Jahrgang 
1864
Seite
43
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Ein Hof in Indien. 43

mit dem königlichen Petſchaft verſiegelt wurde, ehe ſie auf die königliche Tafel kommen durfte. Bevor er ſie öffnete, unterſuchte der kleine Mann mit großer Auf⸗ merkſamkeit, ob das Siegel noch unverletzt ſei. Wenn er ſie dann aufgekorkt hatte, trank er ein Glas davon und füllte dann dasjenige des Königs.

Die Gunſt, deren ſich der glückliche Barbier bei dem König von Oude erfreute, wurde bald in Indien bekannt und die Preſſe ſchoß eine Menge ſatyriſcher Pfeile auf ihn ab. Aber der Barbier wendete ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf das Anhäufen von Rupien und ließ ſich durch die Angriffe des Neides nicht beun⸗ ruhigen. Er ließ nur in einem Journal von Calcutta, mit welchem er in Korreſpondenz ſtand, durch einen jungen europäiſchen Kommis, den er in den Bureaux des Reſidenten kennen gelernt, die Angriffe beantwor⸗ ten, wofür er allein zehn Pfund monatlich zahlte. Der Verfaſſer des Werkes, aus dem wir ſchöpfen, bezeigte natürlich eine ſtarke Begierde, den großen Barbier ken⸗ nen zu lernen, und ſeine Wünſche wurden bei der erſten Einladung, welche er zur Tafel erhielt, befriedigt. Der König trat in den Saal, geſtützt auf den Arm ſeines Günſtlings. Nuſſir war der Größere von Beiden, aber der Barbier ſchien kräftiger zu ſein. Se. Majeſtät war nach engliſcher Mode gekleidet, ganz in Schwarz. Seine Haltung ermangelte keineswegs einer gewiſſen Grazie; in ſeinem Geſichte und ſeiner Figur lag etwas König⸗ liches. Dem Geſicht des Barbiers dagegen war der unverkennbare Stempel der Gemeinheit aufgedrückt. Das Diner wurde ganz in europäiſcher Weiſe ſervirt, nur daß es durch Tänzerinnen verſchönert wurde, ein Vergnügen, welches unſeren Mahlzeiten fremd iſt. Die Küche war ausgezeichnet. Der Vorſteher derſelben war ein Franzoſe, der im Bengaliſchen Klub in Calcutta ſeine Kochkunſt gezeigt hatte. Nach der Tafel gab es ein Marionettentheater. Der König zerſchnitt zu ſei⸗ nem Vergnügen mit einer Schere die Fäden, durch welche die Puppen bewegt wurden. Nach dieſer vortrefflichen That, die ihm ohne Zweifel ſehr gefiel, weil er ſie öfters wiederholte, machte er ſich an das Trinken, bis er unter den Tiſch taumelte. Alsdann trugen ihn zwei kräftige Eunuchen in ſeinen Harem.

Wenn Se. Majeſtät bei guter Laune war, ſo er⸗ götzte er ſich gern an unſchuldigen Spielen. Eine Probe davon iſt Folgendes:

Die Geſellſchaft befand ſich eines Tages in einem großen, mit Mauern umgebenen Garten des Chaun⸗ Guuge, eines Parks des Schloſſes, wo die Thierkämpfe abgehalten werden. Als nun ein Anweſender dem Könige von den in England gebräuchlichen Spielen er⸗ zählt hatte, kam das Geſpräch auch auf das ſogenannte Bockſpringen, und ſogleich empfand der König die größte Luſt, dasſelbe kennen zu lernen. Man ſchloß die gro⸗ ßen Thore, um nicht durch Neugierige und Zudringliche beläſtigt zu werden, dann wurde angefangen. Der Ka⸗ pitän der Leibgarde bot ſeinen Rücken dem Profeſſor dar, dieſer dem Bibliothekar, Letzterer dem Maler, und ſo fort, und Alle begannen dann, Einer über den An⸗ dern hinwegzuſpringen. Der König blieb nicht lange

