44 Ein Hof in Indien. 2
Abends ſang ſie vor dem König und dieſer war ſo ent⸗ zückt von ihr, daß er ihr tauſend Rupien ſchenkte und von der Tafel aufſtand, um mit ihr in ſeinen Harem zu gehen. Am andern Tage ſang die Tänzerin noch⸗ mals und diesmal ſchenkte ihr der König zweitauſend Rupien. Sie erhob ſich reißend ſchnell in der Gunſt des Königs und ſah bald den ganzen Hof zu ihren Füßen. Acht Tage lang gab es nichts als glänzende Feſtlichkeiten ihr zu Ehren, aber ſchon nach Verlauf einer Woche war der König ihrer überdrüſſig. Eines Tages kam er auf den Einfall, ſehen zu wollen, welche Figur ſie wohl in einem europäiſchen Anzuge machen möchte. Er ließ aus dem Hauſe des Barbiers ein Kleid und andere Toilettengegenſtände einer Dame holen, und befahl dann ſeiner Favoritin, ſich in ein anſtoßen⸗ des Gemach zurückzuziehen und dieſe Kleidungsſtücke anzulegen. Das arme Geſchöpf gehorchte; aber in dieſer Weiſe umgeſtaltet, war ſie nicht wiederzuerken⸗ nen. All ihre Anmuth, all ihre Schönheit war verſchwun⸗ den. Ihr düſterer und niedergeſchlagener Blick war traurig anzuſehen, als ſie ihren Platz wieder einnahm. Der König und der Barbier lachten aus vollem Halſe, während glühende Thränen über die Wangen der Un⸗ glücklichen herabrollten. Ganze Wochen hindurch wurde ſie gezwungen, in dieſem lächerlichen Koſtüme zu er⸗ ſcheinen; endlich verſchwand ſie und man hörte nichts wieder von ihr.
Der König bewahrte aber auch ſeinen Freunden ein treues Gedächtniß. Als Beiſpiel nennt man einen Reſidenten, mit welchem er auf dem Fuße der innigſten Freundſchaft ſtand. Der Reſident, den wir Mr. Smith nennen wollen, hatte eine Frau von außerordentlicher Schönheit und die ſkandalöſe Chronik behauptete, daß Se. Majeſtät noch mehr von Miſtreß Smith bezaubert geweſen ſei als von ihrem Gatten. Dies trug ſich vor der Ankunft unſeres Autors in Lucknow zu, auch hörte er nur vom Hörenſagen davon ſprechen. Herr Smith verließ Lucknow jedenfalls viel reicher, als er dahin ge⸗ kommen war, und nahm 65 Laks Rupien mit ſich fort, das ſind 750.000 Pfd. Strl. Ein ſo koloſſales Ver⸗ mögen erregte natürlich den Verdacht der Kompagnie, welche eine Unterſuchung anſtellen ließ; dieſe fand bei verſchloſſenen Thüren ſtatt und das Reſultat derſelben war, daß Smith ſeine Entlaſſung nahm und nach Eng⸗ land zurückkehrte. Nach deſſen Abreiſe ſprach der Kö⸗ nig noch ſehr oft von ſeinem ſehr theuren Freunde, be⸗ ſonders wenn überreichliche Libationen in Champagner ſeine Zärtlichkeit aufgeregt hatten, und er ſchickte ſogar an Smith durch einen Europäer, der nach England zurückkehrte, ſeine Uhr, die mit einem prächtigen Dia⸗ mant im Werthe von 15.000 Franken verziert war.
