Jahrgang 
1864
Seite
41
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Emil Dietze

Ein Fälſcher.. 41

durch die Freundlichkeit des Geſchäftsträgers zu größerer

Glaubwürdigkeit von deſſen Bedienten begleitet, durfte wohl Fritz wagen, den Agenten des Hauſes Aquado zum Käufer des Wechſels auszuerſehen, und hoffen, daß das Geſchäft ſchnell und glatt abgewickelt werden würde.

Aber bei aller Vorſicht war die Wahl eine un⸗ glückliche geweſen. Der Bankier ſtand eben ſowohl mit dem traſſirenden wie mit dem bezogenen Hauſe in Verbindung und die Namensunterſchriften beider waren ihm wohl bekannt; es mußte ihm daher ſchon beim er⸗ ſten Blick auf den Wechſel auffallen, daß ſich in dem Namen Geymüller ein grober Fehler zeigte, indem ſtatt desy eini ſtand. Noch auffallender war ihm das ſchlechte Franzöſiſch des vornehmen Schweden, und die geringe Eleganz in der Kleidung desſelben trug ebenfalls dazu bei, Argwohn zu erregen. Es war nur eine gewöhnliche Vorſicht, welche den Kaufmann veranlaßte, noch weitere Legitimation zu fordern. Der Chevalier war darauf vorbereitet geweſen, die Beſchei⸗ nigung des Attaché mußte jedes Bedenken ſchwinden machen, und der Bankier ſchien ſich damit auch zufrie⸗ den zu ſtellen.

Aber während Fritz ſich dem Glauben hingab, das Geſchäft werde für ihn ſo wünſchenswerth wie nur möglich zu Ende gehen, hatte bereits die Parze die Schere angeſetzt, um erbarmungslos ſeinen Glücksfaden zu durchſchneiden.

Graf Montpellas⸗Jeſſy war durch ſeine

aauffallende Lebensweiſe in Danzig und die Achtſam⸗

keit, welche ihm die Polizei gewidmet, eine Perſönlich⸗ keit geworden, die dort ſo ziemlich Jedermann kannte; ſein plötzliches ſpurloſes Verſchwinden bewirkte, daß man noch mehr von ihm ſprach. So war unſer Freund der Gegenſtand des Geſprächs zwiſchen einem Danzi⸗ ger Kaufmann und einem Polizeiofficianten geweſen, die Beide in der Dilingence in die Reſidenz einfuhren, als der Erſtere mit einem Ausruf der Ueberraſchung auf den vermeintlichen Grafen deutete, welcher, gefolgt von einem Livréebedienten, die Straße dahinſchlenderte. Der Polizeimann wußte, was ſeines Amtes warz er ließ, den Wagen halten und verfolgte den nichts ahnenden jungen Mann, bis er das Geſchäftslokal des Bankiers betrat. Wenige Minuten ſpäter ſchritt auch er durch die Thür und gerade auf den vermeintlichen Grafen zu. Mit nicht allzugroßer Höflichkeit redete er ihn an und fragte nach ſeinem Namen. Unſer Held war zu häufig ſchon der Gefahr ausgeſetzt geweſen, entlarvt zu werden, um ſich nicht die Sicherheit des Benehmens anzueignen, welche wohl einen weniger erfahrenen Poliziſten beir⸗ ren kann. Ueberraſcht, doch ohne Verlegenheit maß der Chevalier den Frager von oben bis unten und ant⸗ wortete, was ihn zu ſolcher Frage veranlaſſe; er ſei der Chevalier Klinkowſtröm, Miniſterialſekretär aus Stockholm, zum Beſuch hier bei einem Freunde und durch ſeinen bei der Polizei deponirten Paß hinreichend legitimirt. Ueberdies, fuhr er fort, zweifle er nicht, daß der Herr die Livrée ſeines Begleiters kennen werde, den ihm ſein Herr zur Legitimation in dem unterbro⸗ chenen Geſchäft mitgegeben habe. Damit wendete er Erinnerungen, 88, Bd. 1864.

