Jahrgang 
1864
Seite
39
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wie

Emil Dietze: Ein Fälſcher. 39

mit dem Paſſe in Hamburg das Licht der Welt erblickt und war von den Gebrüdern Löbbecke und Co. an die Ordre des Grafen Montpelas⸗Jeſſy auf den Bankier Schulze in Berlin ausgeſtellt. In Danzig angekom⸗ men, glückte es ihm ſchon am Tage ſeiner Ankunft, in den Gebrüdern Goldſchmidt einen Käufer dafür zu fin⸗ den. Obwohl er ſogleich darauf ſeinen Paß über Stettin nach Hamburg zurück viſiren ließ, ſo reiſte er doch nicht ab, denn er hatte in den wenigen Stunden ſeines Hier⸗ ſeins eine Bekanntſchaft angeknüpft, von der ſich zu trennen, ihm ſchwer werden mochte. Eine Prieſterin der Venus, ein Geſchöpf, ſeiner vollkommen würdig und deshalb von dem ſcharfen Auge der Polizei beſon⸗ ders überwacht, hatte ihm zärtliche Gefühle für ſich ein⸗ geflößt. Es wurden ein, zwei und noch mehr Tage, ohne daß der Graf an Abreiſe dachte, und dabei war die Geſellſchaft, mit welcher er die Nächte durchſchwelgte, eine keineswegs ſeinem Stande, nicht einmal ſeinem Alter angemeſſene.

War es dem Polizeidirigenten ſchon aufgefallen, daß ein zur Reiſe nach St. Petersburg ausgeſtellter Paß nach Hamburg zurückoiſirt wurde, ſo befremdete es ihn noch mehr, von ſeinen Dienern zu erfahren, daß der Inhaber desſelben noch nicht abgereiſt ſei, welche Dame ihn zu feſſeln ſcheine und an welchen gemeinen Orten er ſich beinahe Tag und Nacht aufhalte. Er gab daher einem ſeiner Beamten den Aufrag, ihn auf⸗ zuſuchen und in ſeiner Equipage ihm zuzuführen. Der Ort, wo ihn dieſer fand, war eines der verrufenſten Häuſer. Der Graf konnte ſich der überaus artig an ihn geſtellten Einladung nicht wohl entziehen, er folgte ihr mit der Ruhe und Kaltblütigkeit eines reinen Ge⸗ wiſſens, und bewahrte ſie auch während der man möchte faſt ſagen freundſchaftlichen Unterredung zwiſchen dem Polizeimachthaber und ihm. Mit einer Sicherheit, als wenn er nur die lauterſte Wahrheit be⸗ richte, erzählte er, daß ſein Vater früher Landrichter in Regensburg geweſen ſei, ſich aber ſpäter nach München zurückgezogen habe, um dort in Ruhe von den Ein⸗ künften ſeiner Güter Roſenſtein, Illmendingen und Wörthenthal zu leben. Er ſelbſt habe die Univerſitäten Göttingen und Erlangen beſucht und von 1829 an Deutſchland, Italien, die Schweiz, Frankreich und Eng⸗ land bereiſt. Jetzt ſtehe er im Begriff nach Rußland zu gehen, indeß habe ihm das üble Wetter die Land⸗ reiſe verleidet und er gedenke von Hamburg aus zur See nach Petersburg zu reiſen.

Der Polizeidirektor hörte aufmerkſam und mit wohlwollendem Lächeln der Erzählung zu; er unter⸗ brach ſie nicht, der Graf war überzeugt, daß er ſie glaubte. Warum auch nicht? klang nicht Alles ſo wahrſcheinlich? Der Direktor bat um Aufſchlüſſe über den verkauften Wechſel, wegen deſſen ſchon einige Be⸗ denken laut geworden ſein mochten, und der junge Mann berichtete in der unbefangenſten Weiſe von der Welt, daß er ihm von ſeiner in Braunſchweig verhei⸗ rateten Schweſter, der Frau von Feldheim als Antheil eines verkauften Gutes überſchickt worden ſei. Nun erſt begann der Polizeiherr ſeine Kreuz⸗ und Querfra⸗

