmännern Preußens, Oeſterreichs und Rußlands haben allerdings das freundſchaftliche und vertrauensvolle Verhältniß zwiſchen den drei Staaten befeſtigt und ein rückſichtsvolles Verhalten in der zunächſt ſchwebenden dä⸗ niſchen Frage auch Seitens Rußlands befördert, keines⸗ wegs aber ſind irgend welche beſtimmte Verabredungen und Feſtſetzungen über eine gemeinſam zu befolgende Politik weder in einer beſonderen Frage, noch in der allgemeinen europäiſchen Frage getroffen oder auch nur von Rußland beantragt worden. Alles, was über dahin zielende Verhandlungen geſagt worden, iſt Punkt für Punkt erlogen.“— Die„N. A. Z.“ erklärt auch die letzten von der„Morning⸗Poſt“ veröffentlichten Schrift⸗ ſtücke ſämmtlich für apokrhph.
Die„Weimarſche Zeitung“ ſagt:„Wir glauben zu wiſſen, daß in der Oldenburgiſchen Angelegenheit, die gewiſſermaßen als der Prüfſtein der Verſtändigung an⸗ geſehen wird, der Kaiſer Alexander im Widerſpruch mit den Wünſchen und Rathſchlägen des Fürſten Gortſchakoff gehandelt hat, der von einer Ceſſion der ruſſiſchen An⸗ ſprüche nichts wiſſen wollte.“
Die Zuſammenkunft der Kaiſer von Oeſterreich und Rußland und des Königs von Preußen hatte die Ver⸗ muthung vom Wiederaufleben der heiligen Alliance zur unmittelbaren Folge.
Die„Petersburger Zeitung“ ereifert ſich gegen die Beſchuldigung, daß die heilige Alliance wieder auflebe. Sie ſpricht ſich jedoch in einer ſo ſeltſamen Weiſe aus, daß es ſcheint, als gelte ihr Widerſpruch mehr der Be⸗ nennung als der Sache.„Der Mißbrauch,“ ruft ſie aus, „der mit den Worten ‚heilige Alliance“ getrieben wird, iſt ſo unbegreiflich, wie abgeſchmackt. Frankreich und England können ſich zu allen möglichen Zwecken verbin⸗ den;— das iſt natürlich keine heilige Alliance, ſelbſt wenn ſie auch das europäiſche Gleichgewicht zur Errei⸗ chung ihrer Ziele in's Schwanken bringen ſollten. Frank⸗ reich und Italien können ihre materiellen Kräfte vereini⸗ gen, um in keckſter Weiſe ihre Pläne zur Wirklichkeit zu
machen;— das iſt keine heilige Alliance, auch wenn
Oeſterreich ſeiner lombardiſchen Beſitzungen beraubt wird, auch wenn man die Staaten des Papſtes auf ein Mi⸗ nimum reducirt.— Aber wenn die beiden Kaiſer von Rußland und Oeſterreich ihre Gemalinen aus Geſund⸗ heitsrückſichten in die Bäder geleiten, wenn ſie dort einander begegnen, wenn ſie ſich öfter ſehen, was bei be⸗
freundeten Monarchen eben ſo wenig auffallen kann, wie bei befreundeten Privatleuten, wenn ſie höchſt wahrſchein⸗ lich über Politik ſprechen, was in bewegter Zeit bei ihnen doch eben ſo natürlich gefunden werden ſollte, als bei jedem von uns:— da iſt die heilige Alliance, heißt es dann ſogleich, die heilige Alliance mit dem ganzen Ge⸗ folge verbrauchter Anklagen und lächerlicher Beſchuldi⸗ gungen, als da ſind: reaktionäre Tendenz, Bekämpfung der Fortſchrittsideen, beſonders des Konſtitutionalismus, Unterdrückung der Völker u. ſ, w., wie noch alle jene Schlagwörter heißen mögen, die der Ausdruck ‚heilige Alliance' hervorzurufen pflegt.“
Außerdem machten die Depeſchen der„Morning⸗ Poſt“ betreffend einen angeblich zwiſchen den Kabinetten von Wien, Berlin und Skt. Petersburg geführten Schrift⸗ wechſel ſehr viel von ſich zu ſprechen und die darin aus. geſprochene Politik wird von den Miniſtern ſelbſt auf das entſchiedenſte dementirt.