Unter den lebenden Merkwürdigkeiten des Pala⸗ ſtes war es beſonders das aus Frauen beſtehende Si⸗ pahisbataillon, welches unſern Autor am meiſten in Staunen ſetzte.„Ich hatte dieſe Amazonen ganze Monate lang die Wache vor den Gemächern der Frauen Sr. Majeſtät beziehen ſehen, ohne daß in mir eine Vermuthung über ihr Geſchlecht aufgeſtiegen wäre. Sie behalten allerdings ihr langes Haar, aber ſie ziehen es
nach dem Scheitel empor und befeſtigen es dort ver⸗ mittelſt eines Knotens, welcher vollſtändig unter dem Tſchako verſchwindet. Sie tragen die gewöhnliche Uni⸗ form des indiſchen Sipahis, den Kittel, die Muskete, das Bajonnet, das Lederwerk und die Patronentaſche. Sie haben nichts Anderes zu thun, als den Harem zu bewachen, und paradiren nur in den innern Höfen des Palaſtes, wo ich ſie ihre Exercitien ganz in der ſtram⸗ men Haltung von Veteranen machen ſah. Sie werden von einem eingeborenen Officier der königlichen Armee geſchult und ſcheinen mit allen Einzelheiten des Kaſer⸗
nenlebens ſehr vertraut zu ſein. Sie haben ihre Ser⸗
geanten und Korporäle; doch keine, glaube ich, hat ſich über den Grad eines Sergeanten erheben können. Ein großer Theil von ihnen iſt verheiratet und daher genö⸗ thigt, von Zeit zu Zeit den Dienſt auf einen oder zwei Monate einzuſtellen.
Der Einfluß des Barbiers war ſo groß geworden, daß es Niemand wagte, ihm entgegenzutreten. Meh⸗ rere Urſachen wirkten zuſammen, um ihm dieſe außer⸗ ordentliche Macht zu verleihen. Der Barbier ſchmei⸗ chelte mit teufliſcher Geſchicklichkeit den gröbſten und niedrigſten Leidenſchaften des Königs. Noch mehr, er hatte ſich Sr. Majeſtät ganz unentbehrlich gemacht und war der Kanal geworden, durch welchen alle Gna⸗ denbezeigungen ihren Weg nehmen mußten. Jede Flaſche Wein, welche im Palaſte getrunken wurde, warf etwas für ihn ab. Es lag daher ſehr in ſeinem In⸗ tereſſe, den Monarchen daran zu verhindern, von ſei⸗ nem Laſter der Trunkſucht abzulaſſen. Jeder Sklabe, jede Tänzerin, welche die Blicke des Königs auf ſich zogen, ſuchten ſich die Gunſt des Barbiers vermittelſt reicher Geſchenke zu verſchaffen. Zu gleicher Zeit er⸗ munterte dieſer den Geſchmack des Königs an Grau⸗ ſamkeiten. Es beſtand eine tiefe Feindſchaft zwiſchen dem Könige und ſeinen Oheimen, und Se. Majeſtät war ſtets höchſt erfreut, wenn ſich eine Gelegenheit fand, denſelben einen böſen Streich zu ſpielen, wobei ihm denn der Barbier von ganzem Herzen behilflich war. Einmal wurde einer der Oheime des Königs, Namens Azoff, von dieſem zur Tafel geladen und bei dieſer Gelegenheit im furchtbarſten Grade berauſcht gemacht. Er verfiel bald in einen tiefen, lethargiſchen Schlaf. Der Barbier befeſtigte die Enden des Schnurr⸗ bartes desſelben vermittelſt Bindfaden an den Seiten⸗ lehnen des Stuhles, auf welchem er ſaß, holte dann Kanonenſchläge, legte dieſelben unter den Stuhl und brannte ſie los. Azoff, deſſen Füße dadurch verbrannt wurden, ſprang erſchreckt in die Höhe und riß ſich dabei einen Theil des Schnurrbartes ſammt der Haut aus. Der König wollte platzen vor Lachen. Sein Oheim aber ſtand da von Blut übergoſſen und noch betäubt von den Dünſten der Trunkenheit, dankte dem König für die Gnade, zur Tafel geladen zu ſein, und entfernte ſich, indem er um Entſchuldigung bat, daß ſein Naſen⸗ bluten ihn verhindere, länger zu verweilen.
Dieſe Mißhandlung verſchärfte nur den Haß, wel⸗ chen die Fumilie des Königs gegen dieſen hegte. Ganz Lucknow erhob ſich; die königlichen Truppen wurden