gen, denn ein Polizeibeamter läßt erſt dann ſein Miß⸗ trauen ſchwinden, wenn er die unwiderleglichſten Be⸗ weiſe der Wahrheit in den Händen hat. Des Grafen Inquirent entwickelte einen Scharfſinn und eine Un⸗ beugſamkeit, die Jenem den Angſtſchweiß auf die Stirn trieben und mehr als einmal in ſeinen Antworten zum Stocken brachten. Endlich ſchien das peinliche Ver⸗ hör zu Ende, der junge Mann erſchrak aber nicht we⸗ nig, als ihm ſchließlich aufgegeben wurde, in die Hände des ihn begleitenden Beamten ſeine Briefe und Legiti⸗ mationspapiere zu übergeben.

Daß es bis zu einer Hausſuchung kommen könnte, hatte unſer junger Betrüger nicht im entfernteſten ge⸗ dacht. Fand man bei ihm die gefä lſchten Stempel, ſo war er verloren. So verzweifelt ſeine Lage in dieſem Augenblicke war, die Geiſtesgegenwart verließ ihn nicht, kein Geſichtszug verrieth, wie nahe er jetzt das Ende ſeiner glänzenden Laufbahn fühlte.

Der Schlüſſel zu dem Koffer, welcher die ſo un⸗ entbehrlichen Papiere enthalten ſollte, war indeß nir⸗ gends zu finden; alle nur vorhandenen Schlüſſel wur⸗ den verſucht, keiner war der rechte und jeder verſagte den Dienſt. Der Polizeibeamte wurde ungeduldig und drohte mit Arreſt. Da mit einemmale erinnerte ſich der Graßz daß er ihn in einem geheimen Schubfache des Sekretärs verborgen habe und während er den richtigen Schlüſſel übergab, entfernte er mit Taſchen⸗ ſpielergeſchicklichkeit die verrätheriſchen Petſchafte und verbarg ſie in ſeiner Taſche. Alles Suchen nach Brie⸗ fen und Legitimationspapieren war natürlich frucht⸗ los, aber der Beargwöhnte hatte plötzlich allen ſeinen Muth wieder gewonnen und erklärte jetzt, da die Pa⸗ piere augenſcheinlich verloren gegangen ſeien, müſſe er es der Polizei überlaſſen, über die Wahrheit ſeiner An⸗ gaben Nachforſchungen anzuſtellen. Wolle man, fügte er mit kaltem Trotz hinzu, Gewalt an ihm üben, ſo würde er ſich allerdings fügen müſſen, allein er werde nicht ermangeln,ſich wegen der ihm zugefügten Belei⸗ digung höheren Ortes zu beſchweren.

Die Sicherheit und das vornehme Weſen, womit dies ausgeſprochen wurde, blieb auf den Beamten nicht ohne Einwirkung, und da ſich, wie die Sache augen⸗ blicklich ſtand, gewaltthätige Mittel in der That nicht wohl anwenden ließen, der Graf ſich auch nicht herbei⸗ ließ, ſeine Ausſagen zu verändern, ſo wagte man es nicht, die Haft über ihn zu verhängen. Unſer Held wußte nur zu gut, welche Wendung ſeine Angelegenheit nehmen mußte; um ſie ſich alſo günſtiger zu geſtalten, erbot er ſich, den Kaufpreis des Wechſels zurückzuzah⸗ len und er erlangte damit wenigſtens ſo viel, daß man ihn nicht weiter beläſtigte, wenn man auch nicht unter⸗ laſſen konnte, ihn ſcharf zu beobachten. Graf Mont⸗ pelas glaubte jetzt, aller Gefahr ledig zu ſein, oder vielmehr, was wahrſcheinlicher iſt, er mochte die einmal angen ommene Rolle nicht aufgeben, er führte aus, wo⸗

mit er gedroht, er beſchwerte ſich bei der oberen Be⸗ hörde wegen der ihm widerfahrenen Kränkung und dieſe verfügte auch in Folge davon die Aufhebung der Spezialaufſicht, wenn ſchon ſie ſich nicht dazu verſtand,