In allen Kreiſen iſt die Anſicht von Tag zu Tag feſter geworden, daß die Enthüllungen der„Morningpoſt“ aus dem Hotel des franzöſiſch. Miniſteriums der auswärtigen Angelegenheiten nach London gekommen und dort durch die Hand eines geſchickten Vermittlers in das Redaktions⸗ bureau der„Morningpoſt’ gelangt ſind. Daß dieſes Blatt die Rolle des betrogenen Betrügers dabei geſpielt, wird faſt allſeitig zugeſtanden. Der eine ihrer Briefe aus der zweiten Serie, angeblich privatim vom Grafen Rech⸗ berg an Fürſt Richard Metternich gerichtet, erhält gleich⸗ falls durch die öſterrrichiſche Botſchaft ein entſchiedenes Dementi. Fürſt Metternich übrigens, der mit Graf Goltz noch bis zum Samſtage in Fontaineblau bleibt, hatte mit Drouin de Lhuys eine ſehr unerquickliche Scene. Der franzöſiſche Miniſter des Auswärtigen war eigens nach Fontainebleau hinausgefahren. In einer in ſehr ſcharfem Tone geführten Unterhaltung warf man ſich gegenſeitig ein Mißtrauen vor, welches das gute Einvernehmen noth⸗ wendig ſtören müſſe. Und ſo eben hatte doch der Ver⸗ treter Oeſterreichs erklärt, daß ſeine Regierung ſich vor⸗ genommen, direkt und getrennt von Preußen und Frank⸗ reich über den Abſchluß eines kommerciellen Arrangements Verhandlungen einzuleiten. Man glaubt, daß die Unter⸗ redungen der Herren v. Bismark und Rechberg in Karls⸗ bad dieſem Eutſchluſſe des Wiener Hofes nicht ganz fremd ſeien, wenigſtens kann man Aehnliches in offi⸗ ciöſen Kreiſen verſichern hören. Der Herzog Friedrich VIII. von Schleswig⸗Holſtein⸗Auguſtenburg hat an alle bei der Konferenz betheiligten Mächte— Dänemark na⸗ türlich ausgenommen— ein Memorandum gerichtet, in welchem er die Erbanſprüche des Großherzogs von Olden. burg auf Schleswig⸗Holſtein bekämpft. In Dänemark hat inzwiſchen die Entmuthigung nach dem ſo überraſchend ſchnellen Verluſte Alſens immer mehr und mehr um ſich gegriffen. Die Reiſe des Prinzen Johann von Glücksburg, des jüngſten Bruders König Chriſtian's, gilt als Friedens⸗ ſymptom erſten Ranges, indem— wie man verſichern hören kann— die franzöſiſche Diplomatie dabei nicht ganz außer Spiel ſei. Zu gleicher Zeit tauchen die ſkan⸗ dinaviſchen Plane König Karl's XV. von Schweden wie⸗ der auf. Die Verhandlungen zwiſchen Stockholm und Kopenhagen ſind auch nach den alten Bedingungen wieder aufgenommen worden. Ich bin in den Stand geſetzt, (wir citiren hier eine Korreſpondenz der„Köln. Ztg.,“) Ihnen dieſelben in durchaus authentiſcher Weiſe aufzu⸗ zählen.„Schweden, Norwegen und Dänemark bilden eine Konföderation, welche die Aufgabe hat, die auswärtige Politik dieſer Staaten und ihre Wehrkräfte gemeinſam zu
gregeln. Das Hauptorgan dieſer Konföderation würde ein
Parlament ſein, das aus zwei Kammern zu beſtehen hätte. In die eine, den Senat, würde von jedem Lande eine gleiche Anzahl Mitglieder abgeordnet; für die andere, das Abgeordnetenhaus, ſollte die Zahl der Deputirten nach Maßgabe der Einwohnerzahl der drei Reiche feſtge⸗ ſetzt werden. Das Parlament hätte das Recht, das Budget der auswärtigen Angelegenheiten, wie das der reſp. ge⸗