ſich ſtolz wieder dem Bankier zu. Allein der Poliziſt ließ ſich durch den hohen Ton ſeines Opfers um ſo we⸗ niger verblüffen, als er jetzt von dem Kaufmann ver⸗ nahm, daß dieſer den Wechſel, um den es ſich handle, für gefälſcht hielt.

Alles Proteſtirens ungeachtet mußte der Chevalier jetzt einen Weg antreten, deſſen Endziel ihm nur zu gut bekannt war, Noch behandelte ihn ſein Begleiter vol⸗ ler Rückſicht auf den Rang, den er ſich beigelegt, als dieſer aber ſah, daß er etwas aus ſeiner Taſche zu ent⸗ fernen ſuchte und auch langſamer ging, offenbar in der Abſicht, eine Gelegenheit zur Flucht zu erſpähen, da re⸗ dete er zu ihm aus einem Tone, der den angeblichen Edelmann doch ein wenig erbeben machte.

Jede andere Polizei hätte ein ſo gewandter Be⸗ trüger wie Fritze zu täuſchen vermocht; mit der Ber⸗ liner durfte er es nicht wagen, es mußte ihm in Rück⸗ ſicht auf den häufigen Verkehr, in welchem die beiden zu einander geſtanden, unmöglich werden. Fritze wußte auch, auf welch' gefährlichem Boden er ſtand, und es mußte ihm vor Allem daran liegen, den ihn ſo gravirenden Inhalt ſeiner Taſchen zu entfernen. Die Wachſamkeit ſeines Führers machte jeden Verſuch zu ſchanden, und ſo kamen denn bei der nachfolgenden Viſi⸗ tation Gegenſtände zum Vorſchein, die, ſelbſt ehe man noch wußte, mit wem man es eigentlich zu thun hatte, keinen Zweifel daran ließen, daß man einen Wechſel⸗ fälſcher von Profeſſion ertappt, ja es fand ſich in ſeiner Taſche ſogar der Beweis, daß er der von Danzig aus ſteckbrieflich verfolgte ungebliche Graf von Montpe⸗ las⸗Jeſſy in eigener Perſon ſei.

Jetzt war an eine glimpfliche Behandlung nicht mehr zu denken und die Stadtvogtei wurde ihm zum einſtweiligen Aſyl angewieſen.

Ei ſieh da, Fritze, läßt Du Dich endlich auch wieder einmal bei uns ſehen? rief plötzlich eine Stimme, als bereits der ſtolze NameDoktor von Klinkow⸗ ſtröm aus Stockholm in das Gefangenenregiſter der Stadtvogtei eingetragen war. Unſer Held blickte be⸗ troffen auf und entfärbte ſich er war erkannt. Alles fernere Läugnen war nutzlos, alle Rodomontaten, mit denen er ſonſt ſeine Inquirenten zu verwirren pflegte, fielen hier auf unfruchtbaren Boden; man kannte ihn hier zu gut, denn ſiebenmal bereits hatte er die magere Koſt der Stadtvogtei genoſſen. Und dennoch mangelte es ihm, über deſſen Lippe nie ein wahres Wort gekommen, nicht an Ausflüchten und Lügen, um das einzige Mittel, welches ihm blieb um ſeine bevorſtehende Strafe zu mildern den größten Theil von dem, deſſen er be⸗ ſchuldigt wurde, von ſich auf Andere zu werfen. Was

als unumſtößliche Gewißheit übrig blieb, reichte hin, ihm eine zwölfjährige Strafarbeit zuzudiktiren. Am 30. November 1835 wurde er nach Spandau abgeliefert und es ſtand ihm dort die Freude bevor, mit ſeinem ehemaligen Schickſalsgenoſſen in Mainz, dem Ge⸗ fährten ſeiner Flucht Plenken zuſammenzu⸗ treffen, den ebenfalls in Berlin die Nemeſis ereilt hatte. Diesmal aber bot ſich keine Gelegenheit zum Entwei⸗ chen, und er fügte ſich in ſein Schickſal wie ein Mann,

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