Jahrgang 
1864
Seite
42
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42 Ein Hof in Indien.

dem unter ſüßen Erinnerungen auch der Leidenskelch nicht zu bitter wird. 3

Seitdem ſind mehr als zweimal zwölf Jahre ver⸗ ſtrichen. Fritze überſtand ſeine Strafe in Spandau, aber die Freiheit winkte ihm deshalb noch nicht; ſo viel mir bekannt geworden, wurde er 1847 nach Mainz ausgeliefert. Welche Strafe ihn dort erwartete, was ſonſt aus ihm geworden, ob er inzwiſchen ſein Talent vielleicht in die neue Welt verpflanzt, ob er in der Hei⸗ mat verdorben, darüber zu berichten bin ich leider außer Stande.

Ein Hof in Indien.

or mehreren Jahren lebte in London ein Omni⸗ busführer, der früher Barbier geweſen und in ſeinen Lebensſchickſalen die merkwürdigſten Ver⸗ änderungen erfahren hatte, indem er der Ver⸗ traute und Rathgeber eines Königs in Indien war. Von dem Privatleben eines orientaliſchen Königs erwartet man eines jener geheimnißvollen Ge⸗ mälde, von denen man ſich nur mit halblauter Stimme zu unterhalten wagt. Man bertieft ſich in Gedanken bereits in jene dunkeln Paläſte, wo ſich der König, mit einer abſoluten Macht ſowohl zum Guten wie zum

Böſen ausgeſtattet, jenen fabelhaften Orgien überläßt,

welche die Einbildungskraft kaum zu faſſen vermag. Das vor mehreren Jahren in London erſchienene Buch, welches das Leben Nuſſir⸗u⸗Deen's erzählt, und dem wir dieſe Schilderung entnehmen, iſt ganz darnach an⸗ gethan, in dieſer Hinſicht die übertriebenſte Neugierde zu befriedigen. Es wirft mehr Licht auf den Zuſtand Indiens und gibt mehr Anhaltspunkte, um ſich das allmälige Verſchlingen dieſes unermeßlichen Reiches ſeitens einer einfachen Handelskompagnie zu erklären, als alle jene Unterſuchungen, welche in großen Blau⸗ büchern auf den Repoſitorien der Parlamentsbibliothek angehäuft werden.

Der Biograph des Königs von Oude wurde theils durch Geſchäfte nach Lucknow, der Hauptſtadt dieſes Königreichs, geführt, theils veranlaßten ihn die wun⸗ derbaren Erzählungen, welche in Calcutta über die un⸗ geheuren, von dem Könige dieſes Landes unterhaltenen Menaggerien, ſo wie über ſeine merkwürdige Vorliebe für Europäer verbreitet waren, zu einer Reiſe dahin. Da er einen Freund am Hofe hatte, ſo gelang es ihm, ſich eine Audienz beim König zu verſchaffen, und dieſer faßte ſogleich eine ſtarke Zuneigung zu ihm, Der Rei⸗ ſende erfuhr, daß ein Platz in der Hofhaltung Seiner Majeſtät erledigt fei, und that Schritte, ſich denſelben zu verſchaffen. Da aber kein Europäer in den Dienſt des Königs treten durfte, ohne die Erlaubniß des bri⸗ tiſchen Reſidenten, mußte er ſich an dieſe hochgeſtellte Perſönlichkeit wenden, welche ihm ſein Geſuch bewil⸗ ligte,unter der Bedingung, daß er ſich in keiner Weiſe in die Politik des Königreichs Oude einmiſche und allen

ten, und den Zwiſtigkeiten der großen Grundeigenthü⸗ mer, die im fortwährenden Kriege miteinander waren, durchaus fern bleibe.

Der Hofhalt des Königs zählte fünf Europäer, von denen Einer, der Profeſſor, das nominelle Amt hatte, Se. Majeſtät im Engliſchen zu unterrichten. Der König nahm den Unterricht nach fürſtlicher Manier. Wenn er fünf Minuten lang geleſen hatte, rief er:Es iſt genug! Ein Glas Wein, Lehrer! Dann warf er das Buch bei Seite und die Lektion war zu Ende. Der Profeſſor bekam 1500 Pfd. Strl. jährlich für ſeine Mühe. Er war einer der nähern Freunde des Kö⸗ nigs, welcher ſeinem Bibliothekar, ſeinem Maler, ſeinem Hauptmann der Garde und ſeinem Barbier gleichfalls ſeine Zuneigung ſchenkte. Die Geſchichte des Letzteren, eines neuen Olivier⸗le⸗Daim, wollen wir hier mit⸗ theilen.

Dieſer Mann kam nach Indien auf einem Schiffe, auf welchem er als Schiffsjunge diente. Er hatte in ſeiner Jugend in London das Friſeurgeſchäft erlernt. Bei ſeiner Ankunft in Indien deſertirte er von ſeinem Schiffe und kehrte zu ſeinem frühern Berufe zurück. Er hatte Glück und durch Anwendung von Puffs und Reklamen wußte er ſich einen gewiſſen Ruf in Calcutta zu verſchaffen. Einſt kaufte er eine Partie europäiſcher Waaren und ſchiffte den Ganges hinauf, um Handel damit zu treiben. In Lucknow traf er mit einem Re⸗ ſidenten zuſammen, der durchaus wünſchte, daß ſeine Haare, welche glatt und ſtraff herabhingen, gekräuſelt ſein möchten wie die des Generalgouverneurs; denn bekanntlich iſt in Indien der Generalgouverneur der Spiegel der Mode. Der Reſident ſtrebte alſo mit aller Macht darnach, demſelben zu gleichen. Unſer Kaufmann nahm ſogleich Brennzange und Raſirmeſſer zur Hand und bewirkte Wunderdinge am Kopfe ſeines beamteten Klienten, welcher von der Geſchicklichkeit des Barbiers ganz bezaubert war und ihn in eigener Per⸗ ſon dem Könige vorſtellte. Der Barbier, auf ſeine Geſchicklichkeit vertrauend, bemächtigte ſich des Kopfes Sr. Majeſtät und bearbeitete ihn ſo vortrefflich, daß der König ſich ſelbſt nicht wiedererkannte. Seit dieſem Augenblicke überſchütteten Ehren und Reichthümer wie Hagel den glücklichen Urheber dieſer Metamorphoſe. Es wurden ihm Adelstitel ertheilt. Der Günſtling eines Königs hat tauſend Mittel in Händen, um ſich zu bereichern; aber unſer Barbier begnügte ſich nicht mit den gewöhnlichen Mitteln. Unter ſeinen Aemtern befand ſich auch das, Wein und Bier für die königliche Tafel zu beſorgen, und er verſtand es vortrefflich, ſeinen Nutzen daraus zu ziehen. Nuſſir ſetzte ſeinen Gunſt⸗ bezeigungen gegen den Barbier, welcher ihn ganz zu bezaubern wußte, keine Grenzen. Allmälig kam es dahin, daß er der tägliche Tiſchgenoſſe des Königs wurde und an der Tafel ſeinen Platz zur rechten Seite des⸗ ſelben einnahm. Se. Majeſtät mochte aus keiner Fla⸗ ſche trinken, welche von einem Andern entkorkt wurde als von dem Barbier. Er hatte eine ſo große Furcht, von Jemand aus ſeiner eigenen Familie vergiftet zu

Intriguen der Miniſter, die ſich die Macht ſtreitig mach⸗ werden, daß jede Flaſche in dem Hauſe des Barbiers

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