ein müßiger Zuſchauer des Spieles; auch er wollte ſich darin verſuchen. Se. Majeſtät war ſehr mager und nicht ſehr ſtark. Der Verfaſſer des Buches befand ſich grade in ſeiner Nähe; er befahl ihm, ſich vor ihm nie⸗ derzubeugen, dann ſprang er und bot ihm nun ſeiner⸗ ſeits ſeinen Rücken. Jener ſchwingt ſich über ihn, aber in dem Augenblicke, wo er ſeine Hände auf den Rücken des Königs legte, gibt dieſer Rücken unter ihm nach; der Engländer fällt, und Se. Majeſtät und er rollen über den Raſen. Der König erhob ſich ſehr verdrieß⸗ lich.Sapriſti! Ihr ſeid ſchwer wie ein Elephant, rief er aus. Jener fürchtete, daß der König in Zorn gerathen würde, er kam jedoch mit dem Schrecken da⸗ von. Das Spiel begann von Neuem. Als ſie dann Einer über den Andern ſpringend den ganzen Garten umkreiſt hatten, verlangte Se. Majeſtät Bordeaux in Eis, um ſich zu erfriſchen.

Ein anderes ſeiner Lieblingsvergnügen war, mit Schneebällen zu werfen, natürlich nicht mit wirklichen Bällen von Schnee, ſondern mit jenen großen weißen Blumen, welche man ſo nennt.Eines Tages, ſo er⸗ zählt der Verfaſſer,warf er mich mit einem Schnee⸗ ball, ich warf ihn wieder, und ſogleich begannen ſämmt⸗ liche Höflinge, welche zugegen waren, unſerm Beiſpiele zu folgen. Einen Augenblick darauf ſah man nichts als von allen Seiten durch die Luft fliegende weiße Blumen. Der König fand erſtaunlich viel Geſchmack an dieſem Spiele. Wir waren ganz mit Blüthen be⸗ deckt, welche ſich an unſere Haare und Kleidungsſtücke hefteten und nur mühſam wieder zu entfernen waren. Aber der König hatte ſich amüſirt und das war genug.

Bei einem ſolchen Könige und einem Volke, das ſo ſehr wie die Indier an die Autorität gewöhnt iſt, kannte das Favoritenthum keine Grenzen. Der Bar⸗ bier ſeinerſeits verſtand es vortrefflich, ſich den Seckel zu füllen. Die Rechnung, welche er alle Monate bei dem Finanzminiſter des Staates einreichte, war ein wahres Meiſterſtück unverſchämter Arithmetik. Der Ver⸗ faſſer des genannten Buches bekam einmal eine dieſer Rechnungen zu Geſicht, welche vier und eine halbe Elle lang war. Die Totalſumme war ſchreckenerregend, ſie belief ſich auf mehr als 99.000 Rupien oder 9000 Pfd. Strl. Sie wurde nichtsdeſtoweniger ohne die ge⸗ ringſte Beanſtandung ausgezahlt, und als eines Tages einige Höflinge, welche etwas mehr Sparſamkeit wünſch⸗ ten, die Aufmerkſamkeit des Königs auf dieſen Umſtand lenkten und ihn zu überzeugen ſuchten, daß der Bar⸗ bier ihn auf unverſchämte Weiſe beſtehle, antwortete Se. Majeſtät höchſt zornig:Nun, was geht Euch das an, wenn ich den Khan bereichern will? Ich weiß, daß ſeine Rechnungen ungeheuer ſind, aber darum hat ſich Niemand zu bekümmern. Ich will, daß der Kahn in meinem Dienſte ſein Glück mache.

Zum Unglück für Diejenigen, welche der König mit ſeiner Gunſt beglückte, war derſelbe aber auch mit einer ungemeinen Launenhaftigkeit behaftet und ging mit einer erſchreckenden Schnelligkeit von Freundſchaft zu Gleichgiltigkeit und Haß über. Unſer Autor führt als Beiſpiel eine Tänzerin aus Kaſchmir an. Eines

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