40 Emil Dietze:
Ein Fälſcher.
vor Eingang beſtätigender Nachrichten aus ſeiner Hei⸗ mat, den Paß auszuantworten.— Der junge Mann gab ſich zufrieden und im Ge⸗ fühle der Sicherheit begann er ſofort, ſeine früheren Geſellſchaften wieder aufzuſuchen. Da traf ihn nach nur wenigen Tagen wie ein Donnerſchlag die Ent⸗ ſcheidung der königl. Regierung zu Danzig, daß der Graf Montpelas⸗Jeſſy durch einen Polizeibeam⸗
tten nach Berlin geleitet werden ſolle, damit er ſich dort
bei dem bairiſchen Konſul ſowohl wegen ſeiner Per⸗ ſönlichkeit als wegen des verausgabten Wechſels legi⸗ timire. Das war zu viel— das lag außer ſeiner Berechnung! Dem mußte er zuvorkommen, denn er wußte, wie ſchlimm die Prüfung ſeiner Papiere für ihn ausfallen müſſe. Er zog es alſo, nachdem er ſeinen Koffer unter der Adreſſe des Chevalier de Verges zur Beförderung nach Berlin auf die Poſt gegeben, vor, Danzig in aller Stille zu verlaſſen.
Ohne Legitimation reiſte er auch diesmal nicht, er befand ſich ſogar im Beſitz eines vollgiltigen Hauſir⸗ ſcheins, nur daß er nicht auf ſeine Perſon, ſondern auf die eines ſeiner Bekannten, eines fliegenden Buchhänd⸗ lers, Namens Oppermann ausgeſtellt war, dem er ihn durch irgend welche Mittel abgeſchwindelt haben mochte. Mit dieſem Papier in der Hand wurde der hochgeborne Graf zum Kolporteur Oppermann, nahm unter dieſem Namen Extrapoſt und die Polizei hatte das Nachſehen. Die Kreuz und Quer, bald zu Fuß, bald zu Wagen, durchſtreifte er, um ſeine Verf ol⸗ ger irre zu führen, die Gegend um Danzig und Stet⸗ tin und ſpielte ganz die Rolle, die ihm ſein Hauſirſchein vorſchrieb.
Allein bei allem Scharfſinn, bei aller Vorſicht ſollte ſeine verbrecheriſche Laufbahn ſich ihrem Ende zuneigen; das Glück, das ihn ſo lange begünſtigt, ſchien ſeiner jetzt überdrüſſig zu werden und ihn verlaſſen zu wollen.
Es war ein rauher Märzabend, als Fritz müde und matt wie ein gehetztes Wild und in einer äußer⸗ lich keineswegs repräſentabeln Verfaſſung an die Thür ſeiner Eltern klopfte und ſie um ein Nachtlager anſprach. Die Freude derſelben beim Wiederſehen ihres Sohnes war nie groß geweſen, und jetzt, wo ſie nicht zweifeln durften, daß er wegen irgend eines Vergehens verfolgt werde, weniger als je. Aber ein Obdach mochten ſie ihm darum doch nicht verſagen. Es diente ihnen zur Beruhigung, zu erfahren, daß ſein Aufenthalt nur von kurzer Dauer ſein werde; ſobald er ſeinen Koffer auf der Poſt in Empfang genommen haben würde, werde er weiter reiſen..
Der Koffer harrte in der That ſchon ſeines Be⸗ ſitzers, aber ihm nach war auch mit dem Steckbriefe die Weiſung erfolgt, den vermeintlichen Chevalier, der ihn abfordern würde, zu verhaften. Fritz ſah ſofort aus den Weitläufigkeiten, wie die Sachen ſtanden, und daß er zu ſpät kam; als ihn daher der Beamte bat, ihn in das Expeditionszimmer zu begleiten, nahm er alsbald die Gelegenheit wahr, den Ausgang zu gewinnen.
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Fritz befand ſich in einer trübſeligen Lage. Seine Kleidung war abgetragen und durchaus nicht geeig⸗ net, in ihm den vornehmen Mann erkennen zu laſſen, den er vorzuſtellen wünſchte, Mittel, ſich neu zu equi⸗ piren, mangelten gänzlich und ein längerer Aufenthalt bei ſeinen Eltern war ſo wenig für dieſe wünſchens⸗ werth, als für ihn ſicher.
Für jeden Andern würde dieſe Situation vielleicht verzweifelt geweſen ſein; für unſern Helden war ſie nur fatal. Bei den Hilfsmitteln, die er in ſeinen Fä⸗ higkeiten und Talenten beſaß, mußten ſich die ſchwie⸗ rigſten Punkte bald überſchreiten laſſen; was bedurfte es mehr als eines neuen Wechſels?— Und zweitau⸗
ſend Gulden, welche Geymüller in Wien dem Che⸗
valier Klinkowſtröm zahlen ſollte, ſtanden ſchnell zu ſeiner Verfügung; nur nützte ihm die Summe auf dem Papiere wenig, ſo lange er dieſes nicht in klingende Münze umſetzen konnte, dazu aber— und das war eben das Schwierigſte unter den gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſen— bedurfte er einer Perſönlichkeit, welche für ihn Bürgſchaft leiſtete. Woher ſollte ihm dieſe kommen?—
Der Streich, den Fritz jetzt ausführte, war un⸗ ſtreitig einer der keckſten die er bisher auf dieſem Ge⸗ biete unternommen.
So wenig empfehlenswertb, wie bereits erwähnt, ſein Aeußeres war, ſo begab ſich Fritz doch mit der Sicherheit eines Weltmannes nach dem Hötel des** Ge⸗ ſchäftsträgers am Preußiſchen Hofe, führte ſich als Cheva⸗ lier von Klinkowſtröm bei ihm ein und ferzählte, daß er eben von Paris komme und in ſein Vaterland zurückzureiſen im Begriff ſtehe, ſich aber zuvor in Ber⸗ lin eines Geſchäfts zu entledigen habe, indem er im Auftrage des Bankier Aquado dem Geſandtſchaftsſe⸗ kretär G. hundert Dukaten auszahlen ſolle. Leider ſei dieſer abweſend, er bitte daher den Herrn Attaché das Geld in Empfang zu nehmen.— Wer hätte in einer Erzählung, bei welcher es ſich um die Auszahlung von hundert Dukaten handelte, Mißtrauen ſetzen ſollen? Nun war der Chevalier zum Zahlen gern bereit, allein er beſaß kein anderes Geld als einen Wechſel über zweitauſend Gulden von Lewy in Hamburg auf Gey⸗ müller in Wien, dem Chevalier Klinkowſtröm zahlbar, und da er keine Accreditive für Berlin hatte, ſo war es ſchwierig, das Papier umzuſetzen. Die Bitte des Chevaliers ging ſchließlich dahin, daß der Herr Ge⸗ ſchäftsträger durch eine Beſcheinigung ihm die Ver⸗ werthung des Wechſels, dem noch dazu das Accept fehlte, erleichtere.
Ohne den geringſten Argwohn in ſeinen Beſucher zu ſetzen und ohne das Papier, für welches ſein Bei⸗ ſtand in Anſpruch genommen wurde, genauer zu prü⸗ fen, ſtellte der Geſchäftsträger den erbetenen Schein aus und dem Chevalier blieb nunmehr nur übrig, den Wechſel auf die Ordre desſelben zu indoſſiren und unter
dieſes Indoſſement deſſen Blancogiro anzubringen, was mit Vorlage des empfangenen Scheines geringe Schwie⸗
rigkeit hatte. Mit einer ſolchen Empfehlung ausgerüſtet und
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